"The Broken Mirrors: Sinalcol" von Elias Khoury

Verstörendes Gefühl von Fremdheit

"The Broken Mirrors: Sinalcol" ist zwar bereits 2012 auf Arabisch erschienen, wurde aber erst in diesem Jahr ins Englische übersetzt. Der Roman enthält viele Motive, die aus dem Werk von Elias Khoury vertraut sind: Perspektivwechsel, einen unzuverlässigen Erzähler, dunkle Erinnerungen, ungewisse Wahrheiten und Reflektionen über das Erzählen selbst. Von Nahrain al-Mousawi

Der Roman "The Broken Mirrors: Sinalcol" blickt zurück auf den langen Bürgerkrieg im Libanon und vermittelt die Dynamik eines zunächst latenten, dann plötzlich aufbrechenden Chaos. Die Instabilität des Alltagslebens spiegelt sich in der Unordnung und der Episodenhaftigkeit der Romanstruktur. Indem er über das rein lineare Erzählen hinausgeht und die Stilmittel ständiger Zeit- und Ortswechsel verwendet, vermittelt Khoury das verwirrende Gefühl von Fremdheit, das auch den einstigen Bürgerkrieg prägte.

Der Roman beginnt mit dem Ende der Geschichte. Karim, ein Arzt mittleren Alters verlässt Beirut. Soeben hatte er allein seinen 40. Geburtstag gefeiert, obwohl seine in Montpellier zurückgelassene französische Ehefrau ihn gebeten hatte, rechtzeitig zurückzukommen, um gemeinsam mit ihren beiden Töchtern zu feiern.

Karim hält sich sogar fern von den Frauen, mit denen er sich ansonsten die Zeit vertreibt, wenn er von seiner Frau getrennt ist: seiner früheren Verlobten Hend, die schließlich seinen Bruder geheiratet hat; seiner so mysteriösen wie verführerischen Haushälterin Ghazala und Muna, Ehefrau des Architekten, der für Karim und seinen Bruder arbeitet. Die ganze Zeit über fragt er sich, warum er nach all diesen Jahren Frankreich verlassen hat und in den Libanon zurückgekehrt ist, um "alte Rechnungen zu begleichen und den Schatten der Vergangenheit zu begegnen".

Auch wenn Karim seine Frau – und möglicherweise auch sich selbst – davon überzeugt hat, dass er zurückgekehrt sei, um gemeinsam mit seinem Bruder Nasim ein Krankenhaus zu bauen, geht es ihm in Wirklichkeit um eine nur in vagen Umrissen greifbare Figur, das "Phantom" eines Mannes, den er einmal gekannt hat: Sinalcol. Doch genauso wie das sehr unzuverlässige Gedächtnis des Erzählers und die Halbwahrheiten, die es hervorbringt, so verändert sich auch die Identität Sinalcols im Laufe des Romans: Er ist Karims Alter Ego, ein legendärer Kämpfer und zugleich auch ein Kleinkrimineller, der besonders die isoliert lebenden Bürger der Stadt ausplündert – "ein Geist, aus den Worten der Leute gewebt".

Kampf gegen Phantome

Buchcover "The Broken Mirrors" von Elias Khoury; Quelle: MacLehose Press
Aufbruch aus den Ruinen der Vergangenheit: Elias Khourys Roman "The Broken Mirrors: Sinalcol" blickt zurück auf den langen Bürgerkrieg im Libanon und vermittelt die Dynamik eines zunächst latenten, dann plötzlich aufbrechenden Chaos.

Ist Karim nach Beirut zurückgekehrt, um dieses mysteriösen "Phantoms" des Bürgerkriegs habhaft zu werden oder doch, um ein Krankenhaus zu bauen? Viele Ängste des Erzählers lassen vermuten, dass seine Rückkehr von einer Midlife-Crisis herrührt, die sich aus Heimweh und Nostalgie speist. Einer Lebenskrise, die von dem bedauernden Blick zurück auf seine Jugend in Beirut ausgelöst wurde und vielleicht sogar von der vorübergehenden Flucht vor seiner Frau, einer Orientalistin, die ihm fortwährend seine "unzivilisierten arabischen" Manieren vorwirft, wenn sie streiten.

Schon häufiger wurde Khoury als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Es ließe sich vermuten, dass er auch hier einfach die erzählerischen Stränge fortführt, die sein Werk auszeichnen. Die Handlung seiner Romane spielt im Bürgerkrieg und im politischen Aufruhr seiner Heimat, dem Libanon. Doch tatsächlich sind das Heimweh des Protagonisten und seine damit verbundenen Wünsche – zu denen die Affären gehören, mit denen er die Ängste bekämpft, die den Kern seiner Nostalgie bilden – derart gewöhnlich und alltäglich, dass es zu kurz greifen würde, wollte man dieses Buch schlicht als Bürgerkriegsroman bezeichnen.

Sicher geht es Khoury auch darum, die Wirkung zu erforschen, die die ungeheuren Gewaltausbrüche im Libanon sowie die Gefühle von Fremdheit und Verlorensein auf seine Charaktere haben. So schließt sich Karim einer linken Untergrundbewegung mit Verbindungen zu den Palästinensern an, während sich sein Bruder zum reaktionären Phalangisten wandelt. Und tatsächlich tauchen aus Karims Gedächtnis immer neue Geschichten über einige der Schlüsselfiguren seiner linken Kreise auf – Aktivisten, Militante und Revolutionäre, die alle ständig in Debatten versunken und in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt sind.

Letztlich aber ist es die Banalität ihres Lebens, die im Zentrum der Reise des Protagonisten zurück in seine Heimat steht. Die Charaktere lassen sich nicht darauf reduzieren, Kriegsopfer und Überlebende zu sein. Sie sind ja auch noch gescheiterte Familienväter, zerstrittene Brüder, verschwundene Liebhaber und von Heimweh gebeutelte Auswanderer.

Und tatsächlich sagt Karims Vater einmal, dass die Libanesen es verstanden hätten, "aus dem Krieg eine Klagemauer zu machen, mit der sie alle Schlechtigkeit der Menschen rechtfertigen: Gemeinheit, Feigheit und die Unfähigkeit, den dichten inneren Dschungel zu durchdringen, in dem ihr Geist und ihre Seelen hausen. Dadurch waren sie auch nicht mehr in der Lage, ihr Handeln zu verstehen".

Die Tiefen menschlicher Existenz ausloten

Die Charaktere des Romans sind alles andere als makellose Archetypen. Ihre Schwächen werden vom Protagonisten selbst herausgekitzelt, so wie er auch seine eigenen Fehler offenbart. Die "Dreifaltigkeit", als die sich Karims Familie während seiner Jugendzeit darstellte – er selbst, sein Bruder Nasim und sein Vater Nasri – wurde aufmerksam zusammengehalten von seinem Vater. Er verzichtete bewusst darauf, nach dem Tod seiner Frau noch einmal zu heiraten, sondern jagte stattdessen bizarren sexuellen Abenteuern nach.

Der libanesische Autor Elias Khoury; Foto: picture-alliance/dpa
Elias Khoury zählt zu den namhaftesten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Er war Mitherausgeber zahlreicher politischer Journale und für einige Zeit der künstlerische Leiter des Beiruter Theaters. Heute ist er leitender Literaturredakteur der Beiruter Zeitung "An-Nahar". Zu Khourys Werk zählen das auch auf Deutsch erschienene Buch "Der König der Fremdlinge" sowie "Bab Ashams", sein großer Roman über die Geschichte der Palästinenser, für den er 1998 den Palästina-Preis erhielt.

Als Karim selbst in die mittleren Jahre kam, begannen sein sexueller Appetit und seine Eroberungen denjenigen seines Vaters zu ähneln. In den Schilderungen seiner Seitensprünge mit Ghazala und Muna und des Verlangens, das er noch immer für seine frühere Verlobte Hend empfindet, zeigt sich Karim als müder, alternder Mann, der sich an ein Begehren klammert, das immer dann Fahrt aufnimmt, wenn er in den Erinnerungen an seine Jugend schwelgt.

Und nicht nur das: Als er einmal seine Frau betrog, beklagt er sich, dass er sich in der französischen Sprache "wie abgewürgt" fühlt. Damit deutet er an, seine Frau, die seine traumatische Vergangenheit nicht teilt, sei in gewisser Weise selbst für seinen Ehebruch verantwortlich. Niemals könne sie die Frau sein, der er sich vollkommen öffnen und mit der er wirklich intim sein kann. Letzten Endes bleibt er noch erschöpfter, verwirrter und verlorener zurück, während er noch immer zu begreifen versucht, wie die Beziehungen "inmitten des Staubs von Beirut Gestalt annehmen konnten – im Staub, in den Trümmern, in all den Folgeerscheinungen des Bürgerkrieges".

Und tatsächlich stellte Elias Khoury kürzlich in einem Interview fest, dass der Bürgerkrieg für sein Gefühl noch nicht vorbei sei, sondern bis zum heutigen Tag andauere. "Ich glaube nicht, dass der Bürgerkrieg beendet ist. Das, was gegenwärtig in Syrien geschieht, zeigt den Zerfall des alten nationalistischen und faschistischen Systems in der arabischen Welt. Der islamische Fundamentalismus und die Existenz autoritärer Regime werden für uns und die ganze Welt zu einem immer größeren Problem. Möglicherweise war unser Bürgerkrieg nur so etwas wie die Generalprobe."

Karim aber kämpft genauso mit der Erinnerung an seine vom Bürgerkrieg zerrissene Heimatstadt Beirut wie damit, der geisterhaften Figur des Kämpfers Sinalcol nachzuspüren. Diese Figur stellt sich sowohl als Teil der Vergangenheit dar, der er nur noch mit Mühe habhaft werden kann, als auch als Teil der Gegenwart, der er gleichzeitig nachjagt und zu entfliehen versucht.

Die erzählerische Erforschung des Vergessens und Erinnerns funktioniert über die Erkundung der Stadt Beirut, die noch immer geprägt ist vom Wiederaufbau nach dem langen Bürgerkrieg. Die Einwohner lassen die Vergangenheit hinter sich, und doch ist da immer wieder das Phantom, das an die Granateneinschläge erinnert, die wie Pockennarben auf der Haut die Häuser zieren.

Nahrain al-Mousawi

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

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