Anti-Assad-Demonstration in Kafranbel nahe Idlib; Foto: Reuters/Shaam News Network
Syriens Intellektuelle im Windschatten der Revolution: "Eine ganze Generation junger Syrerinnen und Syrer ist auf die Straße gegangen, bewaffnet nicht mit schöner Literatur, sondern mit Mut, Rebellion und Widerstand. Aus ihrem Akt des Aufbegehrens und ihrem Aufschrei sprach auch Enttäuschung gegenüber der Literatur und ihrer vermeintlichen Funktion als Instrument der Veränderung", so Wannous.

Unter kreativen, ideellen, historiographischen und dokumentarischen Gesichtspunkten waren sie durchaus von Relevanz. Doch büßten sie leider ihr Potential ein, sich unter anderen Aspekten wie denen der Sprache, des Ausdrucks und der Imagination weiterzuentwickeln, was in vielen Fällen durch einen Hang zu politischer Simplifizierung und Ideologie erschwert wurde.

Wo waren die syrischen Intellektuellen?

Was mich anbelangt, so kam mir meine Fähigkeit zum literarischen Schreiben nach der Revolution abhanden. Diese seitdem andauernde Blockade ist einerseits belastend, andererseits aber auch verschmerzbar. Schließlich haben diejenigen Personen, die ich mir als wutschäumende Leser meiner Werke vorgestellt hatte, bereits ihr Fett abbekommen, wenn auch bisher in einem sehr begrenzten Maße. Immerhin ist eine ganze Generation junger Syrerinnen und Syrer auf die Straße gegangen, bewaffnet nicht mit schöner Literatur, sondern mit Mut, Rebellion und Widerstand.

Ohne sich darum zu scheren, welches Schicksal sie ereilen würde, haben sie mit nackter Brust den Aufstand gewagt – für uns, für sich, für alle unterdrückten Menschen in Syrien, die von Freiheit, Demokratie, politischem Pluralismus und Würde träumen. Aus ihrem Akt des Aufbegehrens und ihrem Aufschrei sprach Enttäuschung gegenüber der Literatur und ihrer vermeintlichen Funktion als Instrument der Veränderung.

Es war ein Frontalangriff auf jene von syrischen Literaten und Intellektuellen gehegten Illusionen bezüglich der Literatur als einem wirkungsvollen Instrument, um die Massen zu lenken, sie mit theoretischem Rüstzeug zu versorgen und ihren Sorgen und Zweifeln als Vehikel zu dienen.

In Wahrheit kam der Literatur meiner Meinung nach gar keine solche Bedeutung zu. Denn diejenigen, die auf die Straße gingen, hatten in ihrer Mehrzahl jene Bücher nicht gelesen, hatten weder vor noch nach der Revolution von den Repräsentanten der kulturellen Elite gehört, noch von den Namen jener, die unter dem Regime der beiden Assads, Vater und Sohn, inhaftiert, gefoltert oder ins Exil gedrängt worden waren. Ebenso wenig hatten die syrischen Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler, Oppositionellen oder Aktivisten jene Demonstrationen angeführt, die Freiheit, Würde und schließlich den Sturz des Regimes einforderten.

Die Elite hielt sich im Hintergrund, lief im Windschatten der Demonstranten mit und versuchte, sich bei ihren Zusammenkünften einzuklinken. Junge Leute von gerade einmal 20 Jahren waren die Anführer jener Demonstrationen, waren deren Organisatoren, Theoretiker und Subjekte, aber auch deren namenlose Protagonisten, die im Todesfall zu bloßen Nummern wurden. Ihnen ging es nicht um Ruhm oder internationale Anerkennung, wie so vielen Schriftstellern und Aktivisten, welche die Revolution dazu nutzten, um ihren Traum von der Flucht aus dem Gefängnis Syrien in die Tat umzusetzen und in die weite Welt hinauszugelangen. Ihnen gebührt es, dass wir über sie schreiben, dass wir von ihren Geschichten und ihrem außergewöhnlichen Mut erzählen.

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