Tidiane N'Diayes "Der verschleierte Völkermord"

Selektive Thesen zum arabisch-muslimischen Sklavenhandel

Ein senegalesisch-französischer Autor klagt an. Tidiane N'Diaye wirft den Arabern vor, sich nicht zu ihrer Verantwortung für den Sklavenhandel zu bekennen. Er fordert Aufklärung, liefert aber selbst nur wenig Erhellendes. Eine Rezension von Moritz Behrendt

Jemenitischer Sklavenmarkt im 13. Jahrhundert, irakische Miniaturmalerei; Foto: Wikimedia Commons
"Tidiane N'Diayes Buch ist ein ressentimentgeladenes Pamphlet voller historischer Ungenauigkeiten", kommentiert Moritz Behrendt.

​​ Wenn es um Afrika geht, dann muss manchmal schon der große Hammer herhalten, damit ein Buch überhaupt wahrgenommen wird. Die Signalwörte "VÖLKERMORD" und "SKLAVENHANDEL" sind daher auf dem Titel in Großbuchstaben zu lesen.

Als würde das nicht reichen, ist der Völkermord auch noch "verschleiert", der Sklavenhandel daher also "muslimisch". Wenn es um Afrika geht, dann muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, das war wohl die Grundidee des Rowohlt-Verlages, als er das Werk des senegalesisch-französischen Wirtschaftswissenschaftlers und Anthropologen Tidiane N'diaye veröffentlicht hat.

Moralische Legitimation für die Kolonisierung Afrikas

Mit zwei streitbaren Thesen versucht der Autor, die Geschichte des Sklavenhandels neu zu schreiben.

Zum einen behauptet N'diaye, "dass der von den erbarmungslosen arabo-muslimischen Räubern betriebene Sklavenhandel und der von ihnen geführte Dschihad weitaus verheerender für Schwarzafrika war als der transatlantische Sklavenhandel" und zum anderen versucht er zu belegen, dass dieser vom 6. bis zum 20. Jahrhundert andauernde "Vernichtungsfeldzug" systematisch "verschleiert" wurde und wird.

N'Diayes Problem ist aber, dass seine Belege für die erste These seiner zweiten Behauptung fundamental widersprechen. Denn um zu zeigen, wie brutal die Sklavenhändler an der ostafrikanischen Küste und im Sahara-Raum waren, zitiert der Autor fast ausschließlich die Berichte europäischer Forschungsreisender wie Henry Morton Stanley oder Gerhard Rohlfs.

​​ Dass deren Bücher Bestseller waren, verschweigt N'Diaye. Ende des 19. Jahrhunderts war der "muslimische" Sklavenhandel in Europa ein zentrales Diskursthema, bot er doch nicht zuletzt eine moralische Legitimation für die Kolonisierung Afrikas.

Aber nur weil N'Diaye unreflektiert mit seinen Quellen umgeht, muss das ja nicht zwingend seine Aussage disqualifizieren, dass der "muslimische" Sklavenhandel für Afrika folgenschwerer war als der transatlantische.

Die historische Forschung hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt und bestätigt N'Diayes These zumindest den Zahlen nach: Sie geht davon aus, dass etwa 29 Millionen Menschen als Sklaven aus Schwarzafrika exportiert wurden: zwölf Millionen von ihnen im transatlantischen, neun Millionen im Transsahara-Sklavenhandel und acht Millionen über die ostafrikanische Küste.

Steile Thesen ohne Diskussion

N'Diaye übernimmt diese Zahlen, präsentiert sie aber, als wären sie neu. Überhaupt scheint ihn die wissenschaftliche Debatte darüber, welche Auswirkungen für Afrika die jeweiligen Formen des Sklavenhandels hatten, kaum zu interessieren. Die Literatur zum Thema aus den letzten 30 Jahren ignoriert er fast komplett. Das ist schade, denn dadurch fällt bei N'Diaye eine Diskussion aus, ob und warum der "arabo-muslimische" Sklavenhandel grausamer war als andere Formen des Menschenhandels.

Auch vermag er nicht hinreichend zu erklären, warum er einerseits vom "arabo-muslimischen" andererseits aber nicht vom "europäisch-christlichen" sondern vom transatlantischen Sklavenhandel spricht.

Richtig ist, dass islamische Gelehrte den Handel mit Ungläubigen über Jahrhunderte gerechtfertigt haben. Ebenso wurden die rassistischen Motive für die Verschleppung von Schwarzen religiös verbrämt. Dabei beriefen sich muslimische wie christliche Apologeten gleichermaßen auf die Verfluchung Hams durch Noah – seither, so die menschenverachtende Auslegung, seien die Schwarzen verpflichtet, zu dienen.

Afrikanische Sklaven, historische Illustration; Quelle: Leibniz Universität Hannover
Historiker schätzen, dass insgesamt 29 Millionen Menschen als Sklaven aus Schwarzafrika exportiert wurden: zwölf Millionen von ihnen im transatlantischen, neun Millionen im Transsahara-Sklavenhandel und acht Millionen über die ostafrikanische Küste.

​​ Würde N'Diaye seinen Schwerpunkt aber tatsächlich auf "muslimische Sklaverei" legen, dann müsste er eigentlich mit seinem anklägerischen Verve auch gegen die Praktiken im Kalifat von Sokoto im 19. Jahrhundert anschreiben, nach dem Urteil des renommierten Sklaverei-Forschers Paul Lovejoy, "die zweit oder drittgrößte Sklavengesellschaft in der modernen Geschichte".

Das Kalifat im Norden des heutigen Nigeria findet bei N'Diaye aber nur beiläufige Erwähnung: vermutlich, weil er für die Untaten dort nur schwerlich die Araber verantwortlich machen kann.

Interessengeleitete Erkenntnis

Stattdessen wiederholt er unablässig seine zentrale Anklage: "Von allen Sklavenhalterpraktiken waren die der Arabomuslime die mörderischsten", schreibt N'Diaye, ohne hinzuzufügen, ob er die Sklaverei am Hof des marokkanischen Königs im 17. Jahrhundert meint, oder die auf den Feldern des Iraks im 7. Jahrhundert oder die in den Plantagen auf Sansibar im 19. Jahrhundert, als die Insel zum wichtigsten Exporteur für Gewürznelken wurde.

Alles drei menschenverachtende Verbrechen, die aber bei genauerer Betrachtung wenige Gemeinsamkeiten haben.

Tidiane N'Diaye; Foto: Catherine Hélie/Editions Gallimard
"Mit kulturalistischen Erklärungsmustern schießt N'Diaye weit am Ziel vorbei. Er bedient sich damit der Mittel, die er bei anderen zu Recht beklagt", meint Moritz Behrendt.

​​ Tidiane N'Diaye springt über solche historische Diskontinuitäten hinweg – von Region zu Region, von Jahrhundert zu Jahrhundert – wichtig sind ihm die Täter: "Die Beständigkeit des vom 7. bis zum 20. Jahrhundert währenden Sklavenhandels und der arabomuslimischen Sklaverei in Afrika lag in den Traditionen der Araber selbst, die aufgrund ihres ausschweifenden Lebensstils und ihrer Faulheit nicht auf die Arbeitskraft und das Blut dienstfertiger Menschen verzichten mochten."

Mit solchen kulturalistischen Erklärungsmustern schießt N'Diaye weit am Ziel vorbei. Er bedient sich damit der Mittel, die er bei anderen zu Recht beklagt. Denn Rassismus ist in den arabischen Staaten in der Tat bis zum heutigen Tag ein großes Problem: Schwarze werden in Ländern wie Saudi-Arabien, Libyen oder auch dem Libanon höchstens als Bedienstete wahrgenommen.

Tidiane N'Diaye fordert daher von der arabischen Welt eine Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte, eine Aufarbeitung der Sklaverei.

Dieser Wunsch ist berechtigt, aber ob die Veröffentlichung eines ressentimentgeladenen Pamphlets voller historischer Ungenauigkeiten auf dem deutschen Buchmarkt dabei weiterhilft, ist höchst zweifelhaft.

Moritz Behrendt

© Qantara.de 2010

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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