Strategien gegen den Dschihadismus

Warum die IS-Propaganda verfängt

Wer die Gründe für den Aufstieg der Terrormiliz IS erfahren möchte, sollte nicht nur in Lehrplänen, Freitagspredigten oder religiösen Texten suchen, meint der jordanische Politologe Mohammad Abu Rumman.

Weder Ismail Omar Mostefai, einer der Attentäter im Pariser Club Bataclan, noch die Brüder Ibrahim und Salah Abdeslam, ja nicht einmal der mutmaßliche Drahtzieher der Pariser Massaker von November 2015 und später von der Polizei getötete Abdelhamid Abbaoud sind je in eine arabische Schule gegangen, in der ihnen möglicherweise Fanatismus oder religiöse Intoleranz beigebracht wurde (auch wenn manche arabische Intellektuelle insbesondere vor solchen Schulen warnen). Sie sind auch nicht in fundamentalistischen Bewegungen aufgewachsen.

Sie gehörten mindestens zur zweiten Generation von Immigranten aus Nordafrika nach Europa. Manche von ihnen lebten mit ihren Familien in Armut oder waren arbeitslos, andere kamen aus der Mittelschicht, wie Abbaoud, aber sie alle wuchsen in Einwanderervierteln auf, in denen es die französischen beziehungsweise belgischen Behörden offenbar nicht schafften, sie in das politische und gesellschaftliche System zu integrieren.

Aber wer nach den Gründen für den Erfolg des IS in Lehrplänen, Freitagspredigten und traditionellen Religionsbüchern sucht, sucht möglicherweise an der falschen Stelle. Bücher, Schulen und Moscheen können zwar auch zur Radikalisierung beitragen, wenn IS-Prediger und -Theoretiker diese nutzen und über sie ihre Lehre vertreten, aber der eigentliche Grund ist ein objektiverer und profanerer. In der arabischen und islamischen Welt herrschen Tyrannei und Korruption. Die Entwicklungspolitik ist gescheitert, Gerechtigkeit, politische, kulturelle und ökonomische Integration für die junge Generation fehlen. Letzteres gilt auch für einen Stadtteil wie Molenbeek in Brüssel oder in Pariser Vorstädten, wo die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen bei bis zu 40 Prozent liegt.

Buchcover Mohammad Abu Rumman: "Ich bin Salafist"
Mohammad Abu Rumman, PhD, Politikwissenschaftler, forscht am „Center for Strategic Studies an der University of Jordan“ zu politischem Denken und islamischen Bewegungen; schreibt regelmäßig für die jordanische Tageszeitung Al-Ghad. Sein Buch: "Ich bin Salafist: Selbstbild und Identität radikaler Muslime im Nahen Osten" ist vor Kurzem beim Dietz Verlag erschienen.

Das Problem besteht darin, dass die Bekämpfung des Terrorismus auf allen Ebenen, international wie regional, hier bisher nicht ansetzt oder dies nur theoretisch tut. Praktisch setzt man nur auf traditionelle Sicherheitsmethoden, auch von europäischer und westlicher Seite. Seit der IS etabliert ist, versucht man ihn mit Luftschlägen zu treffen oder mit ihm verfeindete Gruppen zu unterstützen, wie die irakischen Volksmilizen und die kurdischen Peschmerga sowie kleinere sunnitische Einheiten. Regional und international bemüht man sich zudem darum, die Finanzierungsquellen des IS auszutrocknen und IS-Rückkehrer strafrechtlich zu verfolgen.

Immun gegen eine riesige Medienmaschine

Seit den Anschlägen von Paris, der Sprengung einer russischen Passagiermaschine über dem Sinai oder auch nach den Anschlägen im südlichen Beirut spricht man wieder viel von Sicherheitslücken, und verschiedene Regierungen halten sich gegenseitig Verfehlungen vor. Aber nur wenige Politiker haben die wesentlich wichtigere Frage gestellt: Wie kann es sein, dass ein nihilistischer, rachsüchtiger und blutiger Diskurs wie der von Da'ish (IS) immun ist gegen alle Aufklärung, gegen eine riesige Medienmaschine und gegen alle intensiven internationalen Bemühungen, ihm Einhalt zu gebieten? Warum springt eine so große Zahl junger Muslime auf die IS-Propaganda an, die erfolgreicher zu sein scheint als die jeder islamistischen oder sonstigen Terrorgruppe zuvor?

Welches Narrativ des IS ist es, das Zehntausende dazu veranlasst, in die Hochburgen der Organisation in Raqqa oder Mossul zu pilgern und ein Vielfaches davon zu seinen Sympathisanten macht? Warum bewirkt der offizielle westliche Diskurs so wenig dagegen? Was bringt wohlhabende Bürger aus den Golfstaaten oder Franzosen, Deutsche oder Belgier, die in den entwickeltesten Ländern der Welt leben und auf säkularen Schulen gebildet wurden, dazu, sich Sprengstoffgürtel umzuschnallen und Selbstmordattentate zu begehen?

Faszination Dschihad der jüngeren Generation

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie jung die Attentäter von Paris waren, die innerhalb von Stunden die Welt auf den Kopf stellten? Der älteste war 31, der mutmaßliche Drahtzieher Abbaoud nur 28 Jahre alt. Diese Fragen, glaube ich, müssen Eingang finden in das Nachdenken und die Diskussion über religiöse Radikalisierung, und sie müssen auch bei der bisher erfolglosen Terrorbekämpfung eine Rolle spielen, wenn man es mit dem IS aufnimmt und sich mit der Ideologie auseinandersetzt, die seinen Aufstieg begünstigt hat.

Es besteht eine große Kluft zwischen dem, was die Terrormiliz und ihre Anhänger an Medien und Diskurs und Begriffen nutzen und wie sie damit in Orient und Okzident reüssieren, und den Sicherheitskonzepten, mit denen man bisher nicht an die neue Da'ish-Generation herankam und die nicht vermitteln können, wie diese denkt. Welcher Schritte bedarf es nun und in der Zukunft? Wie lässt sich der Zug noch aufhalten, anstatt ihm nur hinterherzurennen?

Anhänger der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat"; Foto: Reuters/Suhaib Salem
Welches Narrativ des IS ist es, das Zehntausende dazu veranlasst, in die Hochburgen der Organisation in Raqqa oder Mossul zu pilgern und ein Vielfaches davon zu seinen Sympathisanten macht? Warum bewirkt der offizielle westliche Diskurs so wenig dagegen? Was bringt wohlhabende Bürger aus den Golfstaaten oder Franzosen, Deutsche oder Belgier, die in den entwickeltesten Ländern der Welt leben und auf säkularen Schulen gebildet wurden, dazu, sich Sprengstoffgürtel umzuschnallen und Selbstmordattentate zu begehen?

Natürlich muss man auch die Frage beantworten, wie es Abbaoud gelingen konnte, vom IS unbemerkt nach Belgien zurückzukommen, obwohl er zur Fahndung ausgeschrieben war, oder warum die Europäer einschlägige amerikanische Warnungen nicht ernst genug genommen hatten. Und wie die Attentäter vom Sinai am Flughafen von Sharm el-Scheich alle Sicherheitsmaßnahmen umgehen und eine Bombe in ein Flugzeug schmuggeln konnten. Seltsam ist auch, dass die Attentäter von Paris, die noch vor wenigen Jahren nicht religiös waren, zu Anhängern des IS werden konnten. Hat es ausgereicht, dass sie die Propagandaschriften der Dschihadisten auf Französisch lasen? Oder welche sonstigen Umstände haben sie so tragisch und radikal verwandelt?

Der "einsame Wolf"

In Jordanien wären in Bezug auf den Attentäter Anwar as-Saad, der amerikanische Ausbilder in einer Polizeiakademie ermordet hat, dieselben Fragen zu stellen. Die jordanische Regierung bemühte sich, diesen Vorfall so darzustellen, als habe er mit dem IS rein gar nichts zu tun, obgleich alles dafür spricht, dass der Attentäter durch IS-Propaganda beeinflusst war, auch wenn er von der Miliz nicht mit dem Anschlag beauftragt war. Aber er handelte exakt gemäß ihrer Agenda und ihrem Diskurs, und der IS selbst beschrieb ihn in seinem Online- Propagandamagazin als "einsamen Wolf".

Ein Jahr nach dem Beginn des Krieges gegen den IS und nach über 14 Jahre Antiterrorkrieg muss die Frage nach Fehlern in der Strategie und in der Konfrontation gestellt werden, denn der radikale Geist breitet sich noch immer aus, und die Zahl der Terrorsympathisanten wächst weltweit. Man beschäftigt sich nach wie vor zu sehr mit dem Output statt mit dem Input, mit Resultaten statt mit Ursachen.

Einmal angenommen, man würde Raqqa mit Luftangriffen dem Erdboden gleichmachen und damit Tausende IS-Kämpfer in Syrien und im Irak ausschalten, wie es westliche Sicherheitsexperten fordern – wäre das Problem damit gelöst oder würde alles nur komplizierter werden? Oder würde es uns vielleicht sogar etwas noch Schlimmeres und Brutaleres bescheren als die nihilistische Kultur, für die der IS heute steht?

Mohammad Abu Rumman

© Qantara.de 2016

Aus dem Arabischen von Günther Orth

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