Umm Kulthum-Ausstellung

Hommage an Ägyptens "vierte Pyramide"

Eine Ausstellung im Pariser Institut du Monde Arabe widmet sich dem Leben und Werk der berühmten ägyptischen Sängerin Umm Kulthum, an deren Repertoire sich bis heute Stars wie die Franko-Marrokanerin Sapho und Sternchen wie die Libanesin Nancy Ajram versuchen. Mona Sarkis hat die Ausstellung besucht.
Umm Kulthum bei einem Auftritt; Foto: DW
Sie war die Stimme Ägyptens, Umm Kulthum. Wie keine andere verkörperte sie das "al tarab", die emotionale Ergriffenheit der Musiker und des Publikums.

​​Auf vier sich kreuzenden Wegen will das Institut du Monde Arabe an die "vierte Pyramide", wie Umm Kulthum in ihrer Heimat am Nil auch genannt wurde, heranführen: Die erste Sektion stellt Wurzeln und Werdegang der ägyptischen Diva vor.

Dokumente, Objekte, Fotografien, Video- und Tonsequenzen führen in die Zeiten des britischen Mandats, der Herrschaft der Könige Fuad und Faruq, der Revolution von 1952 und der Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar Sadat zurück. Und natürlich in die Zeit der epochalen Niederlage von 1948.

Umm Kulthum, die 1904 geboren wurde und als Bauernkind aus dem ärmlichen Nildelta stammte, absolvierte ihre ersten Auftritte als Junge verkleidet. In den 1940er und 1950er Jahren war sie bereits auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes angelangt.

Stolz und Schmach

Als überzeugte Anhängerin des Panarabismus unterstützte sie den Krieg gegen Israel. Und als ihr Verehrer und Mentor Nasser die Araber in das Trauma von 1967 führte, zog sie demonstrativ und majestätisch zugleich auf Konzerttournee durch fast alle arabischen Staaten. Im gleichen Jahr erklärte sie in Paris, wo sie ihr erstes und einziges Konzert in einer nicht-arabischen Stadt gab: "Lieber sterben wir, als uns zu ergeben. Es gibt keinen Waffenstillstand in der Schlacht."

​​Doch Umm Kulthum war nicht nur eine überzeugte Nationalistin. Bekannt war sie auch für ihre Leidenschaft, den fast unendlich anmutenden Liebesschrei aus "El-Atlal" ("Die Ruinen"), dem wohl berühmtesten Stück aus ihrem Repertoire, geschrieben von Ibrahim Naji zur Komposition von Riad al-Sunbati. "El-Atlal" lässt Lied und Leidenschaft verschmelzen und bringt das zu Gehör, wofür Umm Kulthum musikalisch steht: den so genannten "Al-Tarab".

Die Ausstellungsbesucher können auch musikalisch eintauchen: Per Konzertmitschnitten erlebt man die Sängerin, jede Intonation auskostend, mitunter stundenlang improvisierend und in direkter emotionaler Interaktion mit dem Publikum. In dieser zweiten Sektion, "Das Talent", finden sich auch Musikexperten-Interviews und die Bühnenroben der Umm Kulthum.

"Entschleiert Euch, meine Schwestern!"

Teil drei widmet sich dem öffentlichen Engagement der Musik-Ikone. Vor ihrem erfolgreichen Aufstieg musste Umm Kulthum oft genug vor primitivem Publikum auftreten, wie sie später erzählte: "Wir wurden [in unseren Anfängen] oft bedroht von Säufern, und das Publikum verlangte ordinäre Lieder in der Art 'Ziehen wir die Vorhänge zu, damit uns die Nachbarn nicht sehen'".

Später geriet sie mit ihrem bis zur Perfektion getriebenen "tajwid", ihren musikalischen Koranrezitationen, bei den Muslimbrüdern unter Blasphemie-Verdacht. Doch solche Vorwürfe ließen die Tochter eines Imams, die ihre Nervosität vor Auftritten mit Koranlektüre zu dämpfen suchte, – zumindest äußerlich – unberührt; ebenso das Getuschel über ihr streng gehütetes Privatleben und die Unterstellung, sie habe nur deshalb noch spät geheiratet, um sich hinter eine ehrenwerte Fassade zu flüchten.

Bei ihrem letzten Auslandskonzert in Libyen forderte sie ihre Assistentinnen hinter der Bühne auf: "Entschleiert euch, meine Schwestern. Wir sind die produktive Kraft unserer Gesellschaften, wir können den Kopf erhoben tragen und nackt!"

Dass Umm Kulthums Erbe weiterlebt, verdeutlicht der vierte Ausstellungsbereich: 25 Künstler von Saudi-Arabien bis Pakistan, von Tschechien bis Italien, dem Sudan bis in die Niederlande, umkreisen mit ihren Werken die "ägyptische Nachtigall". Sei es in Huda Luftis Darstellung der Umm als Freiheitsstatue; sei es mit Augenzwinkern, wie bei den Handtäschen von Sarah Baydouns und Sarah Nahhoulis, auf denen die Diva mit kultigem Dutt, Brille und Perlenkette in Pop Art-Manier abgebildet ist.

Mona Sarkis

© Qantara.de 2008

Die Ausstellung "La quatrième pyramide" ist noch bis zum 2. November 2008 im Institut du Monde Arabe in Paris zu sehen. Am 27. September 2008 gibt es ab 21 Uhr eine Filmnacht rund um Umm Kulthum.

Qantara.de

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