Türkische Dokumentarfilme auf der Dok Leipzig

Ungehorsam in allen Lebenslagen

Der Länderfokus des 59. Festivals für Animations- und Dokumentarfilm in Leipzig beschäftigte sich mit der Türkei. Zahlreiche Filme und Diskussionen zeigten, wie es um die Kultur- und Filmszene in dem derzeit von heftigen Konflikten gespaltenen Land steht. Von Madeleine Prahs

"Ungehorsam" war das übergreifende Motto des 59. Internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig. Was es konkret bedeutet, wenn das eigene künstlerische Schaffen als politische Bedrohung wahrgenommen wird, wurde an einem Diskussionsabend mit türkischen Dokumentarfilmern deutlich.

"Documentaries in Turkey: The next frontier?" war der Abend betitelt, und sichtlich betroffen berichteten einige Filmemacher von staatlichen Repressionen, etwa, wie schwer man ihrem kurdischen Kollegen Selim Yildiz die Teilnahme am Filmfestival in Ankara im April 2016 gemacht hatte.

Der Regisseur Yildiz thematisiert in seinem Film I Remember (Bîra Mi' Têtin, 2015) eine persönliche Erinnerung an das Massaker der türkischen Armee an 34 kurdischen Zivilisten in Roboski und begleitet Menschen, die an der Grenze zum Irak leben. Dort kollidiert deren abgeschiedenes Leben im Hochgebirge mit der Dauerpräsenz türkischer Soldaten. Yildiz' Film wurde schließlich in letzter Minute aus dem Programm des Ankara International Film Festival gestrichen. Nun wurde I Remember im Rahmen des diesjährigen Länderfokus Türkei in Leipzig gezeigt.

Protestbewegungen und das Recht auf Stadt

Zwar waren die politischen Entwicklungen in der Türkei bei der Programmplanung nicht vorhersehbar, doch die Ereignisse der letzten Tagen und Wochen – die Verhaftungen von Journalisten und Oppositionspolitikern – haben dem Länderfokus noch einmal zusätzlich Brisanz verliehen.

Insgesamt 18 aktuelle Dokumentarfilme waren im Fokus Türkei zu sehen, und bei den anschließenden Film-Gesprächen wurde deutlich, dass viele Regisseurinnen und Regisseure ihre Werke ohne staatliche Förderung realisieren. Allein diese Tatsache lässt darauf schließen, wie schwer es eine selbstbewusste Kultur- und Filmszene in dem von Zensur und Unterdrückung geprägten Land hat.

Beispielhaft greift dies Firat Yücels Film Audience emancipated: The struggle for the Emek Movie Theater (Özgürleşen seyirci: Emek Sineması mücadelesi, 2016) auf. Im Mittelpunkt steht jene Protestbewegung, die 2010 den Abriss des Emek-Kinos, eines der wichtigsten historischen Wahrzeichen Istanbuls verhindern wollte.

Regisseur Firat Yücel hat unter anderem Bildmaterial verschiedener beteiligter Aktivisten verwendet, um eindrucksvoll spürbar zu machen, was der Ausgangspunkt für den "Ungehorsam" der Bevölkerung war: das Recht auf Selbstbestimmung und das "Recht auf Stadt", also urbane Teilhabe. Dass gerade der Kampf um den Erhalt des Emek-Kinos zu einem Schlüsselereignis in der neueren politischen Geschichte der Türkei wurde, betonte auch Özge Calafato, die Kuratorin des Länderschwerpunkts: "Letzten Endes wurde hier der Weg für die Proteste im Gezi-Park geebnet."

Große ethnische Vielfalt

Der Programmschwerpunkt gewährte den Besucherinnen und Besuchern einen differenzierten Einblick in das aktuelle Schaffen der türkischen Filmemacher. Ein amüsanter Rückblick, wie ihn Cem Kaya in Remake, Remix, Rip-Off (Motör. Kopya kültürü ve popüler Türk sineması, 2014) auf die Ära billiger Remakes und Adaptionen in der türkischen Filmindustrie der 1960er- und 1970er-Jahre präsentierte, blieb allerdings die Ausnahme. Die meisten ausgewählten Lang- und Kurzfilme rückten die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Gegenwart in den Fokus und boten damit ungewohnte Einblicke in Politik und Gesellschaft der Türkei.

"Wir haben Filme von Kurden, Filme von Armeniern", erzählt Grit Lemke, Programmleiterin des Festivals. "Es gibt eine große ethnische Vielfalt bei den Filmen, eine große künstlerische Vielfalt, und man wird das Land ganz anders wahrnehmen, als man es bisher wahrgenommen hat."

Die Armenierin Hale Güzin Kizilaslan etwa geht dem Völkermord an den Armeniern nach, ihr Film The Return (Veratarts, 2015) bringt die verdrängten Erinnerungen eines ganzes Landes zum Vorschein – und mit ihnen kollektive Traumata. Die Regisseurinnen Berke Baş und Melis Birder wiederum begleiten in Bağlar eine aufstrebende kurdische Basketballmannschaft, und hier wirkt die Realität plötzlich, als sei sie einem fiktiven Hollywood-Drama entnommen.

Da trainiert ein leidenschaftlicher Basketballlehrer junge Männer, die das Ziel haben, in die nationale Liga aufzusteigen, während gleichzeitig die Polizei nicht unweit der Sporthalle Wasserwerfer gegen die kurdische PKK und ihre Anhänger einsetzt.

Unterstützung für unabhängige, türkische Filmemacher

Mit einem kritischen und qualitativ hochwertigen Programm überzeugte das Festival auch jenseits des Türkei-Fokus. So gewann der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa den Hauptpreis, die Goldene Taube im internationalen Langfilm-Wettbewerb für seinen Film Austerlitz, der dringliche Fragen nach der zeitgenössischen "Erinnerungskultur" an den Gedenkstätten der Shoa aufwirft.

Zwar nehmen die Beiträge aus dem Länderfokus seit jeher nicht am Wettbewerb teil, aber Filmpreise und internationale Festivals verstärken die öffentliche Wahrnehmung.

Auch deshalb wurde auf dem Diskussionsabend in Leipzig der New Film Fund vorgestellt, eine Kooperation von Anadolu Kültür, einer türkischen Institution, die sich für kulturelle Diversität einsetzt und dem !f Istanbul International Independent Film Festival. Der 2015 gegründete Fonds soll künftig auch die Arbeit jener türkischer Dokumentarfilmer ermöglichen, die es aufgrund von Zensurmaßnahmen schwer haben, staatliche Förderungen zu erhalten.

"Mit diesem unabhängigen Filmfonds", so die Projektleiterin Zeynep Güzel, "möchten wir die Filmemacher dabei unterstützen, internationale Koproduzenten zu finden." Regisseur Firat Yücel, der neben ihr saß, nickte entschlossen, und spätestens hier wurde deutlich: Die Filmschaffenden in der derzeit von heftigen gesellschaftlichen und politischen Konflikten gespaltenen Türkei sind mindestens so widerstandsfähig wie die Filme selbst.

Madeleine Prahs

© Goethe-Institut 2016

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