Auch in diesem Vorgehen steckt ein hohes Maß an Egoismus, zahlen doch jene Aktivisten, die wahren Helden, den Preis für ihr Ausharren, sind großer Gefahr ausgesetzt und müssen darauf bedacht sein, dass ihre wirklichen Namen nicht genannt werden. Man beraubt sie also ihrer Rechte an der Veröffentlichung und Vorführung ihrer Werke, während Regisseure im Ausland sich jene Clips zunutze machen und damit weltweit von Festival zu Festival touren, wo sie und ihre Filme gefeiert werden.

Die Rolle der Sozialen Medien

Zurück zum Akt des Schreibens: Hier ist auf einen höchst relevanten und zentralen Punkt hinzuweisen, nämlich den der Sozialen Netzwerke. Facebook beispielsweise hat während der vier Jahre seit Beginn der Revolution eine Reihe von Konzepten ins Wanken gebracht, die man zuvor mit dem Akt des kreativen Schreibens assoziiert hatte.

Die erste Veränderung manifestiert sich in der Geschwindigkeit, mit der Informationen übermittelt werden, sowie in dem daraus resultierenden mentalen Stress und dem Wirrwarr von widersprüchlichen Informationen, von denen einige der Wahrheit entsprechen und viele auf übermütiges Wunschdenken zurückgehen. Jeder verfügt über Informationen und jeder hat irgendwelche Statements, Anekdoten oder Erfahrungen zu posten, die für ihn oder seine Mitmenschen relevant sein könnten. Das Subjektive hat das Gesamtgesellschaftliche zurückgedrängt, hat es überwuchert.

Im Zuge zunehmender Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wurde jene virtuelle Welt zu einem Ort, um Selbstdarstellung, persönliche Kontroversen und den gegenseitigen Austausch beschränkter Sichtweisen zu forcieren, anstatt als öffentliches und ernsthaftes Diskussionsforum zu dienen, in dem künftige Lösungen für ein immer schwerer vorstellbares Zusammenleben ausgelotet werden.

Ich spreche hier natürlich von den Facebook-Seiten syrischer Schriftsteller, Künstler, Intellektueller und anderer dem Gemeinwohl verpflichteten Personen. Auch sollte man nicht über das Thema Sprache hinweggehen. Die Sprache hat tiefgreifende Veränderungen erfahren hinsichtlich Vokabular, Ästhetik und Ausdruck sowie der Tatsache, dass Kürze an die Stelle von Elaboriertheit getreten ist.

Die Sprache vieler Intellektueller ist allgemeinsprachlicher geworden, ohne dass die Allgemeinsprache literarischer geworden wäre. Dies ist auf die Kluft zurückzuführen, die 40 Jahre lang zwischen einer winzigen Elite und der Mehrheitsbevölkerung herrschte, die allein schon zahlenmäßig eine sehr viel stärkere Präsenz als die intellektuelle Minderheit hatte. Dadurch sah sich die Elite auf sprachlicher Ebene zu Zugeständnissen gezwungen, in einem verspäteten Versuch, die Massen zu erreichen, als diese in einer nie zuvor gekannten Weise die Internetseiten der sozialen Netzwerke stürmten.

Dima Wannous; Foto: Richard Sammour
"In Syrien hat sich die Literatur nie an die breite Öffentlichkeit gewandt, sondern immer nur an eine Elite. Deshalb tut sie sich schwer damit, eine konkrete Funktion zu erfüllen, die über die des Privatvergnügens hinausgeht, oder die mehr ist als ein verzweifeltes Bemühen um Existenz an einem Ort, an dem für den Bürger, den Menschen gar keine Existenz vorgesehen ist, an dem ihm keine Zugehörigkeit Schutz bietet und er kein Gefühl dafür entwickeln kann, was es heißt zu leben", schreibt Dima Wannous.

Zum Teil wurde das Hocharabische durch die Umgangssprache ersetzt, in vielen anderen Fällen von nicht normgerechten Dialektwörtern infiltriert, denen es an Geschmack, Kultiviertheit und Verwurzelung in der Literatursprache mangelte.

Daraus ergibt sich die Frage: Was für eine Literatur wird diese Revolution in etlichen Jahren hervorgebracht haben? Und welche Art von Literatur ist heutzutage notwendig? Was ist den Menschen näher, kommt ihnen weniger abgehoben vor: hochliterarische Texte oder in der Umgangssprache verfasste Postings? Und ist es denkbar, dass diese Art von allgemeinsprachlicher Literatur in Zukunft ein Korpus oder Erbe darstellen wird, aus dem Gelehrte und Akademiker schöpfen?

Blockierte Phantasie

Kurz gesagt, ich sehe mich nicht in der Lage zu schreiben, solange meine Phantasie blockiert ist. Ich begnüge mich damit, zu beobachten und zu versuchen, die Geschehnisse zu begreifen. Ich verfolge die Nachrichten, die Erzählungen, die grausamen und leidvollen Erfahrungen, welche die Mehrheit der Menschen in Syrien durchmachen muss.

Eine Mehrheit, der ich nicht angehöre – dies vorzugeben wäre anmaßend von mir. Ich werde nicht über Personen schreiben, unter denen ich nicht lebe, deren Angst ich nicht ermessen kann, deren alltägliche Geräuschkulisse nicht die meine ist: der Lärm der Schüsse, das laute Schluchzen, das Geschrei im Angesicht der allgegenwärtigen Vernichtung. Ich schreibe nicht über ein Land, das ich seit über einem Jahr nicht mehr besucht habe – auch wenn ich es gerne täte, wenn man es mir nicht verwehren würde. So aber scheint mir auf meine Vorstellungskraft kein Verlass zu sein.

Es gelingt mir nicht, mir den Schmerz anderer auszumalen und darüber zu schreiben, während ich mich zum Verlassen des Landes entschieden habe, obwohl ich doch allen Ängsten und Sorgen zum Trotz hätte bleiben können – dabei allerdings das Leben meines Sohnes und meiner Familie aufs Spiel setzend.

Ich weiß, es mag hart klingen und eine Art Selbstkasteiung sein, doch ich bin fest entschlossen, mich in meine Schreibblockade zu fügen, solange ich fern der Heimat bin und solange alles, was ich schreiben könnte, nur der Imagination und nicht der erlebten Realität entspringen würde, welche vom Geruch des Todes, der Angst und der Rauchschwaden imprägniert ist, die so schwer über Syrien hängen. Über einem Land, das von einer ganzen Reihe von Feinden und radikalen Kräften politischer wie islamistischer Art heimgesucht, belagert und besetzt wird.

Ich werde intensiv nach einem anderen Freiraum für ein Leben außerhalb der Literatur suchen, bis ich dorthin zurückkehren kann, wo ich hingehöre und wohin es meine Seele drängt, wenn sie Ruhe finden will.

Dima Wannous

© Goethe-Institut 2016

Übersetzung aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

Dima Wannous ist eine bekannte syrische Fernsehjournalistin und Schriftstellerin. Ihr Buch "Dunkle Wolken über Damaskus", das von der vorrevolutionären Zeit in Syrien erzählt, wurde 2013 in Deutschland bei Edition Nautilus veröffentlicht. Wannous lebt heute in Beirut.

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