Stefan Weidners "Manual zum Kampf der Kulturen"

Der Islam als Herausforderung

In seinem neuen Buch beschreibt der Islamwissenschaftler Stefan Weidner, wie sehr die Diskussion um Islam und "westliche Werte" ideologisch aufgeladen ist. Eine Rezension von Kersten Knipp

Junge in der Blauen Moschee in Kabul, Afghanistan; Foto: AP
Mit seinem "Manual zum Kampf der Kulturen" versucht der Islamwissenschaftler und Publizist Weidner mit gängigen Klischees über den Islam und kontraproduktiven Debatten in der deutschen Öffentlichkeit aufzuräumen.

​​Im Dezember 2008 verstarb der amerikanische Politologe Samuel Huntington. Ob er wohl auch sein berühmt gewordenes Wort vom "Clash of Civilizations", dem "Kampf der Kulturen", mit ins Grab genommen hat?

Der Kölner Islamwissenschaftler und Publizist Stefan Weidner würde dem wohl widersprechen: Kulturkämpfe, das deutet schon der Titel seines "Manual für den Kampf der Kulturen" an, werden weiterhin ausgefochten. Die große Frage ist nur: zwischen wem? Wo verlaufen die Fronten?

Um mit der Pointe des Buches gleich herauszurücken: Sie verlaufen nicht zwischen den Kulturen, nicht zwischen der arabischen und der westlichen, der muslimischen und der christlichen Welt, sondern quer durch diese Welten selber.

Die Ignoranz der "Erregungsgemeinschaft"

Das Engagement für oder gegen "den Islam" bedient in Deutschland vor allem die Bedürfnisse einer in die Millionen gehenden Gruppe von Medienkonsumenten, die Peter Sloterdijk einmal als "Erregungsgemeinschaft" beschrieben hat.

Dass der vorgebliche Kampf der Kulturen zumindest in Deutschland weniger ein inter- als vielmehr ein binnenkulturelles Phänomen ist, gründet sich ganz wesentlich auf einen ausgesprochen schlichten Umstand: Die allermeisten Deutschen wissen vom Islam herzlich wenig. Sie kennen seine Geschichte und seine Lehren kaum, und interessieren sich auch nicht sonderlich dafür, so Weidner.

Und selbst wenn sie sich dafür interessieren: Vor der direkten Auseinandersetzung mit ihm liegt immer noch eine gewaltige Barriere, nämlich die sprachliche.

Samuel Huntington; Foto: dpa
US-Politologe Samuel P. Huntington, Verfasser des international kontrovers diskutierten Buches "Kampf der Kulturen, starb im Dezember 2008 im Alter von 81 Jahren.

​​Arabisch ist ein hartes Bollwerk, das sich mit einem Sprung nicht nehmen lässt, und auch nicht mit zweien oder dreien. Also diskutiert man auf Deutsch, über das wenige, was man weiß oder zu wissen glaubt.

Viele Muslime selbst haben mit ihrer Zweisprachigkeit – einem Erbe des europäischen Kolonialismus – und der damit einhergehenden Kenntnis der Kulturen vielen westlichen Bürgern Einiges voraus.

Universalisten und Relativisten

Aber es gibt doch Probleme und Herausforderungen, wird man einräumen: Was ist mit den islamischen Fundamentalisten, den "Schläfern", den Sympathisanten des militanten Islamismus?

Und was, um den Blick ins Ausland zu richten, mit der Apostasie, also dem Abfall vom Glauben, die der orthodoxe Islam ja nicht erlaubt? Und was mit der Steinigung und der Fatwa, wie sie Khomeini vor 20 Jahren gegen Salman Rushdie verhängte?

Es ist die große Stärke dieses Buches, dass es solche Fälle nicht verschweigt oder verschämt unter den Teppich kehrt, sondern offensiv und ausführlich angeht. Natürlich sind die Fundamentalisten eine Bedrohung. Aber einen wie großen Teil des Islams repräsentieren sie? Den Opfern eines Anschlags könnte das von Herzen gleichgültig sein. Genau hinschauen muss man aber trotzdem:

Darf man von einer Gruppe Terroristen auf eine ganze Religion schließen? Man riskiert dann, all die anderen Organisationen, Strömungen und vor allem zahllosen Muslime zu übersehen, die sich von Anschlägen distanzieren, sie für genauso verabscheuungswürdig halten wie die allermeisten westlichen Bürger.

Ideologie als intellektuelle Sackgasse

Dasselbe gilt auch für die Steinigung. Natürlich ist sie vollkommen unakzeptabel, darüber braucht man kein Wort zu verlieren. Allerdings wird sie zunehmend weniger praktiziert. Selbst im Iran wird sie immer seltener, und bald, so jedenfalls verkünden es Regierungsstellen, soll sie ganz abgeschafft werden.

​​Es sind Reformbemühungen wie diese, die es problematisch und vor allem müßig werden lassen, den Islam pauschal zu verdammen. Die enthemmten Islambeschimpfungen, wie sie der Mob auf bestimmten "islamkritischen" Seiten pflegt, führen zu nichts, begrifflich nicht und vor allem nicht politisch. Das heißt längst nicht, und darauf weist Weidner in aller Deutlichkeit hin, dass fragwürdige Positionen auch nur ansatzweise verhandelbar wären.

In zwei der inhaltlich stärksten Kapitel des Buches ("Universalisten und Relativisten" sowie "Kulturkampf mit Menschenrechten"), diskutiert er das Dilemma diesbezüglicher Debatten: Relativisten setzen sich dem Verdacht aus, Menschenrechtsverletzungen zumindest zu dulden.

Ein Irrtum, meint Weidner. Nur wollen sie Menschenrechte nicht radikal und unbedingt durchsetzen wie die Universalisten – die das ja, und das ist der Witz, auch nur auf verbaler Ebene tun.

Worte aber sind geduldig. Man kann im Westen auf der Einhaltung von Menschenrechten bestehen und eine gute Figur damit machen – aber in der übrigen Welt werden sie dennoch regelmäßig verletzt.

Pragmatisch ist die universalistische Haltung nicht, im Gegenteil: sie ist hochgradig ideologisch. Aber Ideologie hilft nicht weiter. Vielleicht erkennt auch der Universalist irgendwann, dass seine Forderungen ungeschmälert nicht durchzusetzen sind – dann aber ist er kein Universalist mehr.

Vorgegaukelte Friedfertigkeit

Stefan Weidner; Foto: Verlag der Weltreligionen
Stefan Weidner: Islamwissenschaftler, Übersetzer, Publizist

​​Die Debatte um den Islam, zeigt dieses Buch, ist hochgradig ideologisch aufgeladen. Das wiederum ist sie auch darum, weil die Diskutanten beider Lager dazu neigen, das jeweils Beste der eigenen Seite mit dem jeweils Schlechtesten der anderen zu vergleichen. Viele der westlichen Freiheiten und kulturellen Errungenschaften haben sich erst nach 1948 und endgültig dann nach 1968 durchgesetzt – so alt sind sie also noch gar nicht.

In punkto Gleichberechtigung, auf die sich der Westen im Vergleich mit der islamischen Welt soviel zugute hält, kann er auf eine besonders altehrwürdige Tradition auch noch nicht zurückblicken.

Und was die Gewaltbereitschaft angeht: Die meisten Angehörigen der nach 1945 in Europa geborenen Generationen haben mit Kriegen keinerlei direkte Erfahrung. Die dementsprechende gefühlte Friedfertigkeit lässt sich trefflich den Krisen in der islamischen Welt gegenüberstellen.

Keine Erkenntnis ohne Differenzierungsvermögen

Gern übersieht man aber die Kriegseinsätze in Afghanistan und vor allem im Irak – und man wäre zu Recht empört, würde jemand den Irakkrieg als "christliche" Aggression beschreiben.

Sofort würde man von dem, der so spricht, verlangen, sich differenzierter zu äußern, die fatale und zynische Politik der Bush-Regierung nicht mit der der gesamten westlichen Welt gleichzusetzen. Genau diese Differenzierung hat sich im Westen allerdings auch noch nicht durchgesetzt.

Stefan Weidner hat ein feinsinniges, aufmerksames und vor allem kluges Buch geschrieben. Seine Gegner sieht Weidner in beiden Welten, der islamischen und der christlichen. Es sind die Ideologen und Scharfmacher, all jene, die die großen Lettern lieben und alles Kleingedruckte verachten.

Wie durchsichtig und dünn ihre Argumente dementsprechend häufig sind, führt der Autor auf bestechende und oft auch amüsante Weise vor. Ja, der Islam ist eine Herausforderung: ganz besonders an unser Differenzierungsvermögen.

Kersten Knipp

© Qantara.de 2009

Stefan Weidner: "Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist", Suhrkamp (Verlag der Weltreligionen), 221 S., EUR 19,80

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