"Snooker in Kairo" von Waguih Ghali

Chronik eines gescheiterten Aufbruchs

Mitte der Sechzigerjahre erschien in London der Roman "Snooker in Kairo" des ägyptischen Autors Waguih Ghali. Im Arabischen Frühling wurde er wiederentdeckt. Jetzt gibt es ihn auf Deutsch. Von Sonja Zekri

Welcher Ort in Ägypten bleibt unberührt von Revolution, Militärputsch, Fanatismus? Ja, gut, die Pyramiden, schon klar. Aber dann ist da auch noch dieser Flecken Grün auf einer Nilinsel in Kairo: der Gesira-Club. Pfeilgerade die Alleen, türkis leuchtend die Pools, exklusiv die Mitgliedschaft - der einstige britische Offiziersklub ist eine Oase der Beständigkeit. Unter uralten Bäumen spielen die Begüterten Polo, auch Bridge, bestens im Bilde über die politischen Neigungen der je anderen, die Vermögensverhältnisse, die Heiratspläne.

So ist es heute. So war es damals, als der junge Ram sich anschickt, im Klub einen scheinbar endlosen Nachmittag zu vertrödeln, den Waguih Ghali so schwebend, so heiter und dabei als so unentrinnbar hoffnungslos schildert, dass in diesen paar Seiten bereits der ganze bittere Zauber seines wiederentdeckten Romans "Snooker in Kairo" liegt.

Ram, ein Christ, ein Kopte aus bester Familie, leider bettelarm, leiht sich fünf Pfund bei einem Kellner des Klubs, wie er sich überhaupt durchs Leben schnorrt, damit spielt er Bridge mit Amerikanern, überhört ihre Dämlichkeiten, wenn sie aus dem Namen Abdelkarim hartnäckig "Abrakadabra" machen, trinkt Bier und gewinnt 200 Dollar. Dann möchte er schwimmen gehen.

Die Amerikanerin hat keinen Badeanzug, Ram will ihr einen bei einer Freundin leihen. Ist sie schöner als ich?, fragt die Ägypterin. Darauf er: "Wenigstens ist sie keine Scheißjungfrau mehr wie du." Mit dieser schnoddrigen Bemerkung sind wir - Klub hin, Klub her - sehr eindeutig nicht in der verklemmten Gegenwart Ägyptens, sondern in den Fünfzigerjahren, jener Ära, in der für ein paar Jahre alles möglich zu sein schien und alles den Bach runterging.

Die Unmoral einer ganzen Kaste

Die Briten waren verjagt, die den Briten hörige Monarchie beendet, die Freien Offiziere unter Gamal Abdel Nasser verkündeten, sie würden Ägypten, nein, die ganze arabische Welt zu stolzer Selbstbestimmung führen.

Der Präsident der Vereinigten Arabische Republik Jamal Abdel Nasser n begrüßt ach dem Bruch der Beziehungen zu Syrien das Volk  in Kairo, Ägypten.
Kontinuität der Tyrannei: Waguih Ghali beschreibt das postrevolutionäre Ägypten unter Jamal Abdel Nasser als korruptes System, in dem sich die blasierte Oberschicht skrupellos auf Kosten der restlichen Bevölkerung bereichert. Das Versprechen einer Umverteilung erwies sich als einfacher Elitentausch.

Doch mit jedem Jahr trat die Grausamkeit der Militärdiktatur offener zutage, erwies sich das Versprechen einer Umverteilung als einfacher Elitentausch - früher fuhren die Reichen Taxi, nun fahren die Reichen und die Armee Taxi, sagt ein Fahrer. Und Ram, diese verlorene Seele, wird noch ein bisschen verlorener.

Ghalis Buch erschien Mitte der Sechziger auf Englisch in London, und wenn es in Ägypten vor dem Arabischen Frühling in einer arabischen Übersetzung als geradezu schmerzhaft aktuell gelesen wurde, dann sprach daraus die Sehnsucht nach jenen säkularen, kosmopolitischen Jahren, einer Ära der Weltoffenheit und Eleganz, wie sie beispielsweise auch Alaa al-Aswany in seinem Bestseller "Der Jakubijan-Bau" verklärt.

Aber vielleicht, wer weiß, war dieses neue Interesse an Ghalis Buch auch eine Vorahnung. Denn auch wenn Ghali die Politik ebenso präzise wie beiläufig abhandelt, so ist sein Buch doch vor allem die Chronik eines katastrophal gescheiterten Aufbruchs, der erbarmungslosen Desillusionierung einer ganzen Generation: Nichts anderes war der Arabische Frühling.

Heroisch protestiert Ram zu Beginn gegen die britischen Truppen am Suezkanal, schwärmt für Nasser und herrscht auf der Party seiner Tante einen Cousin an, er solle sich mit der amerikanischen Demokratie "den Hintern abwischen". Am Ende aber schließt er sich einer Geheimorganisation an, die ägyptischen Polizisten Bilder von Folteropfern abkauft und wird dabei "das schreckliche Gefühl nicht los, dass die Aufnahmen weniger blutrünstig wären, wenn wir nicht dafür bezahlen würden".

Dazwischen liegt eine leidenschaftliche, aber perspektivlose Liebesbeziehung zu Edna, die aus einer der reichsten jüdischen Familien des Landes stammt, "unseren Woolworths", wie Ram spottet. Obwohl sie das Gespräch über den Nahostkonflikt meiden, steht die Politik zwischen ihnen. "Warum gehst du nicht weg, Edna?", fragt Ram, und natürlich meint er die Auswanderung nach Israel. "Weil ich Ägypterin bin", antwortet Edna, und wird am Ende für diesen Patriotismus einen hohen Preis zahlen.

Das Ende einer Illusion

Ghali beschreibt eine Klasse, die spätestens 1967 mit dem Sechstagekrieg untergegangen ist, und die aus heutiger Perspektive verletzlich, hochfahrend und wundersam wirkt wie ein farbenprächtiger, aber ausgestorbener Schmetterling.

Dass dieses schillernde, unterhaltsame, auf den ersten Blick dem Westen so ähnliche Milieu immer nur einen Bruchteil der Gesellschaft ausmachte, dass der Rest Ägyptens sich an den Rändern dieses gediegenen Tableaus als Koch, Kinderfrau oder sechsjähriger Autowäscher wiederfand, ist die andere Seite. Auch Ram, der zergrübelte Zyniker, der mit den Namen britischer Politiker, britischer Romanfiguren und britischer Biersorten hantiert wie ein Hütchenspieler, aber nicht einmal richtig Arabisch spricht, nennt die einfachen Ägypter abschätzig "Fellachen", Bauern.

Gylmenopoulo Beach in Alexandria, Ägypten, 1960 Foto picture alliance ap images
Brandaktuell und lehrreich: Ghalis Buch erschien Mitte der Sechziger auf Englisch in London, und wenn es in Ägypten vor dem Arabischen Frühling in einer arabischen Übersetzung als geradezu schmerzhaft aktuell gelesen wurde, dann sprach daraus die Sehnsucht nach jenen säkularen, kosmopolitischen Jahren, einer Ära der Weltoffenheit und Eleganz, wie sie beispielsweise auch Alaa al-Aswany in seinem Bestseller "Der Jakubijan-Bau" verklärt, schreibt unsere Rezensentin Sonja Zekri.

Wie ungewöhnlich, wie einsam auch Ghali damals schon dachte, zeigt sich darin, dass Ram ausgerechnet durch die Jüdin Edna mit den einfachen Ägyptern in Kontakt gebracht wird, dass sie es ist, die ihm und seinem ungleich geradlinigeren, konsequenteren Freund Font beibringt, die richtigen Bücher zu lesen und die richtigen Fragen zu stellen, bis die beiden sich immer weniger als Ägypter begreifen, sondern mehr und mehr "als Teil der Menschheit im Allgemeinen".

Edna, die Jüdin, ist die treibende Kraft hinter Rams politischer Menschwerdung. Sie erfüllt ihm sogar seinen größten Traum, eine Reise nach England, denn Leben, davon ist Ram tief überzeugt, "Leben gab es nur in Europa." Es ist ein exemplarischer Irrtum, denn Europa hat mit ihm und seinesgleichen längst abgeschlossen.

Als die Visa-Anträge nicht vom Fleck kommen, wenden sich Ram und Font an den Direktor ihrer englischen Schule, und dieser erläutert ihnen den Utilitarismus des Imperiums: "Ihr zwei seid Kopten", sagte er, "und da die jetzigen Machthaber allesamt Muslime sind, machen sie sich nicht die Mühe, euch Visa zu geben."

Und so ergreift Ram, als er schließlich England erreicht, ein tiefer Zweifel, ob dieses "Leben" nicht das Ende von etwas anderem, Wertvollerem bedeutet, ob die "Kultiviertheit Europas" nicht etwas in ihm "tötet", eine Klarheit der Herkunft, eine Authentizität, die er zuvor weit von sich gewiesen hatte. Sein Bewusstsein spaltet sich auf, ist Beobachter und Teilnehmer in einem, es ist ein postkolonialer Wundschmerz, aber so wie Ghali diese Zerrissenheit beschreibt, hat es nicht nur etwas Allgemeingültiges, sondern etwas Allgemeinmenschliches.

Und dies umso mehr und umso tragischer, als Waguih Ghali selbst in der Fremde leben musste - als Kommunist war Ägypten für ihn zu gefährlich - und nach Stationen in Paris, Schweden und Deutschland in London lebte. Dort schluckte Ghali, dem im Vorwort seiner Freundin und Übersetzerin Diana Athill ein deutscher Bekannter ein "bescheidenes, sanftes und gazellenhaftes Wesen" bescheinigte, 1969 in Athills Wohnung 26 Schlaftabletten und starb. Es war, wie der Schriftsteller in seinem Abschiedsbrief schrieb, "die einzige authentische Tat in meinem ganzen Leben".

Dem muss man, bei allem Respekt vor dieser letzten Willensäußerung, widersprechen. So hellsichtig, so klar und erbarmungslos konsequent wie in seinem Buch hat man das Verhältnis der arabischen Welt zum Westen selten gelesen.

Sonja Zekri

© Süddeutsche Zeitung 2018

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