Syrische Christen unter dem Assad-Regime

"Assad schützt nur sich selbst"

Syriens Diktator Baschar al-Assad präsentiert sich als Beschützer der religiösen Minderheiten im Land, insbesondere der Christen. Doch immer mehr syrische Christen im Exil wehren sich gegen diese politische Vereinnahmung. Martina Sabra berichtet

Patriarch Gregorios III. Laham von Antiochia ist Syrer und das Oberhaupt der sogenannten melkitischen Christen – eine bedeutende katholische Kirche des Nahen Ostens, die vor über 300 Jahren vom Papst in Rom anerkannt wurde und die insgesamt rund 1,6 Millionen Mitglieder zählt. Der Amtssitz des über 80-jährigen Geistlichen ist Damaskus.

Seine Loyalität zum Assad-Regime hat Gregorios III. Laham viele Male öffentlich bekräftigt – zuletzt im April 2014, nach der Rückeroberung des christlichen Städtchens Maalula durch die Truppen des Assad-Regimes. Über die tiefgreifenden Menschenrechtsverletzungen, das Grauen in den syrischen Folterzentren und viele andere Verbrechen des Assad-Regimes schweigt der ansonsten eloquente Kirchenmann.

Der Opportunismus der meisten kirchlichen Würdenträger in Syrien ist bekannt. Doch neuerdings gibt es Widerspruch – noch verhalten, aber immer deutlicher wahrnehmbar. Anlässlich eines Besuchs von Patriarch Gregorios III. Laham Mitte Mai 2014 in Frankreich appellierten christliche Syrer im Exil öffentlich an das Kirchenoberhaupt und andere syrische Christen, sich nicht länger zum Komplizen der Diktatur in Syrien zu machen.

Patriarch Gregorios III. Laham von Antiochia; Foto: SANA
Rückendeckung für Assad: Seine Loyalität zum Assad-Regime hat Gregorios III. Laham viele Male öffentlich bekräftigt. Über die tiefgreifenden Menschenrechtsverletzungen, das Grauen in den syrischen Folterzentren und viele andere Verbrechen der Baath-Diktatur schweigt der ansonsten eloquente Kirchenmann.

"Es darf nicht sein, dass Christen im Tausch gegen sogenannte Glaubensfreiheit auf Grundrechte wie Demokratie und Meinungsfreiheit verzichten", schrieben sie sinngemäß in einem offenen Brief. Verfasser des auf Französisch, Deutsch, Arabisch, Englisch und Italienisch verfassten Appells sind die "Syrian Christians for Peace", eine Gruppe, die ihre Mitteilungen auf Facebook und im World Wide Web über das Informationsportal "all4syria" verbreitet.

Christen gegen das Assad-Regime

Als Sprecher der Gruppe tritt der Syrer Ayman Abdulnour auf, ein ehemaliger Studienkollege und Berater des Präsidenten Baschar al.Assad, der sich 2007 offiziell vom Regime in Damaskus lossagte und der seither im Exil lebt.

Verbreitet wurde der Appell unter anderem von der in Frankreich ansässigen NGO "Souriahouria", ein franko-syrischer Zusammenschluss, dem unter anderem prominente syrische Intellektuelle und Kulturschaffende angehören und der nach eigenen Angaben die syrische Revolution gegen das Assad-Regime unterstützt.

Der offene Brief der "Syrian Christians for Peace" Mitte Mai 2014 war nicht die erste öffentliche Stellungnahme syrischer Christen gegen das Assad-Regime. Bereits im März 2014 initiierten christliche Exilsyrer aus Deutschland und der Schweiz einen vergleichbaren Appell, die "Deklaration demokratischer syrischer Christen". Sie forderten unter anderem einen demokratischen Rechtsstaat für Syrien, in dem alle Bürger gleiche Rechte haben und in dem Religion und Politik tatsächlich getrennt würden. In dem Text, der auf Facebook abrufbar ist, heißt es unter anderem:

"Der Glaube an Christus ist für uns die Quelle der Unterstützung des Aufstandes gegen den syrischen Diktator und die Grundlage für den Kampf für Freiheit und Würde. Das Regime von Baschar al-Assad war und ist niemals der Beschützer der christlichen Minderheiten. Es schützt lediglich die Interessen der mafiösen Strukturen der Diktatur."

Zu den Initiatoren des Appells zählt Marwan Khoury, ein aus Syrien stammender christlicher Arzt, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt und arbeitet und der seit zwei Jahren fast seine gesamte Freizeit darauf verwendet, Hilfstransporte für syrische Flüchtlinge zu organisieren.

Kollaboration mit dem Geheimdienst

Blick auf das syrische Maalula; Foto: picture-alliance/akg-images/Hedda Eid
Hochburg der syrischen Christen: Die Bewohner von Maalula, rund 50 Kilometer von Damaskus entfernt, sind größtenteils Christen. Sie sprechen zum Teil noch aramäisch, eine alte semitische Sprache. Im vergangenen September 2013 war der Ort bereits einmal von Rebellen eingenommen worden. Sie wurden jedoch im April 2014 erneut von den Truppen von Präsident Baschar al-Assad wieder vertrieben.

Die Instrumentalisierung der syrischen Christen durch das Assad-Regime sei nicht neu, sagt Khoury: "Viele offizielle kirchliche Würdenträger in Syrien arbeiten seit Jahren mit dem Geheimdienst zusammen." Dennoch gebe es Momente, die besonders schwer erträglich seien, wie zum Beispiel der Auftritt Baschar al-Assads in Maalula am Ostersonntag 2014.

Nachdem die syrische Armee den nahe bei Damaskus gelegenen christlichen Ort monatelang beschossen und die Rebellen vertrieben hatte, reiste Baschar al-Assad höchstpersönlich mit einer Wagenkolonne nach Maalula. Vor den Kameras des staatlich kontrollierten Fernsehens schob der Präsident die Schuld an der Gewalt allein den Rebellen in die Schuhe und inszenierte sich als Beschützer der Christen.

"Es ist schlimm mitanzusehen, wie das Regime die Christen in Maalula benutzt, um seine Macht zu sichern, während in verschiedenen Städten Syriens Kinder und Frauen mit TNT-Fassbomben umgebracht werden", erklärt Khoury.

Auch der in Berlin lebende syrische Journalist Samir Matar – wie Khoury ein Christ – war über Assads Auftritt über Ostern in Maalula entsetzt. Noch mehr schockiert habe ihn allerdings die Berichterstattung eines Teils der deutschen Leitmedien, die das Narrativ von Assad als Beschützer der Christen unkritisch übernahmen, sagt Matar im Gespräch mit Qantara.de: "Wenige Tage zuvor hatten die UN bestätigt, dass die Bilder der 11.000 Folteropfer in Syrien authentisch waren. Und dann solche Berichte, die das Regime schön reden. Das ist für mich völlig unverständlich", meint Matar kopfschüttelnd.

Vor dem Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 waren von den damals rund 22,5 Millionen Einwohnern Syriens etwa zwei Millionen Christen. Heute lebt schätzungsweise die Hälfte von ihnen im Exil. Sie verteilen sich auf mehr als ein Dutzend verschiedene christliche Konfessionen.

Schon Hafez al-Assad, der Vater des jetzigen Präsidenten, pflegte sorgfältig das Bild des Christenbeschützers. Tatsächlich genossen Christen, die sich mit der Diktatur arrangierten, gewisse Privilegien, und die syrische Verfassung gab der christlichen Minderheit im regionalen Vergleich weitgehende Rechte: Unter anderem bezahlte der Staat den christlichen Religionsunterricht an Schulen.

Im Visier Assads

Marwan Khoury; Foto: Nasrat Nazmy
Für den aus Syrien stammenden christlichen Arzt Marwan Khoury ist die Instrumentalisierung der syrischen Christen durch das Assad-Regime nicht neu: "Viele offizielle kirchliche Würdenträger in Syrien arbeiten seit Jahren mit dem Geheimdienst zusammen."

Doch gleichberechtigte Staatsbürger waren die Christen deshalb nicht. Der Staatspräsident muss in Syrien laut Verfassung nach wie vor ein Muslim sein. Und wer sich dem Assad-Regime nicht explizit unterwarf, der riskierte seine Existenz und sein Leben – auch als Christ: "Einige Kirchenvertreter waren mutig und stellten sich ihrer Verantwortung, doch leider wurden sie vom Regime bekämpft", sagt der Journalist Samir Matar.

Die Liste christlicher Aktivisten und Würdenträger, die das Assad-Regime töten, foltern oder verbannen ließ, ist lang. 2012 ermordete die syrische Armee in Hama den Priester Bassilius Nassar, weil er den hungernden Menschen in den belagerten Stadtteilen Lebensmittel brachte. Ebenfalls 2012 tötete die syrische Armee in Homs den 28-jährigen christlichen Filmemacher und IT-Ingenieur Basil Shehade.

Wenig später ließ Baschar al-Assad den engagierten Jesuitenpater Paolo Dall Oglio aus dem Land werfen – mutmaßlich auch deshalb, weil er an der Trauerfeier für Basil Shehade teilgenommen hatte. Dall Oglio hielt sich danach zeitweise in den von Rebellen kontrollierten Gebieten auf, wo er 2013 mutmaßlich von der extremistischen ISIL entführt wurde.

Trotz alledem möchten viele Christen das Assad-Regime als "das kleinere Übel" sehen. Pater Jihad Nassif, ein maronitischer Geistlicher aus dem syrischen Lattakia, der gegenwärtig eine maronitische Gemeinde in Jordanien betreut, erklärte Ende 2013 am Rande einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Deutschland, dass ihm die Assad-Diktatur lieber sei als radikale Islamisten: "Bitte lassen sie uns nicht vom Sturz des Regimes sprechen. Das hat zu dieser Katastrophe geführt. Sprechen Sie lieber von Regimeentwicklung von Regimeänderung. Mir wäre es lieber, 20 Jahre diese Regierung auszuhalten, als dieses Desaster in Syrien zu haben."

Jenseits von "Pest und Cholera"

Hier das brutale Assad-Regime, dort der islamistische Terror – hat das syrische Volk wirklich keine andere Wahl? Der Arzt Marwan Khoury und der Journalist Samir Matar sehen das anders. Sie glauben, dass es jenseits von "Pest und Cholera" machbare Alternativen gibt, und sie sind damit nicht allein.

Ihre „Deklaration demokratischer syrischer Christen“ haben im März 2014 mehr als 100 Syrerinnen und Syrer unterzeichnet. Die meisten leben im Ausland, sagt der Journalist Samir Matar. Doch der Aufruf finde auch bei Christen innerhalb Syriens Zuspruch. Vielen hätten allerdings Angst, sich zu äußern.

Samir Matar hofft, dass die Deklaration der demokratischen syrischen Christen dazu beitragen wird, ein realistisches Bild der Assad-Diktatur zu vermitteln, statt die Verbrechen kleinzureden. "Wir wollen Aufklärung darüber, dass Assad der erste Verantwortliche für Hunderttausende Tote in Syrien ist. Und dass er – wie einst Slobodan Milosevic – für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden muss."

Martina Sabra

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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