Explosion am World Trade Center am 11.September 2011; Foto: AP
Stefan Meining: ''Eine Moschee in Deutschland''

Zentrum des deutschen Islamismus?

Die islamistische Szene in Deutschland wurde gezielt von den Geheimdiensten aufgepäppelt – das behauptet Stefan Meining in seinem Buch "Eine Moschee in Deutschland". Im Zentrum steht eine Moschee in München. Doch stimmen die angeblichen Verbindungen zu Al Qaida und den Attentaten vom 11. September? Eine Rezension von Claudia Mende

Stefan Meining hat ein Buch geschrieben, das sich vor allem in den ersten Kapiteln wie ein Spionagethriller liest. Sie sind auch die stärksten des Buches. Meining zeichnet eine Linie von der NS-Zeit über den Kalten Krieg und dem Kampf um Afghanistan bis zu den Attentaten vom 11. September 2001.

Das Buch beruht im Wesentlichen auf den Recherchen zu seinem Dokumentarfilm, den die ARD 2006 ausgestrahlt hat. Darin skizziert er den Aufstieg des politischen Islam im Westen. Während die Islamisten-Szene seit dem 11. September 2001 aufmerksam beobachtet wird, konnte sie sich vorher nicht nur ungehindert ausbreiten, sie wurde sogar gezielt von den Geheimdiensten aufgepäppelt. Für ihre Ziele interessierte sich lange Zeit niemand. Sie sollte benutzt werden für die Zwecke anderer, die sie offensichtlich unterschätzten.

Dabei reichen die Anfänge des politischen Islam in Europa weit zurück und es ist das Verdienst des Autors, diese Wurzeln in aufwändigen Recherchen zu rekonstruieren.

Schon Hitler setzte auf sowjetische Muslime vor allem aus dem Kaukasus, die in den sogenannten Freiwilligenverbänden auf deutscher Seite gegen die Russen kämpften. Ihre Motive waren weniger ideologischer als nationalistischer Natur. Nach dem Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" unterstützen sie den deutschen Krieg gegen ihren Erzfeind Stalin in der Hoffnung auf nationale Unabhängigkeit. Die Nazis verwendeten den Islam als eine heute weitgehend vergessene Propagandawaffe deutscher Kriegsführung vor allem in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs. Nach 1945 wurden diese islamischen Kämpfer entweder in die Sowjetunion repatriert, was ihren sicheren Tod bedeutete. Wer dagegen Glück hatte, durfte sich in Deutschland niederlassen.

Erster deutscher Islamverein mithilfe von Nazis gegründet

Die ersten Muslime in München waren führende Vertreter dieser Freiwilligenbewegung. Nationalsozialisten wie der Turkologe Gerhard von Mende, der im Dritten Reich die muslimischen Freiwilligenverbände koordinierte, spielten auch nach 1945 eine entscheidende Rolle. Sie wollten die muslimischen Exilpolitiker aus der Sowjetunion auch weiterhin für deutsche Interessen einspannen und vor allem verhindern, dass sie für die Amerikaner arbeiteten. Der Islam diente nur als Mittel zu dem Zweck, in der Sowjetunion Unruhe zu verbreiten. Offenbar funktionierten die alten Seilschaften nach 1945 relativ nahtlos weiter.

Cover
"Said Ramadan kam wegen der Verfolgung durch Nasser 1958 ins Exil nach München, eine schillernde und charismatische Führungsfigur der ägyptischen Muslimbrüder. Nassers Folterkeller waren eine bedeutende Kaderschmiede für Islamisten", schreibt Mende.

​​1953 gründeten ehemalige Freiwillige aus Wehrmacht, SS und der politischen Freiwilligenbewegung mit der "Religiösen Gemeinschaft Islam" in München den ersten deutschen Islam-Verein aus dem später die "Islamische Gemeinschaft in Deutschland" (IGD) hervorgegangen ist. München wurde zur Frontstadt im Kalten Krieg. Die Fraktion der sowjetischen Flüchtlinge wurde bald von arabischen Studenten um ihren Einfluss gebracht, die sich bei der Führung in der Moscheebaukomission letztlich behaupteten.

Zentrale Figur in dieser Zeit war der aus Ägypten stammende Said Ramadan, Schwiegersohn von Hassan al-Banna, dem Begründer der Muslimbrüder und Vater von Tariq Ramadan. Said Ramadan kam wegen der Verfolgung durch Nasser 1958 ins Exil nach München, eine schillernde und charismatische Führungsfigur der ägyptischen Muslimbrüder. Nassers Folterkeller waren eine bedeutende Kaderschmiede für Islamisten. Mit Said Ramadan geriet die Münchner Moschee unter den Einfluss der Muslimbrüder, ein Einfluss, der wohl bis heute andauert. Dass der weltläufige Said Ramadan mit seinen guten Kontakten nach Saudi-Arabien für den CIA arbeitete, wurde immer wieder gemunkelt, doch auch Stefan Meining kann dafür keinen Nachweis liefern.

Verbindungen zu Al Qaida?

Der Autor beschreibt diese Verwicklungen und seine Recherchen in den Archiven der CIA, Stasi und KGB plausibel und gut lesbar. Dass wirklich alle wesentlichen Fäden des politischen Islam in Deutschland in der Moschee in München-Freimann zusammen laufen sollen, wirkt aber bisweilen konstruiert und nur der Dramaturgie des Autors geschuldet. Denn ausgerechnet der auf dem Klappentext behauptete Zusammenhang mit den Attentätern des 11. September ist eher dünn.

Moschee in München-Freimann; Foto: Wikipedia
"So ausführlich die ersten Kapitel sind, zum 11. September und zur Verbindung von den Muslimbrüdern zu Al Qaida würde man gerne mehr erfahren", resümiert Claudia Mende.

​​Die USA verdächtigten Ghaleb Himmat, damals Präsident der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland, und seinen Geschäftspartner Youssef Nada, über die Firma Al Taqwa Geld für Al Qaida beschafft zu haben. Das Islamische Zentrum München geriet unter Terrorverdacht. Die Vorwürfe wurden allerdings bis heute von keinem Gericht überprüft. So ausführlich die ersten Kapitel sind, zum 11. September und zur Verbindung von den Muslimbrüdern zu Al Qaida würde man gerne mehr erfahren.

Meining zitiert ausführlich aus der Schriftenreihe Al-Islam der Münchner Moschee, die von dem deutschen Konvertiten Ahmad von Denffer herausgegeben wird. In den Texten von Al-Islam kommt ein gespanntes Verhältnis zur säkularen und demokratischen Gesellschaft zum Ausdruck. Nach dem Fokus auf die schillernde Welt der Geheimdienste wünscht man sich vom Autor hier mehr Einordnung in das breite Spektrum des politischen Islam. Auch Muslimbrüder und Islamisten bilden keine einheitliche Front, wie man an den Debatten in Ägypten gut sehen kann. In seinem Fazit kann man dem Autor aber nur zustimmen: Wer die Zusammenhänge nicht erkennen will, bleibt blind.

Claudia Mende

© Qantara.de 2011

Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen, Verlag C.H. Beck.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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