Traumatherapie in Irak-Kurdistan

"Ziel ist eine Gesellschaft ohne Gewalt"

In Irak-Kurdistan leben rund zwei Millionen Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft und Religion. Die Jiyan-Stiftung unterstützt Überlebende von Folter, Verfolgung und Gewalt durch medizinische, psychotherapeutische und soziale Hilfe in der Region. Katja Dombrowski sprach mit Salah Ahmad, dem Vorsitzenden der Jiyan-Stiftung.

Die Jiyan-Stiftung für Menschenrechte hilft Flüchtlingen und Gewaltopfern im kurdischen Nordirak. Welche Gruppen von Flüchtlingen gibt es in dieser Region?

Salah Ahmad: Nach Kurdistan sind viele Menschen aus dem Süden und dem Zentrum des Iraks gekommen, die dort verfolgt wurden. Darunter sind viele Sunniten und Christen, etwa aus Bagdad oder Basra, Flüchtlinge aus Mossul, wo ISIS herrscht, und natürlich auch viele Syrer. Dazu kommen Flüchtlinge aus dem Iran und der Türkei: Kurden und Oppositionelle. Kurdistan ist die einzige sichere Region, und die Kurden haben diese Menschen aufgenommen, so gut es ging.

Um wie viele Flüchtlinge handelt es sich?

Ahmad: Offiziell ist von 1,8 Millionen Flüchtlingen in Kurdistan die Rede; manche sagen auch, es seien mehr als zwei Millionen – bei einer Bevölkerung von rund fünf Millionen. Damit ist die kurdische Regierung natürlich überfordert. Kurdistan befindet sich im Krieg gegen ISIS. Es gibt auch große finanzielle Schwierigkeiten, verstärkt durch den niedrigen Ölpreis. Die UN spielen eine große Rolle bei der Versorgung der Flüchtlinge und auch Organisationen wie wir.

Seit wann sind die Flüchtlinge im kurdischen Nordirak, und warum mussten sie ihre Heimat verlassen?

Ahmad: Der Irak hatte bis 2003 ein diktatorisches Regime unter der Baath-Partei, das links und rechts alles vernichtet hat, auch die eigene Bevölkerung. Die Amerikaner haben dann den großen Fehler gemacht, das Land zu befreien, ohne ein Staatsoberhaupt zu benennen. Bandenkriege bewaffneter Gruppen waren die Folge und eine Terrorwelle, die bis heute anhält. Allein 2006 und 2007 kamen 150.000 bis 170.000 Zivilisten ums Leben. Der vorherige Ministerpräsident Nuri al-Maliki wollte die Sunniten vernichten. Daher gibt es so viele arabische Flüchtlinge in Kurdistan. Dann kam die Terrormiliz ISIS. Tausende mussten aus der Gegend von Mossul fliehen: Jesiden, Schabak, Kakyi, Christen, aber auch Muslime. Es gibt 14 oder 15 religiöse Gruppen, die dort seit tausenden Jahren leben.

Im Westen wurde besonders über das Schicksal der Jesiden berichtet. Wie kommt das?

Vor dem IS fliehende Jesiden im Jahr 2014; Foto: picture-alliance/abaca/Depo Photo
Flucht vor Terror und Gewalt der Dschihadisten: Der IS war im Sommer 2014 im Irak in die Gebiete der Jesiden eingedrungen und hatte Tausende Menschen getötet und gefangengenommen. Die Extremisten bezeichnen die Jesiden als Teufelsanbeter. Die Jesiden leben vor allem im nördlichen Irak. Ferner leben sie in Nordsyrien, dem Nordwestiran und in der südöstlichen Türkei. Auch in Westeuropa gibt es inzwischen jesidische Gemeinden, in Deutschland leben derzeit bis zu 80.000 von ihnen.

Ahmad: Die Jesiden haben eine Geschichte der Verfolgung und sind am stärksten vom Genozid-Versuch des ISIS betroffen. Die Kämpfer haben die Jesiden-Stadt Sindschar und zahlreiche Dörfer erobert, viele Menschen enthauptet und viele Frauen verschleppt. Das ist traumatisch für die Jesiden.

Unter welchen Bedingungen leben die Flüchtlinge im kurdischen Nordirak?

Ahmad: Die Lager sind gut ausgestattet. Das UNHCR stellt Essen, Strom und Wasser bereit, Organisationen wie die Jiyan-Stiftung sorgen für medizinische und psychologische Betreuung. Mehr als 90 Prozent der Kinder gehen zur Schule, entweder in den Lagern oder außerhalb. Die Flüchtlinge dürfen auch arbeiten. Im Moment ist es allerdings sehr kalt: Die Heizöfen reichen nicht aus, die Menschen frieren in den Zelten.

Gibt es auch Flüchtlinge, die außerhalb der Lager leben?

Ahmad: Ja. Menschen, denen es finanziell nicht schlecht geht, können sich ein Haus mieten. Das sind vielleicht zehn bis 15 Prozent, vor allem arabische Iraker. Aber auch die Syrer sind sehr gut integriert. Sie sind fleißig, und es gibt keine Sprachschwierigkeiten, da die meisten syrischen Flüchtlinge im Irak Kurden sind und den gleichen Dialekt sprechen wie wir. Viele haben Jobs gefunden.

An welche Flüchtlinge richten sich die Angebote der Jiyan-Stifung?

Ahmad: Wir arbeiten mit allen – bei uns spielt die Herkunft und Religion keine Rolle. Wer Hilfe braucht, ist willkommen, und alles, was wir anbieten, ist kostenlos. Die Jiyan-Stifung betreibt neun Traumazentren und baut gerade einen Heilgarten auf für Kinder und Frauen, die Opfer von Gewalt wurden und einen Platz brauchen, an dem sie zur Ruhe kommen können. Wir haben 145 Mitarbeiter in Kurdistan, darunter Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Ärzte, Sozialarbeiter und Physiotherapeuten.

Sind Sie die einzige Organisation, die in der Region Traumaarbeit macht?

Ahmad: Nein, es gibt noch mehrere andere. Aber wir sind seit zehn Jahren vor Ort und haben das systematisch aufgebaut. Das erste Zentrum für Traumaarbeit habe ich 2005 in Kirkuk auf die Beine gestellt, dafür war ich 15 Monate vor Ort. Dann wurden wir angefragt, ob wir zwei weitere Zentren in Erbil und Sulaymaniyah aufbauen können. Inzwischen sind es neun. Zudem bilden wir Therapeuten aus. Gerade haben 20 unserer Mitarbeiter eine Ausbildung zum Traumatherapeuten abgeschlossen.

Wer finanziert das alles?

Ahmad: Die Jiyan-Stiftung lebt von internationaler Projektfinanzierung und Spenden. Zu den wichtigsten Geldgebern gehören die deutsche Regierung, EU und UN sowie kirchliche Organisationen wie Misereor. Zudem arbeiten wir eng mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin zusammen, für das ich selbst seit vielen Jahren tätig bin. Es unterstützt uns durch Fachaustausch und gemeinsame Projekte sowie durch die Infrastruktur in Deutschland.

Wie sieht ihre Arbeit mit den Flüchtlingen konkret aus?

Ahmad: Wir bieten Therapien für verschiedene Zielgruppen an, etwa Minderheiten, Frauen und Mädchen, Kinder und Jugendliche. Dazu gehen wir nicht nur in die Flüchtlingslager, sondern auch in Frauenhäuser, Gefängnisse und Waisenhäuser. Mit mobilen Teams fahren wir an entlegene Orte, wo es ansonsten keine psychologische Versorgung gibt. Unser Ziel ist, die Menschen so zu unterstützen, dass sie wieder ein normales Leben führen können. In der Therapie vermitteln wir zum Beispiel, dass man mit Hass und Rachegefühlen nichts erreicht. Diese Gefühle sind bei den Opfern, die ja oft sehr große Ungerechtigkeit erfahren haben, sehr stark. Wir gehen auch in Schulen und machen Jugendlichen zum Beispiel klar, dass es keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt – wir versuchen, das Konzept der Gleichberechtigung zu vermitteln.

In den Klassen gibt es viel Gewalt. Daher bringen wir den Lehrern bei, wie sie mit schwierigen Kindern umgehen können. Auch mit deren Eltern arbeiten wir, damit sie verstehen: Warum verhält sich das Kind so? Dieses Programm kommt so gut an, dass es Wartelisten für die Schulen gibt. Manche Eltern sind selbst unsere Patienten geworden, weil sie gemerkt haben, dass wir ihnen helfen können. Alles, was wir tun, zielt darauf ab, eine friedliche Gesellschaft zu schaffen.

Ist das überhaupt möglich, solange Repression, Gewalt und Vertreibung durch ISIS im Nordirak anhalten?

Flüchtlingskinder spielen in einem Camp; Foto: Jacob Russell/TRANSTERRA media
Flüchtlingshilfe konkret und vor Ort: "Durch Therapien und Traumaarbeit haben sich die Beziehungen innerhalb der Familien deutlich verbessert. Wo es vorher nur Gewalt und Streit gab, leben sie jetzt friedlich zusammen", berichtet Salah Ahmad..

Ahmad: Ich denke ja – wenn man nicht aufgibt. Natürlich ist es sehr schwer. Aber die Hoffnung wächst mit jedem Tag. ISIS wird zurückgeschlagen, einige Gegenden sind bereits zurückerobert. Die Flüchtlinge haben die Hoffnung, nach Hause zurückkehren zu können. Man spürt, dass sie Perspektiven für ihre Zukunft erkennen. Das sieht man auch daran, dass in den Flüchtlingslagern geheiratet wird und Kinder geboren werden. Durch Therapien und Traumaarbeit haben sich die Beziehungen innerhalb der Familien deutlich verbessert. Wo es vorher nur Gewalt und Streit gab, leben sie jetzt friedlich zusammen.

Sie arbeiten mit Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten zusammen, viele wurden wegen ihres Glaubens verfolgt. Welche Rolle spielt die Religion in Ihrer Arbeit?

Ahmad: Bei uns arbeiten alle Religionen in einem Team. Ich habe niemanden gefragt, welche Religion er hat, das spielt keine Rolle. In den Gruppen, mit denen wir arbeiten, bringen wir ebenfalls verschiedene Religionen zusammen. Manche bestehen aus drei Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten. Und sie profitieren sehr davon! In der Arbeit sprechen wir natürlich die religiöse Repression an und dass zum Beispiel ISIS nicht den wahren Islam vertritt.

Sie sind selbst Kurde, stammen aus Kirkuk und haben Verfolgung und Flucht erlebt. War das der Anstoß für Ihre Arbeit mit Flüchtlingen?

Ahmad: Ich war während der Herrschaft von Saddam Hussein politisch aktiv und musste das Land 1981 verlassen. Als Flüchtling bin ich in Deutschland gelandet und habe hier Asyl erhalten. Ich habe selbst erlebt, wie viele Menschen, die gefoltert wurden, psychisch eingegangen sind. Nach meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten konnte ich hunderten Menschen helfen. Nach dem Sturz Saddam Husseins habe ich die Chance gesehen, auch den Menschen in Kurdistan zu helfen. Wir haben fünf Jahre lang Anträge geschrieben, bis es endlich mit Hilfe des US-Außenministeriums geklappt hat, in Kurdistan etwas aufzubauen. Ich hoffe sehr, dass wir unsere Arbeit noch einige Jahre fortsetzen können. Nur durch die Friedensarbeit, die wir neben der therapeutischen Arbeit leisten, kann man eine demokratische, friedliche Gesellschaft aufbauen.

Das Interview führte Katja Dombrowski.

© Zeitschrift Entwicklung & Zusammenarbeit 2016

Salah Ahmad ist Psychotherapeut und Gründer und Vorsitzender der Jiyan-Stiftung. Er lebt in Deutschland und der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Für seine Arbeit erhielt er 2015 das Bundesverdienstkreuz.

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