Bundesinnenminister Friedrich; Foto: dapd
Streit um Studie über junge Muslime in Deutschland

Planlos und polarisierend

Mit seinen Aussagen zu einer neuen, umstrittenen Islam-Studie hat Innenminister Friedrich eine Debatte um Integrationsverweigerung junger Muslime ausgelöst, die nicht nur auf harsche Kritik bei den Islamverbänden, sondern auch bei Vertretern aus der eigenen Regierungskoalition stößt. Von Daniel Bax

Wenn Wissenschaftler eine neue Studie erstellen, dann ist es nicht ungewöhnlich, dass Medien die Ergebnisse vorab präsentieren und Politiker sie kommentieren. Ungewöhnlich war es aber, wie der deutsche Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) jetzt mit einer neuen Studie über junge Muslime in Deutschland umging, die von seinem Haus in Auftrag gegeben worden war.

Noch bevor sein Ministerium die Studie am 1. März 2012 auf seiner Webseite veröffentlichte, hatte der Minister einen kleinen Teil der Befunde schon in einem Boulevardblatt kommentiert. Er lieferte damit ein Lehrstück über den Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Politik.

Stein des Anstoßes bot ihm jene Gruppe junger Muslime, die der Studie zu Folge auf der "eigenen Herkunftskultur" beharre. Zu ihr zählten die Verfasser rund ein Viertel aller von ihnen Befragten zwischen 14 und 32 Jahren ohne deutschen Pass – bei jungen Muslimen, welche die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, rechneten sie 15 Prozent in diese Kategorie. Sie beschreiben diese Gruppe als streng religiös, "mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz", so ihr Fazit.

Für den Innenminister ein gefundenes Fressen: "Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten", tönte er in der Bild-Zeitung. Wer Freiheit und Demokratie bekämpfe, werde hier keine Zukunft haben.

Offensichtlicher Integrationswille

Frank-Walter Steinmeier; Foto: dpa
Zickzack-Kurs des Innenministers: Der Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, warf Friedrich vor, mit einer Teilveröffentlichung der Untersuchung "billige Schlagzeilen" produziert zu haben und dann zurückgerudert zu sein.

​​Dabei zeigt die Studie über "muslimische Lebenswelten in Deutschland", dass die allermeisten Muslime, die hier leben, sich hier integrieren wollen – selbst dann, wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Diese hohe Identifikation ist, nach der Sarrazin-Debatte und nachdem die Mordserie der Thüringer Terrorzelle bekannt wurde, keine Selbstverständlichkeit.

Trotzdem sprach die Bild-Zeitung von einer "Schock-Studie". Und nicht nur Innenminister Friedrich, sondern auch seine Parteifreunde von der CSU nutzten die Gelegenheit, um mal wieder vor radikalen Muslimen und sogenannten "Integrationsverweigerern" zu warnen.

Erst als die Kritik sogar aus den Reihen der eigenen Regierungskoalition immer lauter wurde, ruderte Friedrich zurück: Auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz warnte er davor, einen Teil der Ergebnisse aus dem Zusammenhang zu reißen und Muslime unter Generalverdacht zu stellen, wie er es selbst gerade erst getan hatte. Muslime in Deutschland seien doch "eine ganz vielschichtige Gruppierung, zeigte sich der Minister lernfähig. Und schließlich zeige die Studie doch auch, dass die meisten von ihnen Terrorismus kategorisch ablehnten, gab er sich milde.

Friedrich konnte damit aber nicht abwenden, dass ein regelrechtes Gewitter auf ihn niederging, selbst aus den Reihen der eigenen Regierungskoalition hagelte es Kritik. Sowohl Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wie auch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier von der Opposition warfen ihm vor, nur auf Schlagzeilen aus zu sein.

Naika Foroutan; Foto: Karlheinz Schindler
Diffuser Integrationsbegriff: Die Soziologin Naika Foroutan bemängelt, in der Umfrage seien die befragten Muslime zwischen 14 und 23 Jahren bloß nach ihrer Einstellung zu Deutschland und zur Herkunftskultur sowie nach Kontakten zu Deutschen gefragt worden.

​​Und selbst die sonst eher zahnlose Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), nannte die Aussagekraft der Zahlen, die Friedrich im Mund führte, "mehr als begrenzt". Denn die Ergebnisse der über 700 Seiten starken Studie waren von Friedrich und der Bild-Zeitung stark verkürzt und verzerrt wiedergegeben worden: Die Umfrage etwa, die so hohe Wellen schlug, kann keineswegs als repräsentativ gelten, denn dafür war schon die Stichprobe zu klein.

Differenzierte Ergebnisse

Tatsächlich besteht die 760 Seiten starke Studie über "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" unter anderem aus einer Auswertung muslimischer Internetforen, aus Gruppeninterviews mit muslimischen Jugendlichen und einer Analyse der Berichterstattung deutscher, türkischer und arabischer Fernsehsender. Darüber hinaus wurden auch Telefoninterviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen geführt. Auf diese Weise hofften die beteiligten Wissenschaftler – Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftler – mehr Aufschluss über die Rolle von Medien bei der Radikalisierung von jungen Muslimen zu erhalten.

Sie kamen dabei zu sehr differenzierten Ergebnissen. Zwar lehnten die meisten der befragten jungen Muslime – selbst jene, die sich religiös-fundamentalitistisch äußerten – jede religiös begründete Gewalt ab, sie wollten mit diesen "wahnsinnigen" und "kriminellen" Gewalttätern von Al-Qaida & Co nichts zu tun haben. Trotzdem zeigte sich bei jenen Jugendlichen, die sich vorwiegend über türkische Fernsehsender wie Kanal D informieren, eine starke Tendenz zur Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft.

Dabei betrachten der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Frindte von der Universität Jena und seine Kollegen die Religion und eine Hinwendung zur Herkunftskultur nicht per se als Integrationshemmnis: Muslime radikalisierten sich eher, wenn sie den Bezug zur Herkunftskultur verlören, aber nicht von der neuen Gesellschaft aufgenommen würden, so ihr Fazit.

Kritik an deutschen Medien

Kriminologe Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen; Foto: dpa
Kein repräsentativer Charakter: Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärte, die Studie habe mit einigen hundert Befragten zu wenige Teilnehmer gehabt, die zudem bereits zu alt gewesen seien. Außerdem vernachlässige sie regionale Aspekte.

​​Schwer wiegt für sie daher, dass sich viele Muslime von deutschen Medien als Gruppe diskriminiert fühlen. Denn gemein ist allen Generationen von Muslimen in Deutschland, dass sie unter einer Gleichsetzung ihrer Religion mit dem Terrorismus und einer Pauschalverurteilung leiden. Den deutschen Medien wird dabei eine sehr negative Rolle zugeschrieben. Sie berichten aus Sicht der meisten Befragten zu negativ und undifferenziert.

Obwohl sie ihre nicht-muslimischen Mitbürger oft als distanziert und abweisend erleben, fühlen sich die meisten Muslime in Deutschland dennoch wohl. Allerdings konnten die Forscher anhand von Telefoninterviews mit muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen vor und nach der Veröffentlichung des Sarrazin-Buchs auch nachweisen, dass deren Erfolg der Integration geschadet habe, weil es die Vorbehalte auf beiden Seiten verstärkt hat.

Aus der wissenschaftlichen Community gibt es zum Teil auch methodische Kritik an der Studie. So bemängelt das Forschungsteam um die Soziologin Naika Foroutan an der Berliner Humboldt-Universität den Integrationsbegriff, auf welchem die Untersuchung fußt. So seien in der Umfrage, deren Ergebnisse nun so hohe Wellen schlugen, die befragten Muslime zwischen 14 und 23 Jahren bloß nach ihrer Einstellung zu Deutschland und zur Herkunftskultur sowie nach Kontakten zu Deutschen gefragt worden.

Zentrale Integrationsfaktoren wie Bildung, Sprache und Arbeit blieben dagegen außer Acht. Auch sei es fragwürdig, von einer distanzierten Haltung zu Deutschland gleich auf eine "Radikalisierung" junger Muslime zu schließen. "Dass religiöse Muslime null Bock auf Deutschland haben, kommt natürlich vor, ist aber das Resultat versäumter Integrationschancen", sagte dazu auch der Kriminologe Christian Pfeiffer der Neuen Osnabrücker Zeitung. Zugleich warnte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen vor "pauschaler Angstmache".

Am unglücklichsten über die mediale Turbo-Karriere, die ihre Studie in den vergangenen Tagen hingelegt hat, sind allerdings deren Autoren selbst. Nie haben sie behauptet, ihre Studie sei repräsentativ, im Gegenteil: An prominenter Stelle schreiben sie explizit, die Zahlen dürften nicht auf alle in Deutschland lebenden Muslime hoch gerechnet werden.

Genau das aber haben Innenminister Friedrich und die Bild-Zeitung getan. "Eine völlige Verfälschung der Ergebnisse" werfen die Mitarbeiter der beteiligten Institute ihnen deshalb nun vor. Sie hätten deshalb schlaflose Nächte hinter sich, klagt der Bremer Sozialwissenschaftler Klaus Boehnke im aktuellen Spiegel. Die differenzierten Ergebnisse und der positive Tenor der Studie seien schlicht unterschlagen worden.

Daniel Bax

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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