Sunnitisch-schiitisches Schisma

Was Sunniten über Schiiten wissen sollten

Unwissenheit in Glaubensfragen ist eine der Triebkräfte für Konflikte im Nahen Osten. Die Gesellschaften der Region bewegen sich heute zwischen Spannungen und Sezessionskriegen und stecken in einem Teufelskreis der Polarisierung fest, der häufig auch auf religiösen Missverständnissen beruht. Von Mohamed Yosri

Nirgendwo anders lassen sich diese offensichtlichen Missverständnisse ablesen wie am Beispiel der historischen Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten. Dies liegt mitunter vor allem daran, dass die sunnitische Mehrheit über einige wichtige Grundsätze der Schiiten völlig falsche Ansichten hat. Und so haben sich die Spannungen zwischen den beiden islamischen Religionsgruppen über die Jahrzehnte hinweg immer mehr verstärkt.

1. Das Buch von Fatima

Die Schrift, die als "Buch von Fatima" oder "Mushaf Fatima" bekannt ist, ist in sunnitischen Kreisen sehr umstritten. Zunächst scheint es so, als glaubten die Schiiten aufgrund der Existenz dieses Buches an eine völlig andere Version des Korans.

In Wirklichkeit aber unterscheiden sich der Koran und das Buch Fatima sehr stark voneinander. Bei dem Streit geht es vor allem um die Bedeutung des Wortes "Mushaf", mit dem das Buch beschrieben wird. Wie es Ibn al-Manzur in Lisan al-Arab beschreibt, bezieht sich "Mushaf" in diesem Fall nicht, wie allgemein angenommen wird, auf den Koran, sondern auf das Buch von Fatima.

Laut Al-Sayed Kamal al-Haidari entstand dieses schiitische Buch, als der Erzengel Gabriel (Jibril) vom Himmel herabstieg, um Fatima, die Tochter des Propheten, zu trösten, nachdem ihr Vater gerade gestorben war. Er blieb mehrere Tage auf Erden, und jede Nacht übermittelte er ihr Botschaften über ihre Kinder und deren Zukunft. Diese Botschaften wurden auch von Ali Ibn Abi Talib gehört. Er schrieb sie auf und trug so die Texte für das Buch von Fatima zusammen.

Diese Textsammlung wurde dann unter den schiitischen Imamen weitervererbt, bis sie in den Besitz des zwölften Imams gelangte, der, wie die Schiiten glauben, am Ende aller Zeiten mit dem Buch wiederauferstehen wird.

2. Ḥusseiniyāt

Viele Sunniten glauben, Ḥusseiniyāt seien schiitische Moscheen, die unter der Leitung des Imamats stehen und in denen gebetet wird. In Wirklichkeit aber sind sie keine Moscheen, sondern lediglich Versammlungsorte der Schiiten. Am besten können sie als soziale und kulturelle Begegnungsstätten beschrieben werden.

In seinem Buch The Tragedy of Karbala schreibt der irakische Soziologe Ibrahim Alhidari: "In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die irakischen Schiiten mit dem Bau von Ḥusseiniyāt als Kulturstätten, um dort religiöse Rituale abzuhalten". Dabei ging es in erster Linie darum, an Husseins Tod zu gedenken, woher auch der Name dieser Einrichtungen kommt.

Irakische und iranische Schiiten beten am Heiligen Schrein im Innern der Imam-Hussein-Moschee in Karbala; Foto: dpa/picture-alliance
Pilgerstätte für Schiiten weltweit: Irakische und iranische Schiiten beten am 13.8.2003 am Heiligen Schrein im Innern der Imam Hussein Moschee in Kerbala im Irak . Imam Hussein, ein Enkel des Propheten Mohammed, starb 680 in einer Schlacht gegen die Omajiden bei Kerbela den Märtyrertod. Dieses Ereignis führte zur endgültigen Spaltung des Islam in eine sunnitische und eine schiitische Glaubensrichtung.

Oft finden dort kulturelle Seminare oder öffentliche Versammlungen statt, um über Themen zu diskutieren, die für die Allgemeinheit interessant sind. Aber auch Totenwachen werden dort abgehalten. Ḥusseiniyāt werden meist in der Nähe von Moscheen errichtet, was vielleicht auch ein Grund für die Verwirrung derjenigen ist, die mit der schiitischen Gemeinschaft nicht vertraut sind.

3. Husseinische Erde

Viele Sunniten verstehen nicht, wie die Schiiten beten – insbesondere wird von ihnen die Sitte kritisiert, sich auf einem kleinen Stück Erde niederzuwerfen. Dies wird von den Sunniten allgemein als heidnischer Brauch verstanden, der in die heutige Zeit mitgenommen wurde.

In Wirklichkeit hingegen glauben die Schiiten, dass sich bereits die muslimischen Zeitgenossen des Propheten Mohammed auf einem Stück Boden oder Erde niedergeworfen haben, und dass dabei jegliche Abdeckung zwischen ihrer Stirn und diesem Stückchen Erde verboten war.

Nachdem Hussein (der Enkel des Propheten Mohammed und der am höchsten verehrte Imam innerhalb der schiitischen Glaubensrichtung) am 10. Muharram 61 der islamischen Zeitrechnung in Karbala gestorben war, begannen die Schiiten, Erdbrocken aus Karbala zu sammeln und zu lagern. So entstand die Sitte, auf ihnen zu beten, da sie laut Sheikh Ahmed al-Wa'ily als "reine Erde von großer Bedeutung" betrachtet werden, auf der die "edelste Handlung des Opfers ausgeführt wurde".

Obwohl den imamitischen Schiiten diese Erde heilig ist, sieht ihr Glaube nicht zwingend vor, dass sie sie zum Gebet verwenden. Laut dem Gelehrten Abdel Hussein al-Amini kann auf jeder Art von Boden gebetet werden.

4. Die dritte Schahāda

Unter vielen Sunniten herrscht Verwirrung über den Gebetsruf der Schiiten, der die Worte enthält: "Ich bezeuge, dass Ali der Statthalter Allahs ist". Obwohl dieser Satz in vielen schiitischen Quellen vorkommt, wird er nicht unbedingt so verstanden, als sei er für den Gebetsaufruf (adhān) verpflichtend.

Arabische Kalligrafie von Mahmoud Ibrahim; Foto: Public Domain, Library of Congress
Eine osmanische Kalligraphie aus dem 18. Jahrhundert zeigt den schiitischen Glaubenssatz "Ali ist der Statthalter Gottes" (Arabisch: علي ولي الله) in gespiegelten arabischen Schriftzügen. Ayatollah Sistani hatte in seinem Buch Manhāj al-Sāliḥīn geschrieben, dass dieses dritte Glaubensbekenntnis eine Ergänzung des zweiten sei, aber kein offizieller Bestandteil des Gebetsrufs.

Ayatollah Sistani, die führende Quelle der schiitischen Glaubenslehre im heutigen Irak, schreibt in seinem Buch Manhāj al-Sāliḥīn, das dritte Glaubensbekenntnis (schahāda) sei eine Ergänzung des zweiten. Ihre Verwendung werde zwar empfohlen, sei aber kein offizieller Bestandteil des Gebetsrufs.

5. Die schiitischen Schreine

Während der letzten Hadsch-Saison verbreiteten diverse Medien die Nachricht, der Iran weise seine Bürger an, nicht mehr zu den zwei heiligen Moscheen im saudischen Hedschas zu pilgern, sondern zu den schiitischen Schreinen im Irak. Obwohl Teheran diese Nachricht offiziell dementierte, wurde sie in vielen sunnitischen Kreisen verbreitet und offen verurteilt. Dies lag größtenteils an Missverständnissen in Hinblick auf den Begriff marqad, der zur Beschreibung der Schreine verwendet wurde. Auch in der Diskussion über die Heiligkeit der Schreine gab es Unklarheiten.

Der schiitische Geistliche Mohamed Sadeq al-Karbasi erklärte, dass marqad vom Begriff al-raqad abstammt, der sich auf die Ruhestätte der Toten bezieht. Also kann das Wort auf jegliche Grabstätte verweisen – unabhängig davon, ob sie sunnitisch oder schiitisch ist.

6. Heirat zum Vergnügen

Einer der wichtigsten Streitpunkte zwischen Sunniten und Jaafari-Schiiten besteht darin, dass die Sunniten das Konzept der Heirat zum Vergnügen ablehnen. In der Schia sind solche Hochzeiten hingegen erlaubt und werden als völlig legitim betrachtet.

Was die meisten Sunniten nicht wissen: Sowohl sunnitische als auch schiitische Quellen belegen, dass solche Hochzeiten in der Frühzeit des Islam erlaubt waren und von vielen der der Begleiter des Propheten Mohammed (ṣaḥāba) auch vollzogen wurden.

Unterschiede in der Sichtweise wurden von dem verstorbenen Scheich Ahmed al-Wa'ily folgendermaßen erklärt: "Während die Sunniten behaupten, die Erlaubnis für die Heirat aus Vergnügen sei zurückgenommen und seit der Schlacht von Khyber verboten worden, reichen den Schiiten die historischen Belege für ein solches Verbot nicht aus, also halten sie die Heirat aus Vergnügen weiterhin für erlaubt (halal)."

Daher ist der Streit zwischen beiden Seiten lediglich eine Sache der rechtlichen Interpretation.

7. Die Ḥawza

Laut der sunnitischen Lehre sind die Schulen von Mekka, Al-Azhar, Kairouan, Al-Zaytuna und einige andere Bildungseinrichtungen die zentralen Institutionen für religiöse Studien in der islamischen Welt. Die Schiiten bezeichnen solche Schulen als ḥawzāt, die Sunniten allerdings nicht.

In der schiitischen Tradition ist eine ḥawza eine Schule des Rechtswesens (fiqh), in der die schiitischen Scharia-Studien stattfinden. In der heutigen Zeit gibt es in den arabischen und islamischen Ländern, in denen Schiiten leben, mehrere schiitische ḥawzāt. Die bekanntesten von ihnen sind wahrscheinlich diejenigen in den iranischen Städten Ghom und Nadschaf.

Trotz der geografischen Entfernung zwischen den beiden Schulen und der Tatsache, dass sie keiner gemeinsamen Körperschaft unterstellt sind, ähneln sich die Lehrpläne der sehr stark. Sie bauen inhaltlich sogar aufeinander auf, und in jeder Stufe qualifizieren sich die Schüler für die nächste, ebenso wie es bei den traditionellen sunnitischen Instituten und Schulen der Fall ist.

8. Eid al-Ghadir

Die Sunniten feiern zwei religiöse Feiertage: Eid al-Fitr und Eid al-Adha. Weitere Festtage erkennen sie nicht an, und so stößt der Begriff des Eid al-Ghadir oft auf Unverständnis.

Eid al-Ghadir wird jedes Jahr am 18. Tag des Monats Dhu l-Hiddscha gefeiert. Der Festtag beruht auf dem Glauben, der Prophet Mohammed habe bei seiner Rückkehr von der Abschieds-Hadsch (seiner letzten und einzigen Hadsch-Pilgerschaft) den Muslimen befohlen, an einem Ort namens Ghadir Khumm anzuhalten, wo er ihnen einige Gebote aufgab. Dort habe er auch gesagt, "wessen Führer ich auch sein mag, dessen Führer ist auch Ali".

Die Schiiten glauben, dass Ali Ibn Abi Talib durch diese Aussage innerhalb des Imamats als Nachfolger bestimmt und zum Kalifen über alle Muslime erklärt wurde. Daher wurde dieser Tag auch zum religiösen Feiertag erklärt, den die Schiiten jedes Jahr begehen.

Mohamed Yosri

© Raseef22

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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