Das Ende einer Illusion

Ghali beschreibt eine Klasse, die spätestens 1967 mit dem Sechstagekrieg untergegangen ist, und die aus heutiger Perspektive verletzlich, hochfahrend und wundersam wirkt wie ein farbenprächtiger, aber ausgestorbener Schmetterling.

Dass dieses schillernde, unterhaltsame, auf den ersten Blick dem Westen so ähnliche Milieu immer nur einen Bruchteil der Gesellschaft ausmachte, dass der Rest Ägyptens sich an den Rändern dieses gediegenen Tableaus als Koch, Kinderfrau oder sechsjähriger Autowäscher wiederfand, ist die andere Seite. Auch Ram, der zergrübelte Zyniker, der mit den Namen britischer Politiker, britischer Romanfiguren und britischer Biersorten hantiert wie ein Hütchenspieler, aber nicht einmal richtig Arabisch spricht, nennt die einfachen Ägypter abschätzig "Fellachen", Bauern.

Gylmenopoulo Beach in Alexandria, Ägypten, 1960 Foto picture alliance ap images
Brandaktuell und lehrreich: Ghalis Buch erschien Mitte der Sechziger auf Englisch in London, und wenn es in Ägypten vor dem Arabischen Frühling in einer arabischen Übersetzung als geradezu schmerzhaft aktuell gelesen wurde, dann sprach daraus die Sehnsucht nach jenen säkularen, kosmopolitischen Jahren, einer Ära der Weltoffenheit und Eleganz, wie sie beispielsweise auch Alaa al-Aswany in seinem Bestseller "Der Jakubijan-Bau" verklärt, schreibt unsere Rezensentin Sonja Zekri.

Wie ungewöhnlich, wie einsam auch Ghali damals schon dachte, zeigt sich darin, dass Ram ausgerechnet durch die Jüdin Edna mit den einfachen Ägyptern in Kontakt gebracht wird, dass sie es ist, die ihm und seinem ungleich geradlinigeren, konsequenteren Freund Font beibringt, die richtigen Bücher zu lesen und die richtigen Fragen zu stellen, bis die beiden sich immer weniger als Ägypter begreifen, sondern mehr und mehr "als Teil der Menschheit im Allgemeinen".

Edna, die Jüdin, ist die treibende Kraft hinter Rams politischer Menschwerdung. Sie erfüllt ihm sogar seinen größten Traum, eine Reise nach England, denn Leben, davon ist Ram tief überzeugt, "Leben gab es nur in Europa." Es ist ein exemplarischer Irrtum, denn Europa hat mit ihm und seinesgleichen längst abgeschlossen.

Als die Visa-Anträge nicht vom Fleck kommen, wenden sich Ram und Font an den Direktor ihrer englischen Schule, und dieser erläutert ihnen den Utilitarismus des Imperiums: "Ihr zwei seid Kopten", sagte er, "und da die jetzigen Machthaber allesamt Muslime sind, machen sie sich nicht die Mühe, euch Visa zu geben."

Und so ergreift Ram, als er schließlich England erreicht, ein tiefer Zweifel, ob dieses "Leben" nicht das Ende von etwas anderem, Wertvollerem bedeutet, ob die "Kultiviertheit Europas" nicht etwas in ihm "tötet", eine Klarheit der Herkunft, eine Authentizität, die er zuvor weit von sich gewiesen hatte. Sein Bewusstsein spaltet sich auf, ist Beobachter und Teilnehmer in einem, es ist ein postkolonialer Wundschmerz, aber so wie Ghali diese Zerrissenheit beschreibt, hat es nicht nur etwas Allgemeingültiges, sondern etwas Allgemeinmenschliches.

Und dies umso mehr und umso tragischer, als Waguih Ghali selbst in der Fremde leben musste - als Kommunist war Ägypten für ihn zu gefährlich - und nach Stationen in Paris, Schweden und Deutschland in London lebte. Dort schluckte Ghali, dem im Vorwort seiner Freundin und Übersetzerin Diana Athill ein deutscher Bekannter ein "bescheidenes, sanftes und gazellenhaftes Wesen" bescheinigte, 1969 in Athills Wohnung 26 Schlaftabletten und starb. Es war, wie der Schriftsteller in seinem Abschiedsbrief schrieb, "die einzige authentische Tat in meinem ganzen Leben".

Dem muss man, bei allem Respekt vor dieser letzten Willensäußerung, widersprechen. So hellsichtig, so klar und erbarmungslos konsequent wie in seinem Buch hat man das Verhältnis der arabischen Welt zum Westen selten gelesen.

Sonja Zekri

© Süddeutsche Zeitung 2018

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