Spielfilm "90 Minuten – bei Abpfiff Frieden"

Nahostkonflikt spielend gelöst

Eine Komödie über einen der längsten Konflikte der Welt – geht das überhaupt? Unbedingt! "90 Minuten – bei Abpfiff Frieden" diskutiert anhand eines Fußballspiels zwischen Israel und Palästina den Nahostkonflikt und stellt humorvoll eine sonst von Ernsthaftigkeit und Ideologie aufgeladene Debatte nach. Von Eva-Maria Verfürth

"Der israelische Premierminister und der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde haben beschlossen, dass es nur einen logischen Ausweg gibt, um eine Lösung für den längsten Konflikt der modernen Geschichte zu finden: ein Fußballspiel." Der Fernsehkorrespondent spricht mit ernstem Gesicht in die Kamera, hinter ihm das Panorama Jerusalems mit der golden leuchtenden Kuppel des Felsendoms.

Mit dieser Anmoderation ist die Geschichte von "90 Minuten – bei Abpfiff Frieden" schon bestens zusammengefasst. Die Komödie des israelischen Regisseurs Eyal Halfon kommt daher wie ein Dokumentarfilm, die Handlung jedoch ist fiktiv: Nachdem ein halbes Jahrhundert Krieg und Blutvergießen, politische Verhandlungen und Friedensverträge den Konflikt zwischen Israel und Palästina nicht haben lösen können, soll ein Fußballspiel alles richten. Der Gewinner darf bleiben, der Verlierer muss das Land verlassen.

Ein Spiel voller Hindernisse

Doch mit dem Beschluss allein ist es natürlich nicht getan. Der Film begleitet die beiden Teams und ihre Manager bei der Vorbereitung dieses so wichtigen Spiels. Nichts dabei ist einfach, und der öffentliche Druck ist immens: An welchem neutralen Ort kann so ein Spiel ausgetragen werden? Welcher Schiedsrichter wäre wirklich unparteiisch? Und wohin soll der Verlierer eigentlich auswandern? Hitzige Verhandlungen voller Vorwürfe, Schuldzuweisungen und immer wieder der Drohung, das Spiel doch wieder abzublasen, machen den Anfang. Und auch als die wichtigsten Eckpunkte ausgehandelt sind, tauchen immer wieder Hindernisse auf.

Kinoplakat "90 Minuten – bei Abpfiff Frieden"; Quelle: Daniel Kedem/GRINGO films GmbH
"90 Minuten – bei Abpfiff Frieden" spielt mit Klischees, ist bissig und politisch unkorrekt gegenüber allen Seiten und zeigt so treffsicher die Absurditäten des Nahostkonflikts auf, schreibt Eva-Maria Verfürth.

Der Film spielt mit Klischees, ist bissig und politisch unkorrekt gegenüber allen Seiten und zeigt so treffsicher die Absurditäten des Konflikts auf. Während die Israelis sich einen renommierten Trainer ausgerechnet aus Deutschland einfliegen lassen, wird der Mannschaftsbus der Palästinenser jedes Mal am Checkpoint ausgebremst, wenn die Spieler zum gemeinsamen Training vom Westjordanland in den Gazastreifen oder umgekehrt reisen wollen.

Ein israelischer Fußballer mit palästinensischen Wurzeln stürzt in eine Krise, als er sich entscheiden soll, für welches Team er antritt, und wirft damit auch grundsätzlich die Frage auf, wer überhaupt für welche Mannschaft spielen darf.

Als es schließlich heißt, dass die Spieler in den zwei Jahren vor dem Match zumindest zwei Wochen im jeweiligen Land zugebracht haben müssen, schließen die Israelis sofort die Grenzen – während die Palästinenser einen internationalen Fußballstar über einen unterirdischen Versorgungstunnel in den Gazastreifen schmuggeln.

"Ifa" statt "Fifa"

Auch die Sportwelt bleibt nicht verschont: Vermittler bei den Verhandlungen ist der Präsident der "Ifa", kaum zu verkennen das Pendant zur realen Fifa. Dieser hat großes Interesse daran, das Spiel stattfinden zu lassen – jedoch vor allem, ein großes, lukratives Sportereignis auszutragen.

Welche Probleme solch ein hochpolitisches Spiel mit sich bringt? "Probleme gibt es immer. Aber wenn jemand weiß, wie Probleme gelöst werden, dann wir", lächelt er in die Kameras. Die "Ifa" habe ja schließlich auch in Südafrika, Brasilien und Qatar mit Problemen zu tun.

Die Hauptpersonen des Films, die Fußballmanager der beiden Mannschaften, werden von Moshe Ivgy und Norman Issa dargestellt, beides in Israel bekannte Schauspieler, die sich privat in der Friedensarbeit engagieren. Moshe Ivgy ist ein in Casablanca geborener Israeli, Norman Issa ein Palästinenser mit jüdischer Ehefrau.

Im Film verzweifeln sie beide schier am Druck und an der Verantwortung und treiben sich in den nicht enden wollenden Verhandlungen gegenseitig auf die Palme. Doch am Ende sind sie es, die – auf neutralem Boden und ohne internationalen Druck – einen Schritt aufeinander zu machen.

Was das für das Schicksal beider Völker bedeutet und wer nun eigentlich gewonnen hat, lässt der Film jedoch offen. Auf Englisch heißt er übrigens "The 90-Minute-War" – ein kleiner Hinweis darauf, dass am Ende eines solchen Spiels wohl kaum der Friede steht, sondern eine erneute Vertreibung.

Eva-Maria Verfürth

© Zeitschrift Entwicklung & Zusammenarbeit 2018

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