Es war kein Zufall, dass der türkische Generalstabschef Hulusi Akar und Geheimdienstleiter Hakan Fidan Ende vergangener Woche zu Gesprächen mit der russischen Militärführung nach Moskau reisten. Es ging offenbar just um die Feinabstimmung der russischen Haltung zur türkischen Offensive.

Der Mehrwert, den Russland darin sieht, ist klar: Zwar hat auch Moskau die kurdischen Freischärler in Syrien unterstützt, und der russische Außenminister Sergej Lawrow bekundete in den vergangenen Jahren zum Verdruss Ankaras mehrfach Verständnis für die Bestrebungen der Kurden nach politischer Eigenständigkeit. Doch zugleich sind die YPG-Truppen Verbündete der Amerikaner, was ihre Bekämpfung durch die Türken in der Moskauer Nullsummenlogik schon deshalb gewinnbringend erscheinen lässt, weil es den Konflikt zwischen den Nato-Partnern Washington und Ankara vertiefen könnte.

Warten auf Amerikas Reaktion

Türkische Angriffe auf Militärposten der YPG in Nordwest-Syrien; Foto: picture-alliance/abaca
Ausweitung der Kampfzone: Die türkischen Streitkräfte sind in die nordsyrische Provinz Afrin eingerückt, um die mit den USA verbündete Kurdenmiliz YPG zu vertreiben. Ziel der “Operation Olivenzweig” ist nach den Worten von Ministerpräsident Binali Yildirim die Einrichtung einer 30 Kilometer breiten Sicherheitszone.

Russische Stellungnahmen vom Wochenende deuten jedenfalls darauf hin, dass die Moskaureise des türkischen Generalstabschefs erfolgreich war. Die jüngste Krise sei durch "provokative Schritte" der Vereinigten Staaten ausgelöst worden, teilte das russische Verteidigungsministerium mit und kritisierte "unkontrollierte Lieferungen moderner Waffen an proamerikanische Gruppierungen im Norden Syriens".

Zudem hieß es aus Moskau, man habe Militärpolizei sowie Soldaten aus dem Gebiet um Afrin abgezogen – eine wichtige Vorbedingung für den türkischen Angriff, denn nichts wäre schädlicher für die Türkei, als wenn bei den Kampfhandlungen außer Kurden auch Russen ums Leben kämen. Die drastische Moskauer Reaktion auf den Abschuss eines russischen Kampffliegers durch die Türkei Ende 2015 – Tourismusboykott, Einfuhrverbot für türkische Waren und Drohung militärischer Konfrontation in Syrien – hat man in Ankara nicht vergessen.

Nun kann Russland in aller Ruhe zusehen, wie die Amerikaner darauf reagieren, dass die Türkei ihre effektivsten lokalen Hilfstruppen im Kampf gegen den IS in Syrien angreift. Medien in der Türkei zitierten einen Pentagon-Sprecher mit der Aussage, die amerikanisch geführte Koalition habe keine laufenden Operationen in Afrin, da sie auf dem Kampf gegen den IS konzentriert sei, was in Ankara als Billigung des türkischen Angriffs verstanden wurde.

Der amerikanische Außenminister Rex Tillerson hatte jedoch in der vergangenen Woche gesagt, sein Land plane, einstweilen in Syrien zu bleiben, um der Entstehung eines "IS 2.0" vorzubeugen.

Sollte sich auf dem Nährboden des syrischen Krieges eine solche Neuauflage des IS entwickeln, könnten die kurdischen Einheiten wieder wichtig werden für die Amerikaner.

Doch wie wird es sich auf die Kampfmoral und die Loyalität der YPG gegenüber ihren amerikanischen und russischen Partnern weiter östlich in Syrien auswirken, wenn ihr Außenposten Afrin im Westen nun der Türkei überlassen wird?

Michael Martens

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2018

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