Türkisches Kino: "Recep Ivedik 2"

Albtraum in Orange

Der Komiker Recep Ivedik gilt als Superstar bei vielen jungen türkischen Kinofans. 2008 war er bereits der erfolgreichste Filmheld der Türkei, und kaum ein Jahr später schlägt "Recep Ivedik 2" in seinem Heimatland wieder alle Rekorde. Christiane Schlötzer informiert.

​​So sieht er aus, der Albtraum der kultivierten Menschheit, so wie Recep Ivedik. Der flucht, fläzt und flegelt, greift sich mit der Hand in den Schritt, trägt seinen Schmerbauch wie eine Trophäe und sein geschmacksfreies orangefarbenes Hemd zu fast jedem Anlass.

Und erst die Sprüche... einfach zum Davonlaufen. Seine DNS, röhrt der Kloß, erlaube ihm das Arbeiten nicht. Viel zu leicht reizbar ist der Wabbeltyp auch noch, weiß nie, wohin mit seiner Kraft.

Aber sie wollen ihn sehen, stürmen die Kinos, zugegeben nicht alle, es gibt auch Landsleute von Recep Ivedik, die sagen, wenn ich meinem Hausmeister zuhören will, muss ich doch keine Kinokarte kaufen. Das wiederum ist eine Beleidigung für die Hausmeister der türkischen Nation, oder eben, wie man es nimmt: eine Verneigung.

Populärster Filmheld der Türkei

Denn der unmögliche Kerl ist Kult. Recep Ivedik war 2008 der erfolgreichste Filmheld der Türkei, und nun gibt es weniger als ein Jahr danach schon "Recep Ivedik 2", und der Film schlägt in seinem Heimatland wieder alle Rekorde.

Dies spiegelt sich auch in der wachsenden Zahl deutscher Filmsäle, die ein türkisches Publikum bedienen. Auch hier ist Ivedik Familienvergnügen, wobei die Altersgrenze von zwölf Jahren für das Werk nicht wirklich stört, weil sie sichtlich großzügig ausgelegt wird.

Das Ivedik-Verbot soll die Kleinsten vor den vulgären Sprüchen des Lümmels schützen, dessen Publikumserfolg türkischen Filmkritikern höchst peinlich ist.

Aber auch das gehört irgendwie zum Konzept von Recep Ivedik. Denn dieser Schelm lebt davon, dass er ein einziger Fettnapf ist, und sein zweifellos vorhandener Witz speist sich - ähnlich wie bei einer Figur im traditionellen türkischen Schattenspiel Karagöz oder in einem Kasperletheater - aus gesellschaftlichen Gegensätzen.

In diesem Fall geht es um offenkundige Klassenunterschiede in der Türkei von heute. Das türkische Trampeltier Ivedik trifft auf eine Welt, in der Wesen seinesgleichen nur scheitern können.

Dieser Bär mit einem Bart, der an Riesenkoteletten erinnert, weiß nicht, dass man im Latte-Macchiato-Tempel Starbucks keinen Bergtee bestellen kann, im Sushi-Laden schmiert er sich fingerdick höllenscharfes Wasabi aufs Brot, in einem Istanbuler Yoga-Club, wo sich bleistiftdünne Damen entspannen, passt er auf keine Plastikmatte, und auf den Black-Dress-Partys völlig verwestlichter Werbefritzen erscheint das anatolische Landei im Drachenanzug.

In der Welt der weißen Türken

Die Figur des türkischen Tölpels ist in jeder Hinsicht überzeichnet, sodass sie zur Identifikation nicht wirklich taugt. Wenn es eine Identifikation mit Ivedik gibt, dann ist dies weniger eine mit der Person als eine mit jeder neuen peinlichen Situation, in die dieser Underdog gerät.

Ein Gefühl von Distanz zur schönen neuen Welt der "weißen Türken", der urbanen Elite, ist Millionen vertraut, die in den letzten Jahrzehnten aus den ländlichen Weiten in die Großstädte Istanbul, Ankara und Izmir zugewandert sind.

Die Fremdheit zwischen der Upper-Middle-Class und dem Heer der billigen Arbeitskräfte, die den Reichen das Leben erleichtern, ist unübersehbar. Womöglich empfinden diese Migranten im eigenen Land den Abstand zwischen den Schichten sogar stärker als ihre Landsleute in der deutschen Diaspora, wo man so gern über Parallelgesellschaften redet.

Recep Ivedik im Yoga-Club; Quelle: Kinostar
Wenn es eine Identifikation mit Ivedik gibt, dann ist dies weniger eine mit der Person als eine mit jeder neuen peinlichen Situation, in die er gerät: Recep Ivedik im Yoga-Club

​​ Denn im Vergleich zu hiesigen Verhältnissen berühren sich die Istanbuler Parallelwelten noch am ehesten auf der Dienstbotenebene.

In Deutschland kauft auch die Managergattin bei Aldi und Lidl, in der Türkei sind die vergleichbaren Discounter das Reich der Kopftuchfrauen mit den großen Taschen, während die Aufsteiger-Kleinfamilie am Sonntag gemeinsam bei Carrefour shoppt. Es gibt in Istanbul Stadtteile, deren Edelschick eher den Straßen von San Francisco ähnelt als den Ecken von Berlin-Neukölln.

Es wäre gewiss zu viel des Guten, Recep Ivedik zum sozialromantischen Kämpfer wider die neue türkische Konsumgesellschaft zu verklären, schließlich hat sein Schöpfer den Massenerfolg selbst kühl kalkuliert, und der Mann ist auch alles andere als ein tumber Tor.

Sahan Gökbakar, geboren 1980 in Izmir, hat an der renommierten Bilkent-Universität in Ankara Musik und Kunst studiert, und die Hochschulstatistik von 2002 weist ihn als einen der besten Absolventen aus. Danach begann er mit komödiantischen Fernsehshows.

Auch Ivedik war einer der Charaktere, die er dabei kreierte, ein Mann, der sich der Regeln der Gesellschaft nicht bewusst ist, deshalb ständig dagegen verstößt und sich mit Flegelhaftigkeit aus allen Fallen zu retten versucht. Er ist dabei eher ein trauriger Held, ein Macho, der eigentlich ein Oma-Söhnchen ist.

Recep Ivedik mit seiner Großmutter; Quelle: Kinostar
Unbewußt ist Recep Ivedik ein Rebell gegen gesellschaftliche Konventionen - ein trauriger Held, ein Macho, der eigentlich ein Oma-Söhnchen ist.

​​Diese Großmutter, und dies ist die ganze magere Geschichte, verlangt von ihrem Enkel, dass er einen Job findet und die Wertschätzung seiner Mitmenschen erwirbt, und heiraten soll er auch noch.

Mit Arbeit und Anerkennung klappt es nach vielen gescheiterten Anläufen (als Pizzakurier, Pharmazieverkäufer, Flugbegleiter und Supermarktkassierer, wobei Ivedik mit seinen Kommentaren zu Präservativen so lange nervt, bis er aus dem Laden fliegt, prüde ist der Typ keineswegs).

Bei den Frauen aber hat Recep auch im Cyberflirt kein Glück, weshalb er der sterbenden Oma einen verkleideten Arbeitskollegen als Braut präsentiert. Die Oma macht die Augen zu, und der Enkel freut sich aufs Öffnen ihrer Schatzkiste, die ihm bei Erfüllung der drei Aufgaben versprochen war.

Die Kiste aber ist leer, bis auf ein Foto der grinsenden Großmutter. Dies ist die schönste Szene, weil sie an die Stelle des Konsumversprechens eine Liebeserklärung setzt.

Nachhilfe für den Schnellsprech

Aber das ist dann auch schon die ganze Katharsis der Klamaukiade. Der Film läuft hierzulande mit deutschen Untertiteln, weil der Verleih auch auf ein einheimisches Publikum hofft, dem allerdings die nötige landsmannschaftliche Nähe zu diesem Anti-Helden fehlen dürfte.

"99,9 Prozent der Besucher sind Türken", glaubt denn auch der deutsche Verleiher Kinostar, der sich inzwischen auf türkische Blockbuster spezialisiert hat. Die deutschen Untertitel sollen aber auch jenen jungen Türken helfen, denen der Istanbuler Schnellsprech nicht mehr so geläufig ist.

Der letzte vergleichbare türkische Mega-Erfolg in Deutschland war 2006 das hochumstrittene Gewalt-Epos "Tal der Wölfe". 410.000 Zuschauer fand das stark national getönte Werk, das deutsche Politiker entsetzte und die florierende neue türkische Filmindustrie in ein grelles Scheinwerferlicht tauchte.

Nun hat "Ivedik 2" diesen Rekord mit 413.000 Zuschauern bereits am 1. März in nur zweieinhalb Wochen Laufzeit gebrochen. Bevor der türkische Film von Aachen bis Wuppertal ein neues Massenphänomen wurde ("Ivedik 2" läuft mit 82 Kopien), hatte es lange keine solchen Besucherzahlen für Produktionen vom Bosporus gegeben.

Man muss schon bis 1982 zurückgehen, da fand "Yol" (Der Weg) des vielfach preisgekrönten Yilmaz Güney in Deutschland 366.000 Zuschauer. Aber Güneys Filme waren politisches Kunstkino, dafür interessierten sich auch Deutsche damals.

Recep Ivedik im Hasenkostüm; Quelle: Kinostar
Publikumserfolg auch in Deutschland: Nach nur zweieinhalb Wochen Laufzeit sahen 413.000 Zuschauer den Kinoschlager "Ivedik 2".

​​"Ich bekomme meine Auszeichnung von den Zuschauern, ich brauche keine anderen Preise, von niemandem", zitierte die türkische Zeitung Zaman den Ivedik-Schöpfer Gökbakar, der die Regie seiner Filme seinem nicht weniger selbstbewussten 25-jährigen Bruder Togan anvertraut hat.

Fast 40 Prozent der Kino-Karten in der Türkei entfallen auf Eigenproduktionen, ein Traumergebnis im europäischen Vergleich. Neu ist nun: Die kommerziellen erfolgversprechenden Filme starten in der Türkei und in Deutschland praktisch gleichzeitig, und um das begehrte Wirtschaftsgut türkischer Film rivalisieren bereits mehrere Verleiher, die von Deutschland aus mittlerweile auch den Markt in den Nachbarländern bedienen, von Österreich bis Dänemark.

Die Popcorn-Paläste interessieren sich allein fürs große Geschäft, die türkische Filmindustrie ist aber weit produktiver. Festivals, wie jüngst in Nürnberg oder die 20. Türkischen Filmtage in München, widmeten sich vornehmlich dem anspruchsvolleren Arthouse-Kino, beispielsweise eines Nuri Bilge Ceylan.

Dazwischen aber hat sich in der Türkei noch ein Genre entwickelt, das mit historischen Stoffen Kasse macht und dabei zunehmend Tabus bricht. Zuletzt etwa mit dem Film "Güz Sancisi" (Herbstschmerz) der Regisseurin Tomris Giritlioglu.

Der Film erzählt vom Wüten eines türkischen Mobs gegen die Istanbuler Griechen im Jahr 1955. Diese Geschichte hat seit dem Start am 23. Januar in der Türkei bereits 540.000 Zuschauer gefunden. Eine Sensation ist auch dies.

Christiane Schlötzer

© Süddeutsche Zeitung 2009

"RECEP IVEDIK 2", Türkei 2009 - Regie: Togan Gökbakar. Mit Sahan Gökbakar. Kinostar-Verleih, 114 Minuten

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