Die Welt, die ich in meiner Literatur erschaffen und in der zu leben ich als angenehm empfunden hatte, die war nun Wirklichkeit geworden. Nach welcher Phantasiewelt sollte ich denn nun suchen, und nach welchen Träumen?

Dann gerieten die Dinge durcheinander und die Phantasie war nicht mehr zu gebrauchen, musste angesichts des Schreckens, der sich vor unseren Augen zutrug, anmaßend wirken. Die Realität übertraf die Phantasie und führte alle noch so ambitionierten Bemühungen des menschlichen Geistes ad absurdum. Eine Verwirrung befiel Verstand und Erinnerung: Was sollten wir schreiben, über wen und für wen? Diese Fragen hatten sich vor der Revolution gar nicht gestellt, jedenfalls nicht für mich.

Wir hatten ja schließlich in einem Zustand der Stabilität gelebt, so negativ, ermüdend und trügerisch diese Stabilität auch gewesen sein mochte. Aber es war eben doch eine Stabilität, im Rahmen derer das Schreiben eine erquickende Rebellion darstellte, einen Ausbruch aus den Konventionen, einen Versuch des Sich-Abhebens von seiner Umgebung, der Alltagsroutine, den Ritualen, Traditionen und Tabus.

Biuchcover "Dunkle Wolken über Damaskus" von Dima Wannous im Verlag Nautilus
In Dima Wannous' Erzählband "Dunkle Wolken über Damaskus" geht es um Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die alle ein Schicksal eint: das Leben in einem diktatorischen Regime, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint und das doch spürbar an sein Ende gelangt ist.

Wie kann die Literatur heute das alles gleichzeitig leisten? Gegen welche Realität soll sie sich auflehnen, wo Tag für Tag dutzende Syrer im Bombenhagel, in den Gefängnisverliesen und in den Flüchtlingslagern sterben, an Kälte und Hunger, sowie an seelischen und materiellen Zerstörungen? Vermag der Schriftsteller unserer Tage noch die Gefühle der vom Schicksal geschlagenen Syrer nachempfinden, die permanent ihren Tod vor Augen haben, die ihrer ganzen Lebensenergie beraubt wurden? Vermag er sich in ihr Leiden und ihren Schmerz hineinversetzen?

Man könnte ja davon ausgehen, dass der Schriftsteller aufgrund seiner berufsbedingten ethischen Verantwortung geradezu prädestiniert dazu ist, über das Leiden der Menschen zu schreiben und ihren Sorgen und Nöten eine Stimme zu geben. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch ganz anders: Es sind die Menschen dieses Landes – ob in der Heimat, auf der Flucht und im Exil; ob Schriftsteller, Künstler oder Namenlose –, die dem Leiden der gesamten syrischen Bevölkerung eine Stimme verleihen. Es sind die von der CNN und dem britischen Guardian vor etwa einem Jahr geleakten Bilder der Leichen von Folteropfern, die ein Bild der nackten Realität vermitteln, ohne Verfälschungen oder Übertreibungen.

Fernab des Krieges

Wir haben die Rollen gewechselt. Die meisten syrischen Schriftsteller leben heute außerhalb des Landes, kommen dort in den Genuss eines Mindestmaßes an menschenwürdigen Lebensbedingungen, wohnen in Häusern, die – mögen sie auch noch so klein sein – keinem Beschuss ausgesetzt sind, die nicht jeden Moment über ihren Köpfen einzustürzen drohen.

Die meisten Intellektuellen und die Eliten bekommen nicht aus erster Nähe mit, was in ihrem Land vor sich geht. Wie sollten sie dann darüber schreiben, was passiert? Und hat es etwa seine Richtigkeit, die Geschichten jener Helden zu stehlen und darüber im Café oder zuhause zu schreiben, Krokodiltränen zu vergießen und dann wieder in das 'normale' Leben zurückzukehren, welches die meisten von uns führen?

Ebenso kann man in der syrischen Filmbranche immer wieder erleben, wie fähige und hochkarätige Regisseure, die seit den ersten Monaten der Revolution außerhalb Syriens leben, Filme drehen, die international für Aufsehen sorgen und Preise gewinnen. Doch sind diese nicht etwa im befreiten Teil Syriens entstanden, sondern in dem Land, das der Regisseur zu seinem Exil erkoren hat.

Oft beruhen sie entweder auf Augenzeugenberichten von Menschen, die vor Zerstörung und Beschuss ins Ausland geflohen sind, oder auf dem Zusammenschnitt von YouTube-Clips, die von Amateuraktivisten (sogenannten 'Graswurzeljournalisten') gedreht und arabischen wie auch internationalen Medien zur Verfügung gestellt wurden, damit sie eine möglichst große Zahl von Zuschauern und Entscheidungsträgern erreichen.

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