Syrische Bootsflüchtlinge in Ägypten

"Nach Europa geht es immer geradeaus!"

Viele syrische Flüchtlinge versuchen, von Ägypten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Um sich vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat in Sicherheit zu bringen, riskieren sie dabei ihr Leben. Eine Reportage von Karim El-Gawhary aus dem ägyptischen Abukir

"Hast Du ein Pfund für einen Platz auf einem Boot nach Italien?", fragt ein alter einäugiger Mann mit Gehstock, Turban und Rauschebart. Er grinst durch das geöffnete Autofenster. Im heruntergekommenen ägyptischen Küstenort Abukir, westlich des Mittelmeerhafens von Alexandria, haben selbst die Bettler ein genaues Ziel vor Augen – und das liegt hinter dem Meereshorizont. Dort, wo die Europäer an den Stränden in der Sonne baden, liegt die Hoffnung, oder sie stirbt auf dem Weg dorthin.

War Abukir einst der Ort, an dem der britische Lord Nelson mit seiner Royal Navy die Flotte Napoleons versenkte, ist es heute der Ausgangspunkt vor allem für syrische Flüchtlinge, die gefährliche Überfahrt nach Europa zu wagen. Bis zu 4.000 Dollar zahlen die Syrer für einen Platz auf einem der Boote, erzählt Abou, der am Strand einen kleinen Kiosk betreibt. Meist stechen die Boote nachts in See, voll beladen mit rund 200 Menschen an Bord, ein paar kleinere Boote im Schlepptau.

Auf dem aufgebrachten Flüchtlingsboot werden Leichen mit Eisblöcken gekühlt; Foto: Karim El-Gawhary
Rigides Durchgreifen der ägyptischen Küstenwache: Zwei Flüchtlinge an Bord eines Flüchtlingsbootes wurden erschossen, einer schwer verletzt, als das Schiff an der Weiterfahrt gehindert wurde. Die Leichen wurden auf dem Boot mit Eisblöcken gekühlt.

Auf diese werden die Flüchtlinge kurz vor der italienischen Küste umgeladen, und dann heißt es nur noch: Nach Europa geht es immer geradeaus! "Wer ertrinkt, hat Pech gehabt, wer ankommt, hat es geschafft, und wer festgenommen wird, der wird eben festgenommen. Die Schlepper gewinnen in jedem Fall", fasst Abou das Geschäftsmodell der Schmuggler zusammen. Denn die Boote sind nur einen Bruchteil dessen wert, was die darauf gepferchten Syrer bezahlt haben. Manchmal kommt es auch vor, dass die Flüchtlinge auf ein paar kleinen, vorgelagerten ägyptischen Inseln abgesetzt werden, wo sie dann später von der Küstenwache abgeholt und verhaftet werden.

Schüsse auf Flüchtlinge

Auch am 17. September stach ein solches Boot mit 240 Flüchtlingen in See. Doch es kam nicht weit: es wurde kurze Zeit darauf von der ägyptischen Küstenwache aufgebracht. Die forderte das Boot zum Anhalten auf, die Schlepper fuhren trotzdem weiter, wohl aus Angst. Die Küstenwache feuerte auf das Boot. Zwei der Flüchtlinge an Bord wurden erschossen, einer schwer verletzt, bevor das Schiff doch anhalten musste und die Flüchtlinge zurück an Land gebracht wurden.

Ägypten ist wohl das einzige Land der Welt, das auf Flüchtlinge schießt, die versuchen das Land zu verlassen. "Dabei macht Ägypten die Drecksarbeit für die europäischen Staaten, die vom Land am Nil gefordert haben, die Flüchtlingswelle übers Meer zu stoppen", erklärt der ägyptische Menschenrechtsanwalt Ahmad Nassar aus Alexandria. In den vergangenen beiden Monaten, seit die Küstenwache härter durchgreift, wurden fast 1.000 Flüchtlinge festgenommen.

Schock und Panik

Ein Teil jener, die die Schicksalsfahrt vom 17. September überlebt haben, befindet sich in der kleinen Polizeistation in Abukir. Gut hundert Flüchtlinge, darunter 40 Kinder, werden dort festgehalten. Nach längerem Verhandeln öffnet ein Polizeioffizier schließlich das Vorhängeschloss, mit dem das Tor zugesperrt ist. "Das könnte Ärger für mich geben, aber diese Menschen brauchen Hilfe. Bitte schreib über sie, damit die Europäer verstehen, was hier los ist", sagt er.

In der Wache herrscht eher die Atmosphäre eines Flüchtlingslagers als einer Polizeistation. Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Eines der Zimmer dient den Frauen und Kindern als Unterkunft, ein anderes den Männern.

Muntazir ist so etwas wie der Sprecher der Gruppe. Er erzählt noch einmal, wie sie von der Küstenwache aufgebracht wurden. Als Beweis zeigt er ein Video auf einem Handy. Dort ist auch jener Moment festgehalten, nachdem geschossen worden ist. In den Augen der Flüchtlinge an Bord sind Schock und Panik sichtbar. Und immer wieder schwenkt das Handy auf die beiden Leichen, einen jungen Mann und eine Frau.

Muntazir, Sprecher der syrischen Flüchtlingsgruppe; Foto: Karim El-Gawhary
"Wir wussten, dass die Überfahrt gefährlich ist, aber bei uns in Syrien war es noch gefährlicher", fasst Muntazir, Sprecher der syrischen Flüchtlingsgruppe, sein Dilemma zusammen.

Auch Fotos haben sie gemacht. Eines zeigt die beiden Toten, auf die sie Eisblöcke gelegt haben, um sie vor der Verwesung in der Hitze zu schützen. "Wir wussten, dass die Überfahrt gefährlich ist, aber bei uns in Syrien war es noch gefährlicher", fasst Muntazir sein Dilemma zusammen.

Der 35-Jährige ist alleine hier. Seine Frau und seine Tochter sind noch in Damaskus, auch wenn ihr dortiges Haus im Palästinenserviertel Yarmuk inzwischen zerstört ist. "Meine zwölfjährige Tochter hat aus Angst vor den fast täglichen Bombardements inzwischen wieder begonnen, ins Bett zu machen. Da wusste ich, wir müssen hier weg", erzählt er. Weil er nicht genug Geld für die Überfahrt für die gesamte Familie hatte, sollte er es als Erstes wagen und dann versuchen, seine Familie nachzuholen.

Wie, wenn nicht illegal?

Vom Libanon aus kostet die Überfahrt über das Meer das Doppelte, also ist er nach Ägypten gekommen. "Ich danke Gott, dass meine Familie bei dieser Fahrt nicht dabei war", meint er rückblickend. "Man gibt uns in Europa nur einen Flüchtlingsstatus, wenn wir es überhaupt schaffen, dort anzukommen. Wie aber sollen wir ankommen, wenn nicht illegal übers Meer?", fragt er und fügt hinzu: "Der Mensch braucht irgendeine Hoffnung. Wir müssen unser Leben riskieren, um einen sichereren Platz zu finden." Muntazir ist OP-Helfer in der Chirurgie, mit jahrelanger Erfahrung. Eigentlich ein Job, der in Europa gesucht wird, glaubt er.

Alaa, ein anderer Flüchtling, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf der Wache ist, erzählt, dass er wenige Tage vor der Reise mit seiner Familie noch bei der österreichischen Botschaft in Kairo war. Er wollte dort seinen Fall darlegen, in der Hoffnung, aufgenommen zu werden. Sie kamen noch nicht einmal am Sicherheitsbeamten vor der Tür vorbei. "An diesem Tag haben wir beschlossen, es illegal übers Meer zu versuchen. Was blieb uns sonst übrig?" Unterbrochen wird er von einer Frau, die ihr Handy mit einem Foto vor sich hält. Zu sehen ist eine Ruine. "Das ist unser Haus. Sollen wir etwa dorthin zurückkehren?", fragt sie.

Europäischer Druck auf Ägypten

"Die Europäer geben den syrischen Flüchtlingen kaum eine Chance, auf legalem Wege dorthin zu kommen. Gerade Italien und Deutschland üben Druck auf Ägypten aus, die Boote zu stoppen", erläutert Menschenrechtsanwalt Nassar. „Die Lösung wäre, mehr Flüchtlinge offiziell in Europa aufzunehmen und auch den Nachbarländern Syriens bei deren Aufnahme zu helfen“, meint der Aktivist. "Diese syrischen Flüchtlinge sind Menschen, die wie Tiere behandelt werden."

Aufgebrachtes Flüchtlingsboot; Foto: picture-alliance
Flucht nach Europa unter Lebensgefahr: Der ägyptische Küstenort Abukir hat sich zu einer neuen Anlaufstelle für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien entwickelt, die ihr Leben auf der gefährlichen Reise über das Mittelmeer riskieren.

Den Menschen auf der Polizeistation in Abukir werden die Ägypter die Ausreise anbieten, ohne Deportationsstempel im Pass, in ein Land ihrer Wahl. Die einzigen beiden Länder, die dafür infrage kommen, wären das Bürgerkriegsland Syrien oder der Libanon. Letzterer ist von den Flüchtlingen vollkommen überwältigt. Laut Schätzungen könnten bis Ende des Jahres 40 Prozent der im Libanon lebenden Bevölkerung aus syrischen Flüchtlingen bestehen. Auf Deutschland umgerechnet wären das 32 Millionen Flüchtlinge, auf Österreich 3,2 Millionen.

In einer Ecke der Polizeistation sitzt der 13-jährige Ibrahim und starrt ins Leere. Es war seine Mutter, die auf dem Boot erschossen wurde – direkt neben ihm. Das erzählt er, fast mechanisch, rattert es herunter. Er berichtet auch, dass er dann neben ihr saß und weinte. Jetzt ist er hier nur noch mit seinem 21-jährigen Bruder. Die beiden durften die Wache einmal kurz verlassen: um ihre Mutter auf einem Friedhof in Abukir zu begraben.

Wer Ibrahim gegenüber sitzt, weiß so schnell nicht mehr, was er ihn eigentlich fragen wollte, zu offensichtlich sind sein Schmerz und sein Schock. Was Ibrahim denn in Europa am liebsten gemacht hätte, wenn er, sein Bruder und seine Mutter dort angekommen wären? "Mein größter Wunsch war es, einfach wieder in die Schule zu gehen", antwortet er kurz. Und was er denn einmal später werden wolle? Ibrahim überlegt einen Moment: "Am liebsten", sagt er, "würde ich Arzt werden, damit ich anderen Menschen helfen kann."

Karim El-Gawhary

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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