Staatliche Unterdrückung in der Türkei

Tränengas für trauernde "Samstagsmütter"

In der Türkei versammeln sich jede Woche die sogenannten "Samstagsmütter". Sie fordern Informationen über ihre Angehörigen, die der staatlichen Gewalt zum Opfer fielen oder verschleppt wurden. Doch im gegenwärtigen Klima stehen sogar ihre Mahnwachen unter Beschuss. Von Tom Stevenson und Murat Bayram aus Istanbul

Bereits seit 699 Wochen halten die "Samstagsmütter" im Zentrum von Istanbul jeden Samstag eine Mahnwache ab, um an die Hunderten Opfer zu erinnern, die in der Türkei zwangsweise verschleppt wurden. Vergangene Woche wollten sie sich zum 700sten Mal treffen. Doch die türkische Regierung hatte offenbar andere Pläne.

Gemeinsam mit ihren Unterstützern versammelten sich die – zumeist weiblichen – Mitglieder der Organisation der "Samstagsmütter" in der Istanbuler Istiklal-Straße. Dort wurden sie von türkischen Sicherheitskräften angehalten und aufgefordert, ihre Versammlung aufzulösen, was die Mütter jedoch verweigerten. "Ihr habt unsere Söhne getötet", schrie eine von ihnen aus der Menge heraus. Daraufhin setzte die Polizei Tränengas ein, um die Demonstration aufzulösen. Die Teilnehmerinnen liefen davon, einige von ihnen brachen zusammen und klagten unter Atemnot. Rund zwanzig Personen wurden festgenommen.

Mahnwachen der „Samstagsmütter“ finden auch in anderen Städten statt. So auch in Diyarbakır, der Hochburg der kurdischen Bevölkerung im Südosten der Türkei. In Istanbul werden sie bereits seit 1995 abgehalten – und die Stimmung dort ist dramatisch: Dort, wo sich die "Samstagsmütter" dieses Mal getroffen haben, liegen schwarze Plakate mit den Namen Dutzender von Männern auf dem Boden – Männer, die von den Sicherheitskräften verschleppt wurden. Still sitzen die Frauen daneben und halten Fotos der "Verschwundenen" in ihren Händen. Manchmal erzählen die Familienmitglieder die Geschichten der Opfer. Die Frauen fordern Aufklärung und nähere Informationen über ihre verlorenen Angehörigen.

Der Protest und das Ritual der Erinnerung

"Samstagsmutter" Selvi Gulmez; Foto: Murat Bayram
Selvi Gulmez nimmt bereits seit 23 Jahren an den wöchentlichen Versammlungen der "Samstagsmütter" teil. 2001 wurde ihre Tochter Nergiz als politische Gefangene eingesperrt. Aus Protest gegen ihre Haft trat sie für 135 Tage in den Hungerstreik, wo sie schließlich starb. Ihre Mutter demonstriert nun in Istanbul – und dies schon länger als alle anderen.

Selvi Gulmez nimmt bereits seit 23 Jahren an diesen wöchentlichen Versammlungen teil. 2001 wurde ihre Tochter Nergiz als politische Gefangene eingesperrt. Aus Protest gegen ihre Haft trat sie für 135 Tage in den Hungerstreik, wo sie schließlich starb. Ihre Mutter demonstriert nun in Istanbul – und dies schon länger als alle anderen.

"Warum werden wir hier angegriffen? Ich habe meine Tochter an den Staat verloren, und auch unsere Freunde vermissen ihre Angehörigen", ruft Gulmez, die vor den Tränengas-Schwaden in eine Unterführung in der Nähe der Istiklal-Straße floh und sich auf einen Gehstock stützt. Noch vor dem Tod ihrer Tochter war auch ihr Sohn Ali verhaftet worden. 17 Jahre lang saß er nun schon in mehreren Hochsicherheitsgefängnissen, davon lange Zeit in Einzelhaft.

Widerstand gegen alle Formen staatlicher Gewalt

Vor allem in den 1990er Jahren ereigneten sich die meisten Fälle von Polizeigewalt. Damals eskalierte in der Südosttürkei der Krieg der Sicherheitskräfte gegen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK), und auch die Unterdrückung der kurdischen Mehrheit im Osten Anatoliens erreichte ihren Höhepunkt. Doch heute protestieren die "Samstagsmütter" nicht nur gegen das Verschwinden von Menschen und die Verbrechen von damals, sondern auch gegen viele gegenwärtige Formen staatlicher Gewalt.

Auch Emine Kucukbumin wollte an dieser 700sten Mahnwache am vergangenen Samstag teilnehmen – bis diese gewaltsam beendet wurde. Vor sechs Jahren hatte ihr Sohn Deniz als Universitätsstudent versucht, eine politische Zeitschrift zu veröffentlichen. Im Haus seiner Familie wurde er verhaftet und verschwand für eine Weile.

"Ich bin ganz neu hier bei den Mahnwachen dabei, erst seit sechs Jahren", berichtet sie. "Die Menschen suchen nach ihren Angehörigen. Das hier ist unser Protest, ein würde- und respektvoller Protest. Aber so etwas wie den heutigen Angriff auf unsere Demonstration habe ich bislang noch nie woanders erlebt."

Proteste der "Samstagsmütter": 700ste Mahnwache in Istanbul am 25. August 2018; Foto: picture-alliance/dpa/abaca/DHA/A.Mase
Wut und Widerstand gegen das Vergessen: Die "Samstagsmütter" wollen an das Schicksal ihrer Angehörigen erinnern, die in der Türkei in den 1980er und 1990er Jahren festgenommen wurden und seither verschwunden sind. Aktivisten werfen der Regierung seither vor, den Verbleib der Verschwundenen nie untersucht zu haben. Seit Mai 1995 gehen die türkischen Frauen daher wöchentlich friedlich auf die Straße. Zwischen 1999 und 2009 mussten sie ihre Demonstrationen aussetzen, da die Polizei die Versammlungen regelmäßig auflöste.

Kucukbumins Sohn ist es nach seiner Freilassung inzwischen gelungen, die Türkei zu verlassen. In Frankreich wurde ihm politisches Asyl gewährt. Doch sie demonstriert weiterhin, um die Familien zu unterstützen, deren Söhne immer noch eingesperrt oder vermisst sind. Als Kucukbumin das erste Mal an einer Mahnwache teilnahm, sagt sie, seien in der Türkei 600 Studenten im Gefängnis gewesen. "Ich wollte damals weiter auf die Straße gehen, bis alle frei sind, doch heute sind es Zehntausende. Also werde ich wohl noch für den Rest meines Lebens hier demonstrieren."

In Diyarbakır werden die Mahnwachen der "Samstagsmütter" oft noch stärker unterdrückt als in Istanbul. Früher fanden sie unter einem Denkmal für Menschenrechte in einem Stadtpark statt. Im letzten Jahr wurde die Versammlung allerdings verboten. Seitdem müssen sich die Mütter in Privaträumen treffen.

Wachsende Solidarität

Auch Eren Keskin, Rechtsanwältin und Vizepräsidentin der türkischen Menschenrechtsorganisation IHD, nahm an der letzten Kundgebung teil. Sie ist der Ansicht, dass zur 700sten Mahnwache in Istanbul viel mehr solidarische Bürger erwartet worden seien als zuvor. Dies habe die Behörden schließlich zu einer harten Reaktion veranlasst: "Nicht nur Mitglieder kurdischer oder sozialistischer Gruppen waren dieses Mal dabei, sondern auch Menschen, die nicht zum üblichen Kreis gehören. Und dies war gewiss auch der Grund dafür, weshalb sich die Polizei so verhalten hat." Keskin verweist gleichzeitig auf die lange Geschichte der Zwangsverschleppungen in der Türkei – eine Geschichte, die bis zum armenischen Völkermord von 1915 zurückreicht.

Im Jahr 2013 behauptete die regierende "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP), die Zeiten seien vorbei, als türkische Bürger von Sicherheitskräften verschleppt und für immer verschwanden. Doch für Eren Keskin steht fest, dass der Angriff auf die Mahnwache der "Samstagsmütter" ein Schlaglicht auf die aktuelle Politik der türkischen Regierung wirft: "Nach dem Angriff auf die Demonstration der 'Samstagsmütter' ist klar geworden, was die Regierung von Polizeigewalt hält – und von denjenigen, die sich ihr entgegenstellen!"

Tom Stevenson und Murat Bayram

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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