Umstrittene TV-Serie "Das prächtige Jahrhundert"

Kulturkampf auf Türkisch

In der Türkei erhitzt derzeit eine Fernsehserie die Gemüter, die angeblich das Privatleben des osmanischen Sultans Süleyman I. durch den Kakao zieht und damit das Osmanische Reich befleckt. Einzelheiten von Jürgen Gottschlich aus Istanbul

Sultan Süleyman der Prächtige auf einem Gemälde, das Tizian zugeschrieben wird; Foto: wikipedia
Regierte zur Blütezeit des Osmanischen Reiches im 16. Jahrhundert: Sultan Süleyman der Prächtige. Islamisten und Osmanen-Nostalgiker kritisieren die Serie daher auch als üblen Verrat an der großen Vergangenheit.

​​Sie kamen mit Trommeln und im Kostüm der Janitscharen. Hunderte Demonstranten, mobilisiert von der Saadet-Partei versammelten sich vor den Toren des Privatfernsehsenders Show-TV und verlangten lautstark, eine gerade angelaufene Fernsehserie wieder aus dem Programm zu nehmen.

"Muhtesem Yüzyil", zu Deutsch: "Das prächtige Jahrhundert" ist die derzeit die meistdiskutierte Serie im türkischen Fernsehen.

Es geht um Süleyman den Prächtigen und seinen Harem. Für die Rechten, die Islamisten und Osmanen-Nostalgiker ist die Serie übler Verrat an der eigenen großen Vergangenheit. Denn immerhin repräsentiert die gut 40-jährige Herrschaft von Süleyman Kanuni (in der Türkei spricht man anstatt von "Süleyman dem Prächtigen" von "Süleyman dem Gesetzgeber") die Hochzeit des Osmanischen Reiches.

Nie war das Reich mächtiger, nie war es größer als im 16. Jahrhundert, als Süleymans Truppen erst Budapest eroberten und anschließend Wien belagerten. Mit diesem Erbe ist nicht zu spaßen. "Unangemessen", "respektlos", "unverschämt", "dumm" und zu allem Übel auch noch historisch falsch sei die Serie und gehöre deshalb nicht ins türkische Fernsehen.

Das finden nicht nur konservative Demonstranten auf der Straße, sondern auch der stellvertretende Regierungschef Bülent Arinc, der öffentlich ankündigte, gegen die Ausstrahlung der Soap aus dem Harem mit Regierungsmacht vorzugehen. Umgehend wurde die staatliche Aufsichtsbehörde für Film und Fernsehen (RTÜK) mobilisiert.

Rücksicht auf die "Sensibilität der Gesellschaft"

Bülent Arinc; Foto: AP
Kündigte öffentlich an, gegen die Ausstrahlung der Soap mit Regierungsmacht vorzugehen: Bülent Arinc, stellvertretender Regierungschef

​​Ministerpräsident Erdogan drohte, dass Gesetz erlaube zur Not auch dem Regierungschef, eine Sendung aus dem Fernsehen zu verbannen, worauf RTÜK den Machern der Serie denn auch umgehend drohte, sie müssten mit Sanktionen rechnen, wenn sie nicht auf die "Sensibilität der Gesellschaft" Rücksicht nehmen würden. Und die Macher nahmen Rücksicht.

Im zweiten Teil (jede Woche läuft ein Film über eineinhalb Stunden) wurden etliche Kuss-Szenen herausgeschnitten, bevor der Film über den Sender ging. Und wofür das alles? "Muhtesem Yüzyil" ist nicht etwa eine Serie, die die Osmanen kritisch behandelt oder auch nur veralbern würde.

Der Film ist eine seichte Love-Story, die sich der Kulissen des Osmanischen Reiches bedient, um Eifersucht und Intrige in Szene zu setzen. Doch das Publikum ist begeistert. Die Serie ist ein Straßenfeger und erreichte am letzten Mittwoch für die Produzenten traumhafte Einschaltquoten. Die halbe Nation hing vor der Mattscheibe um zu sehen, wie die berüchtigte Roxelane, die im Film Alexandra heißt, sich den Sultan angelt.

Angesichts von so überwältigendem Interesse ist wohl nun doch nicht mehr mit einem Verbot zu rechnen, selbst wenn der Film weiterhin mehr im Harem als auf dem Schlachtfeld spielen sollte und der Sultan weiterhin dem Wein zusagt.

Dennoch ist der Film ein guter Indikator für den Kulturkampf, der derzeit das Land beschäftigt. Kann man noch über die Aufregung um die Soap Opera eher lachen, wird es an anderer Stelle schon bedenklicher.

Ein "monströses" Kunstwerk?

​​Die Debatte um den Film war gerade richtig in Schwung gekommen, da setzte Ministerpräsident Tayyip Erdogan gleich noch eins drauf. Bei einem Besuch der Stadt Kars im äußersten Osten des Landes, nahe der armenischen Grenze, entdeckte er ein Denkmal, das ihm nicht gefiel.

Es handelt sich dabei um eine monumentale Skulptur des deutsch-türkischen Bildhauers Memet Aksoy, die 35 Meter hoch zwei halbierte Figuren zeigt, die aufeinander zugehen. Die Skulptur soll Türken und Armenier symbolisieren, die nach einem knappen Jahrhundert der Trennung wieder aufeinander zugehen. Ein Mahnmal der Versöhnung, das Erdogan eine "Monstrosität" nennt und verlangt, dass es aus der Stadt entfernt wird.

Ein Regierungschef, der ästhetische Maßstäbe setzt und den zuständigen Bürgermeister, der seiner Partei angehört, anweist, dafür zu sorgen, dass ein Kunstwerk verschwindet? Und ein stellvertretender Regierungschef, der eine Fernsehserie absetzen lassen will? Mit der Freiheit, von der die AKP-Regierung so lange geredet hat, hat das nur noch wenig zu tun.

Es scheint, dass die Kritiker Recht behalten werden, die schon länger glauben, dass die türkische Regierungspartei AKP mit Freiheit lediglich die Freiheit in ihrem eigenen Interesse meint, beispielsweise die Aufhebung des Kopftuchverbotes an Universitäten und Schulen.

Dass es mit der Toleranz dagegen nicht weit her ist, zeigt ein neues Gesetz, dass dieser Tage in Kraft treten soll und ebenfalls Teil des Kulturkampfes zwischen der islamischen Mehrheit und der säkularen Minderheit ist: Künftig soll nicht nur jede Werbung für Alkohol untersagt werden, auch der Ausschank von Alkohol bei Ausstellungseröffnungen in Galerien oder bei Theaterpremieren wird dann unter den Bann fallen.

Jürgen Gottschlich

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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