Ein durchgehendes, äußerst spannendes Motiv von Weidner ist die Entwicklung der europäischen Naturwissenschaften aus einer Sehnsucht nach Ordnung heraus, die das reale soziale und politische Leben im kriegs- und katastrophengeplagten Europa des Mittelalters und der Frühneuzeit nicht hergab.

Das hat, so Weidner, zu einer Übertragung der in der wissenschaftlich erforschten Natur gefundenen Ordnungsschemata auf weite Bereiche der Gesellschaft und Kultur geführt und transzendente Ordnungsquellen ausgetrocknet. Die Natur wurde zur Ordnungsquelle, weil Gott nicht mehr zu trauen war, von den Menschen gar nicht zu reden.

Wenn Weidners Forderung nach einer neuen kosmopolitischen Transzendenz   begründet ist, stellt sich eine entscheidende Frage: Kann der Westen sich überhaupt selbst überschreiten und in einem neuen, stärker multiperspektivischen Kosmopolitismus aufgehen, wenn das Westen-Sein möglicherweise viel stärker eine Fremd- als eine Selbstzuschreibung ist? Haben die Nicht-Westler nicht schon längst wieder die Deutungshoheit übernommen?

Ian Buruma; Foto: Merlijn Doomernik
Der anglo-niederländische Schriftsteller und Journalist Ian Buruma stellt fest, dass die Feinde des Westens immer wieder dieselben vier Gründe für ihren Hass angeben: die sittliche Verrohung in den globalisierten Großstädten; den seelenlosen Materialismus der westlichen Bourgeoisien; die frevlerische Gottlosigkeit ganzer Völker, die meinen, menschengemachte Gesetze könnten eine göttliche Ordnung ersetzen; die Emanzipation der Frau bei einhergehendem Verlust männlicher Privilegien.

Weidner weist zwar darauf hin, dass das anti-westliche Denken auch im Westen selbst beheimatet ist, wo seine Wurzeln zurückreichen bis zur Gegenaufklärung und Romantik. Er hätte aber solchen Argumenten, die den Westen kritisch verteidigen, wie denen von Ian Buruma in Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde (2005), mehr Raum geben können, um seine eigene These zu testen.

Sittliche Verrohung und seelenloser Materialismus

Buruma stellt nämlich fest, dass die Feinde des Westens immer wieder dieselben vier Gründe für ihren Hass angeben: die sittliche Verrohung in den globalisierten Großstädten; den seelenlosen Materialismus der westlichen Bourgeoisien; die frevlerische Gottlosigkeit ganzer Völker, die meinen, menschengemachte Gesetze könnten eine göttliche Ordnung ersetzen; die Emanzipation der Frau bei einhergehendem Verlust männlicher Privilegien.

Wollen wir wirklich den Westen und seine mächtige Utopie aufgeben, um den in diesem Hass formulierten Forderungen gerecht zu werden?  Sicher nicht. Wenn es daher ein 'Jenseits des Westens' im Sinne von Weidner wirklich geben soll, dann müssen wir sicherstellen, dass die reaktionären Feinde des Westens keine Freude daran haben werden. Das ist die Aufgabe, die Weidner uns als den Nachlassverwaltern des Westens stellt.

Reginald Grünenberg

© Qantara.de 2018

Stefan Weidner: "Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken", Hanser Verlag 2018, 368 Seiten, ISBN: 9783446258495

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