Im Bemühen, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, beschloss ich, die Geschichten derjenigen von ihnen aufzuschreiben, die mir in Beirut begegnet waren, jener von Damaskus aus so nahe gelegenen und doch gleichzeitig so unerträglich weit entfernten Stadt. Ich traf eine ganze Reihe von ihnen und lauschte ihren Berichten, die sowohl inhaltlich als auch durch die darin aufscheinenden ethischen Werte und das früh gereifte Bewusstsein beeindruckten.

In den Fängen der "Abteilung für Tod und Wahnsinn"

Ich veröffentlichte Geschichten von Frauen, die mit ansehen mussten, wie ihre Häuser unter den Fassbomben zusammenstürzten, die in die Augen ihrer bei Demonstrationen oder unter der Folter getöteten Ehemänner geblickt hatten. Ich schrieb über junge Leute, die bei lebendigem Leibe und vollem Bewusstsein die Erfahrung des Todes durchlebt hatten, nachdem sie in die Hände einer Spezialeinheit namens "Abteilung für Tod und Wahnsinn" geraten waren.

Wie durch ein Wunder entkamen sie, zerfressen von Haut- und Atemwegserkrankungen. Die hatten sie sich während der relativ kurzen Haftzeit in einer Zelle zugezogen, die eigentlich nur Platz für vier Person bot, in die man aber dutzende Menschen gepfercht hatte. Dort mussten sie das Verfaulen ihrer Körper und der ihrer Mitgefangenen hautnah erfahren, mussten den Gestank ertragen, der von offenen Wunden und eitrigen Entzündungen ausging. Und dort wünschten sie sich gegenseitig den Tod herbei, um eines zusätzlichen Lufthauchs, eines zusätzlichen Nahrungsbissens willen.

Ja, über sie schrieb ich und veröffentlichte ihre Geschichten. Dann hielt ich mit einem Mal inne und ein nagender Selbstzweifel tat sich vor mir auf dem Computerbildschirm auf: Indem ich über anonyme Helden schreibe, raube ich ihnen damit nicht ihr Heldentum und mache mich zu einer Möchtegern-Heldin? Aus eben dieser Situation erwuchs die Schreibblockade, nahm konkrete Gestalt an, ergriff mich und legte meine Phantasie in Ketten. Aber was war diese Phantasie schon wert angesichts solcher Geschichten, von denen wir bis vor Kurzem noch geglaubt hatten, so etwas gäbe es nur in Romanen und Science-Fiction-Filmen?

Wirklichkeit siegt über Vorstellungskraft

Jene Unfähigkeit, etwas Eigenes zu Papier zu bringen, hatte auch etwas wundersam Dualistisches. Vor der Revolution hatte ich Zuflucht zu meiner Phantasie genommen, um eine bittere, frustrierende, trostlose Realität ertragen zu können. Ich hatte in meiner Phantasie nach meiner Identität gesucht, um darin Schutz zu finden und frei atmen zu können. Nach der Revolution war diese Phantasie plötzlich Realität.

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