Tariq Alis "The Islam Quintet"

Islamische Hochkultur hautnah

Nach beinahe 20 Jahren wurde Tariq Alis Buchserie "The Islam Quintet" wieder neu aufgelegt. Ali hatte insgesamt fünf Bücher verfasst, in denen er eindrucksvoll die historische Vielfalt und Größe der islamischen Kulturen aufzeigt, ohne sie dabei zu idealisieren oder zu dämonisieren. Von Richard Marcus

Im Gegensatz zur eurozentrischen Sichtweise auf die Welt, die mitunter in historischen Romanen oder Geschichtsbüchern eingenommen wird, führen uns die fünf Bücher von Tariq Alis "The Islam Quintet" (Das islamische Quintett) aus nicht westlicher Sicht über Ereignisse wie die Kreuzzüge bis hin in die Moderne. Die Bücher folgen keiner chronologischen Ordnung. Die Reise geht vom Spanien des Jahres 1492 ("Shadows of the Pomegranate Tree", Die Schatten des Granatapfelbaums) über die Kreuzzüge ("The Book of Saladin", Das Buch von Saladin) bis in die Türkei und das Osmanische Reich am Ende des 19. Jahrhunderts ("The Stone Woman", Die Steinerne Frau). Und schließlich gelangen wir zurück in das Sizilien des 12. Jahrhunderts mit seiner arabischen Bevölkerung ("A Sultan in Palermo", Ein Sultan in Palermo). Tariq Alis Reise endet in der modernen Welt ("Night of the Golden Butterfly", Nacht des Goldenen Schmetterlings).

Die Erzählstränge des Buches sind zwar thematisch nicht miteinander verknüpft, jedoch gemeinsam formen sie ein Bild der Geschichte des Islam und seiner zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften in großen Teilen Europas und Asiens. Wir sehen allerdings auch, wie die internen Machtkämpfe, die die Religion so oft in der Geschichte heimsuchten, ihr selbst der schlimmste Feind waren. Ali erklärt, wie sich die weltlichen und religiösen Machthaber mit ihrem Ehrgeiz seit der Zeit Saladins immer wieder verschworen haben, um Versuche zur Förderung eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls zu unterminieren oder sich den Wünschen der Menschen zu widersetzen.

Aufstieg und Niedergang der islamischen Zivilisationen

Jedes Buch handelt von einer ganz bestimmten islamischen Epoche und beschreibt die Einzigartigkeit der Kultur sowie die historischen Schicksalsschläge für die muslimischen Zivilisationen jener Zeit, die nicht selten von Christen verursacht wurden – angefangen bei den Tempelrittern und ihren Morden an Männern, Frauen und Kindern während der Plünderung Jerusalems bis hin zu den spanischen Soldaten, die auf Befehl von Königin Isabella versuchten, das Land von allen "Ungläubigen" zu befreien.

Wie wir aber im Kapitel "Night of the Golden Butterfly" lesen können, ging der Krieg gegen die Muslime nicht allein auf den Westen oder die christliche Zivilisation zurück. Im China des 19. Jahrhunderts befahl der Kaiser seinen Truppen, die muslimische Provinz Yunnan zu zerstören und das Sultanat von Suleiman zu vernichten. In diesem Fall war die Motivation zwar zum Teil religiöser Natur, doch die Triebfeder hierfür war eher politischer Natur: Man befürchtete, eine Minderheit könnte womöglich zu viel Autonomie und internationales Ansehen bekommen. Nach den verlorenen Opiumkriegen gegen Großbritannien hatte das Kaiserreich Angst vor dem aufbrechenden Handel zwischen den chinesischen Muslimen der Hui-Provinz und dem Westen und entschloss sich, die Muslime dort auszurotten, bevor sie zu einer Gefahr für die Autorität des Reiches werden könnten.

Buchcover "A Sultan in Palermo"; Quelle: verso books
Im Buch "A Sultan In Palermo" wird der Leser mit dem Kartographen Muhammed al-Idrisi bekannt gemacht. Seine Position am Hof des Sultans Rujari (der arabische Name für den normannischen Roger) führt ihm den Drahtseilakt des Sultans vor Augen, seine christlichen Barone und Bischöfe zufrieden zu stellen und gleichzeitig für die Rechte seiner muslimischen Untertanen zu sorgen.

Nicht nur die historischen Kapitel machen Alis Bücher zu einem faszinierenden Lesestoff. Seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler zeichnen ein lebendiges Bild der historischen Epochen des islamischen Kulturen und ihrer Menschen. Die Verwendung historischer Figuren in Romanen und Erzählungen kann eine heikle Sache sein, allerdings hat es Ali geschafft, sie zu neuem Leben zu erwecken, ohne sie übermäßig zu idealisieren oder zu dämonisieren. Wir sehen Saladin durch die Augen des jüdischen Schreibers, der den Auftrag hatte, das Leben des Sultans als vollständiges menschliches Wesen aufzuzeichnen, einschließlich seiner Pläne, Jerusalem wieder zurückzuerobern. Wie jeder andere wurde er von Zweifeln und Unsicherheit geplagt. Doch was ihn letztlich auszeichnet, ist, wie er diese Hindernisse überwindet, um seine Ziele zu erreichen.

Im Buch "A Sultan In Palermo" wird der Leser mit dem Kartographen Muhammed al-Idrisi bekannt gemacht. Seine Position am Hof des Sultans Rujari (der arabische Name für den normannischen Roger) führt ihm den Drahtseilakt des Sultans vor Augen, seine christlichen Barone und Bischöfe zufrieden zu stellen und gleichzeitig für die Rechte seiner muslimischen Untertanen zu sorgen. In jedem seiner fünf Bücher behandelt Ali seine fiktionalen und historischen Charaktere gleichermaßen mit Sorgfalt und Respekt.

Faszination Islam

Durch die Augen all dieser Beobachter zeigt uns Tariq Ali, wie sich die islamische Zivilisation historisch entfaltet hat. Manche Ereignisse sind erhebend, andere dagegen widerwärtig, aber immer sind sie spannend zu lesen. Ali ist auch ein Meister darin, historische Orte und Zeiten zu neuem Leben zu erwecken. Während er uns auf seine Reise durch die Epochen mitnimmt, können wir nicht anders, als die wunderbaren Minarette von Damaskus, die Geschichte und Schönheit Jerusalems und den einstigen Glanz des muslimischen Spaniens kurz vor Beginn der Reconquista zu bewundern. Sogar die Moderne in den Städten Lahore, London oder Paris wird so dargestellt, dass wir die beschriebenen Stadtviertel vor unseren Augen sehen und beinahe glauben, den Geruch der Straßen wahrnehmen zu können.

Jedes der Bücher erzählt bereits für sich eine faszinierende Geschichte. Gemeinsam aber öffnen die fünf Bücher ein Panorama, das den Lesern einen Eindruck der wahren Vielfalt und Größe der islamischen Geschichte und Kultur vermittelt. Noch faszinierender ist wohl, wie Tariq Ali dies schafft, ohne dass er jemals so klingt, als wolle er den Leser bevormunden oder mit Wissen prahlen. Ihm gelingt es sogar, bis hin zu "Night of the Golden Butterfly" seine Wut gegen diejenigen zu unterdrücken, die entweder alle Muslime über einen Kamm scheren oder die Religion für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren und pervertieren.

Richard Marcus

© Qantara.de 2015

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Tariq Ali ist Schriftsteller, Journalist und Filmemacher. Er wurde 1943 in Lahore, Pakistan, geboren und studierte in Oxford Politik und Philosophie. Seitdem lebt er in England und ist Mitherausgeber der "New Left Review".

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