Mitglieder der Hilfsorganisation "Weißhelme" auf der Suche nach Überlebenden nach einem Fassbombenabwurf in Aleppo; Foto: Reuters
Fassbomben und Folter gegen syrische Zivilisten: "Ich veröffentlichte Geschichten von Frauen, die mit ansehen mussten, wie ihre Häuser unter den Fassbomben zusammenstürzten, die in die Augen ihrer bei Demonstrationen oder unter der Folter getöteten Ehemänner geblickt hatten. Ich schrieb über junge Leute, die bei lebendigem Leibe und vollem Bewusstsein die Erfahrung des Todes durchlebt hatten, nachdem sie in die Hände einer Spezialeinheit namens 'Abteilung für Tod und Wahnsinn' geraten waren", schreibt Wannous.

Ich stellte mir vor, wie sie lasen, was ich und andere geschrieben hatten, und wie sie über das Gelesene in Wut gerieten. Ich genoss die Vorstellung, sie in Rage zu versetzen, ihre trügerische Sicherheit ins Wanken zu bringen. Gerne hätte ich ihnen zugerufen: "Ja, der syrische Mensch lebt unter euch und mit euch, gezwungenermaßen. Aber er ist deshalb noch lange nicht wie ihr. Er lebt mit euch, ohne sich mit euren Moralvorstellungen, eurem Verhaltenskodex und eurer politischen Ordnung zu identifizieren. Und wenn es ihn dazu drängt, sich unter euch zu mischen, dann nur, um etwas über euch in Erfahrung zu bringen, um euer Leben und eure Verderbtheit zu dokumentieren. Um eure Existenz, die mit seiner Nicht-Existenz in direktem Zusammenhang steht, herauszufordern."

Ein Akt der Selbstindividualisierung

Ja, sie existierten, weil die meisten Syrer marginalisiert und vom normalen Leben ausgeschlossen waren, unterdrückt und jeder Willenskraft und Meinungsfreiheit beraubt. Vor einem solchen Hintergrund wird das Schreiben zu einem Akt der Selbstindividualisierung, aus dem Bemühen heraus, dem eigenen Ich wieder seinen natürlichen Platz zu verschaffen: als ein eigenständiges und in seiner Artikulation, seinen Leidenschaften, seinem Temperament und seinen Träumen ausdifferenziertes Wesen.

Sich diese eigentlich triviale Tatsache ins Bewusstsein zu rufen, ist in dem Zusammenhang durchaus von Nutzen. Oft hat die Literatur gerade in Ländern der sogenannten Dritten Welt, die unter der Herrschaft totalitärer, diktatorischer, militaristischer oder religiöser Regime leben, eine authentische Geschichtsschreibung hervorgebracht, jenseits von Zensur und Geschichtsklitterungen durch jene Kräfte, die dem 'Bürger' nach Gutdünken und Kalkül eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit unterzujubeln versuchen.

Ob Geschichtsbücher an Schulen, Schriften über den arabischen Nationalismus oder sogar Geographiebücher – sie alle waren in jenen Ländern nach der Logik der jeweiligen Regime ausgerichtet, nicht nach den tatsächlichen Realitäten. Denn die Regime waren es, die sich die Geschichte zurechtbastelten und nach Belieben geographische Grenzen zogen. Von daher waren Erzählliteratur und politische Chroniken eine legitime und notwendige Antwort auf jene vorgefertigten Konstrukte.

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