Taufiq al-Hakims Essay-Band "The Revolt of the Young"

Revolutionsanleitung für ältere Generationen

"Die Revolte der Jungen" von Taufiq al-Hakim wurde bereits 1984 veröffentlicht. Die nunmehr 30 Jahre alte Essay-Sammlung erschien 2014 auch in englischer Übersetzung. Was die aktuellen Probleme in Ägypten angeht, hat das Buch seit der Erstveröffentlichung nichts von seiner ursprünglichen Relevanz verloren – für Jung und Alt. Von Marcia Lynx Qualey

Im Februar 2011 beeilten sich westliche Medien zu berichten, eine Handvoll Bücher habe junge Ägypter dazu "inspiriert", auf die Straße zu gehen. Als besonders abwegiges Beispiel für einen angeblich wichtigen Einfluss musste ein Comic von 1958 über den amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. herhalten. Andere Nachrichtenquellen berichteten, fotokopierte Übersetzungen von Werken des Pazifisten Gene Sharp hätten taktische Hilfestellung geleistet. Doch ob Sharp im Geiste auf dem Tahrir-Platz rezitiert wurde oder nicht, dürfte wohl angesichts der massenweise verteilten Papiere unerheblich sein.

Mit keinem Wort aber gingen internationale Medien der Frage nach, ob Taufiq al-Hakim (um 1898 – 1987) eine gewisse Rolle gespielt haben könnte.

In ihrem Vorwort zu "The Revolt of the Young" merkt die Übersetzerin Mona Radwan an, dass Mitglieder der Bewegung des 6. April "in einem Interview mit dem ägyptischen Fernsehen 2011 auf al-Hakims Buch verwiesen. Einer von ihnen trug das Buch bei sich und bezog sich während des Interviews mehrfach darauf."

Al-Hakim und die jüngere Generation

Buchcover  "The Revolt of the Young" von Taufiq al-Hakim; Quelle: Syracuse University Press
Schlüsselrolle in der ägyptischen Literatur: Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war Taufiq al-Hakim ein ruheloser Erneuerer des arabischen Kultur- und Bildungswesens sowie der gesamten Forschungsdiskussion – konkret auf den Gebieten Theater, Kurzgeschichten, Romane, Essays und Journalismus.

Die Ereignisse Anfang 2011 hatten viele Ursachen. Der erfolgreiche Aufstand in Tunesien war sicher eine davon. Was hätte der große al-Hakim wohl auf die Frage geantwortet, ob sein Buch eine Rolle gespielt habe? Vermutlich hätte er sein eigenes Werk in den Hintergrund gestellt und auf die Arbeiten jüngerer Autoren verwiesen. In seinem Essay "Between Two Generations" aus dem Buch "The Revolt of the Young" beantwortet er die Bitte seines Gesprächspartners, seine letzten Gedanken zu äußern, mit Schweigen. Stattdessen lässt er einen jüngeren Autor sprechen.

Falls sich al-Hakim mit seiner Essay-Sammlung von 1984 wirklich an eine bestimmte Leserschaft wenden wollte, so ist dies nicht die jüngere Generation in ihrem Bemühen, Politik, Kultur oder Künste zu revolutionieren. Vielmehr richtet sich das Buch an ältere Generationen. Es ermutigt sie, die Ziele ihrer Kinder und Enkelkinder zu verstehen und sich damit zu solidarisieren. Die insgesamt 20 Essays wurden zwar bereits vor Jahrzehnten geschrieben. Sie zeigen aber eine relevante und interessante Einstellung zur Revolution, die nicht auf Konflikten zwischen sozialen Schichten, sondern zwischen Generationen beruht.

Taufiq al-Hakim besetzt eine Schlüsselrolle in der ägyptischen Literatur. Ende des 19. Jahrhunderts geboren, war er ein ruheloser Erneuerer des arabischen Kultur- und Bildungswesens sowie der gesamten Forschungsdiskussion – konkret auf den Gebieten Theater, Kurzgeschichten, Romane, Essays und Journalismus. Er liebte die Schriftstellerei sprichwörtlich, war aber ebenso interessiert an der Politik und am Schicksal seiner ägyptischen Heimat.

Lichtgestalt der ägyptischen Literatur

Seine wegweisenden Arbeiten bezogen sich häufig auf die Zukunft. So wie beispielsweise sein 1957 erschienener Roman "A Journey to the Future" oder "The Challenges of the Year 2000" von 1980 und "The Revolt of the Yong" im Jahr 1984, der wenige Jahre vor seinem Tod erschien.

Auch drei Jahrzehnte nach seinem Tod bleibt al-Hakim eine Lichtgestalt der ägyptischen Literatur. Der französische Wissenschaftler Richard Jacquemond kam jüngst nach Analyse der Download-Daten von 4shared.com zu der Erkenntnis, dass al-Hakim unter den am meisten heruntergeladenen ägyptischen Schriftstellern den vierten Platz belegt – noch vor dem Nobelpreisträger Nagib Mahfuz.

Gedenken an den während der Anti-Mubarak-Proteste 2011 getöteten Aktivisten Gaber Salah in Kairo; Foto: picture-alliance/dpa
Literarische Inspiration für die Januar-Revolution? In ihrem Vorwort zu "The Revolt of the Young" merkt die Übersetzerin Mona Radwan an, dass Mitglieder der Bewegung des 6. April "in einem Interview mit dem ägyptischen Fernsehen 2011 auf al-Hakims Buch verwiesen. Einer von ihnen trug das Buch bei sich und bezog sich während des Interviews mehrfach darauf."

"The Revolt of the Young" zählt sicher nicht zu den Werken von al-Hakim mit der höchsten künstlerischen Komplexität. Dennoch ist es ein für ihn typisches Werk: Es spannt einen weiten Bogen, wechselt unerschrocken zwischen den Genres und bringt eigene familiäre Bindungen des Autors zur Sprache.

Die Essays reichen von kurzen Artikeln über die Konflikte zwischen poststrukturalistischen Generationen bis hin zu einer langen Betrachtung eines fiktiven Gerichtsverfahrens, das die Generationenkonflikte in den USA thematisiert.

Am meisten bewegen die Stellen, in denen al-Hakim über seine Beziehung zum Vater und zum Sohn schreibt. Man sollte annehmen, dass ein derart aufgeschlossener Denker wie al-Hakim die Berufswahl seines Sohnes billigt. Doch weit gefehlt: Er stellt sich als engstirniger Zuchtmeister dar, der dazu gedrängt werden muss, die Liebe seines Sohnes zur Jazzmusik anzuerkennen.

"Landei auf einer Geburtstagsfeier"

Im Essay "The Coming Together of Generations" stellt al-Hakim die Beziehung zu seinem Vater der Beziehung zu seinem einzigen Sohn gegenüber. Al-Hakim – der seinen Vater bereits sehr amüsant in seinen Memoiren "The Prison of Life" porträtierte – schreibt, dass "er in Gegenwart seines Vaters das Wort 'Kunst' nicht in den Mund nehmen durfte" und dass "sobald ich einen seiner Freunde traf, dieser sagte: 'Dein Vater beklagt sich bitterlich bei jeder Gelegenheit, sein Sohn sei dem Kunsthandwerk in die Falle gegangen'."

Als al-Hakims Sohn Interesse an Jazzmusik bekundete, versuchte al-Hakim nicht nur, seinen Sohn davon abzubringen und ihn in einen Ingenieurberuf zu drängen. Er verschmähte die Jazzmusik sogar als "lästigen Lärm". Nur widerwillig und auf Drängen von befreundeten Schriftstellern, wie Yusuf Idris, besuchte al-Hakim schließlich ein Konzert seines Sohnes. Er beschreibt sich dort als ein "Landei auf einer Geburtstagsfeier (Moulid); seiner ersten überhaupt."

Al-Hakim bleibt in der Welt seines Sohnes unbeholfen und verlegen zurück. Doch in einem Fazit, aus dem das Thema dieser Essay-Sammlung widerhallt, sagt er: "Diese Begegnung mit jungen Menschen ließ mich spüren, dass es möglich ist, die Mauern zwischen den Generationen einzureißen."

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.