Saudische Militärintervention im Jemen

Aufkeimender Extremismus

Die Strategie der Saudis, im Jemen die Anti-Huthi-Milizen zu unterstützen, stärkt bislang vor allem Al-Qaida und den "Islamischen Staat", meint der jemenitische Journalist Nasser Arrabyee.

Niemand profitiert mehr von der Intervention der Saudis im Jemen als extremistische Gruppen, wie Al-Qaida und der "Islamische Staat" (IS). Saudi-Arabien will keine eigenen Truppen an die Front entsenden. Stattdessen führt Riad einen Luftkrieg und unterstützt lokale Milizen mit Geld und Waffen im Kampf gegen die Huthis.

Diese Milizen setzen sich zusammen aus Stammeskämpfern, Angehörigen der Islah-Partei, Unterstützern des Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi und Separatisten aus dem Südjemen. Wie Zeugen aus Ta'iz, Abyan und Aden berichten, wirft Saudi-Arabien angeblich Waffen und Geld aus der Luft zur Unterstützung von Milizen ab, die teilweise an der Seite von Al-Qaida kämpfen.

Hierzu zählen auch Kämpfer aus dem südjemenitischen Gouvernement Abyan unter der Führung von Abdul Latif al­Sayed, einem ehemaligen Führungsmitglied von Al-Qaida, der gemeinsam mit den Volkswiderstandskomitees kämpft, die wiederum dem von Saudi-Arabien unterstützten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi anhängen.

Gefestigte territoriale Kontrolle

Diese Unterstützung kommt Al-Qaida zugute. Das Terrornetzwerk bekämpft die Huthis in den zentralen Gouvernements Aden, Abyan, Schabwa, Ma'rib und Ta'iz. Durch das Vorgehen der Saudis kann Al-Qaida zudem die territoriale Kontrolle in anderen Gebieten festigen.

Im April 2015 plünderte Al-Qaida örtliche Militärstützpunkte und Banken in Mukalla und erklärte die Stadt zu einem Emirat. Dort regiert die Organisation neben einem örtlichen Stammesrat unter der Führung von Chaled Batarfi und gibt sogar eine neue örtliche Zeitung unter dem Namen Al­Masra heraus.

Mukalla ist die fünftgrößte Stadt des Jemen und Hauptstadt des ölreichen Gouvernements Hadramaut. Die Stadt besitzt einen strategisch wichtigen Ölhafen, der sich nunmehr unter Kontrolle von Al-Qaida befindet, wodurch alle Einnahmen daraus dem Netzwerk zufließen.

Zerstörte Gebäude nach einem Angriff auf die Stadt Ta'iz; Foto: Reuters
Jemens Zivilbevölkerung in der Schusslinie: Seit sich eine internationale Koalition unter Führung Saudi-Arabiens im März 2015 in den Konflikt in Jemen einschaltete und gegen die Huthi-Rebellen vorgeht, wurden dort rund 6.000 Menschen getötet, rund die Hälfte von ihnen Zivilisten.

Seit Nasir al­Wuhayshi, der führende Kopf des Terrornetzwerks im Jemen, im Juni 2015 durch eine US-Drohne getötet wurde und ein Machtvakuum hinterließ, werden stärkere Risse in der Organisation deutlich. Die Konflikte entluden sich anlässlich einer Besprechung zwischen den Anhängern von Jalal Beleidi, einem prominenten Führer der Al-Qaida in Abyan, und den Anhängern von Abdul Latif al­Sayed, einem ehemals führenden Kopf von Al-Qaida, der mittlerweile zu einem Führer der Volkswiderstandskomitees mutiert ist und von Beleidi beschuldigt wird, für die Vertreibung von Al-Qaida aus Abyan im Jahr 2012 verantwortlich zu sein. Beleidis Anhänger überfielen Sayeds Auto, was zu gewaltsamen Auseinandersetzungen der beiden Gruppen in den Straßen von Zindschibar führte.

Die Konflikte zwischen den beiden Gruppen werden noch verstärkt durch Differenzen zwischen offiziellen Vertretern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien in der Frage, ob es richtig ist, die extremen Anti-Huthi-Milizen zu unterstützen. Die meisten Anti-Huthi-Milizen, -Politiker und -Aktivisten entstammen der Muslimbruderschaft und salafistischen Gruppierungen, die von dem neuen saudischen Führungskader bereitwillig unterstützt werden.

Seite an Seite mit Al-Qaida

Die genannten Gruppen sind jedoch erklärte Feinde der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Das Land bekämpft seit Jahren heimische und internationale Ableger der Bruderschaft und erklärte im November 2014 die Muslimbruderschaft, den IS, die Al-Nusra-Front und die Huthis allesamt zu Terrorgruppen.

So sahen sich die Vereinigten Arabischen Emirate beispielsweise im August 2015 veranlasst, den Vormarsch ihrer Panzer von Aden nach Ta'iz zu unterbrechen, nachdem die Saudis den Stammesführer Hamoud al­Mekhlafi aus der Luft unterstützt hatten, einen Anführer der Anti-Huthi-Volkswiderstandskomitees, der in Ta'iz Seite an Seite mit Al-Qaida kämpft.

In Aden verweigerten die Vereinigten Arabischen Emirate jedem Anhänger der Muslimbruderschaft pauschal die Unterstützung und beschuldigten die Islah-Partei öffentlich des Diebstahls der humanitären Hilfsgüter, die der Rote Halbmond der VAE für Vertriebene bereitgestellt hatte. Die VAE bekämpfen diese Gruppe durch Unterstützung von Separatisten im Süden.

Der IS wird durch die Al-Qaida-internen Konflikte (und denen zwischen Saudi-Arabien und den VAE) zunehmend gestärkt. Für extremistische Gruppen anfällige enttäuschte junge Männer dürften angesichts der internen Konflikte der Dschihadistenführer noch mehr Frust aufbauen. In den Augen dieser jungen Männer sind die Konfliktbeteiligten keine echten Dschihadisten. Der Al-Qaida-interne Konflikt führt dem IS als eine neue und entsprechend straffere Organisation daher immer mehr junge Männer zu.

Karte des Jemens zeigt die territoriale Kontrolle des Landes durch die verschiedenen rivalisierenden Gruppen; Quelle: DW
Stellvertreterkrieg an vielen Fronten: Das sunnitische Saudi-Arabien bekämpft zusammen mit anderen sunnitischen Staaten die Huthi-Miliz in seinem Nachbarland Jemen. Die Huthi werden vom Iran unterstützt, der sich als Schutzmacht der Schiiten begreift. Der Krieg im Jemen gilt als Stellvertreterkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Die Huthi-Rebellen haben weite Teile des Jemens unter ihre Kontrolle gebracht, darunter auch Sanaa.

Der IS steht als erklärter Gegner von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zudem über den Auseinandersetzungen der beiden Staaten um Al-Qaida und die Muslimbruderschaft. Die neue Gruppierung mit dem neuen Namen hat noch keine Bündnisse mit regionalen oder internationalen Parteien entwickelt, die im Jemen miteinander in Konflikt stehen. Das verleiht ihnen unter jungen Jemeniten eine höhere Glaubwürdigkeit.

Der IS auf dem Vormarsch

Seit Kriegsbeginn hat der IS etwa zehn Moscheen in Sanaa und Sa‘da angegriffen und dabei Hunderte von Angehörigen der zaiditischen und schāfiʿītischen Rechtsschule des Islams getötet. Am 6. Oktober 2015 demonstrierte der IS seine Macht, als vier Selbstmordattentäter mit gestohlenen Armeefahrzeugen als Autobomben zwei gemeinsame Militärstützpunkte Saudi-Arabiens und der VAE angriffen und 15 Menschen im Al-Qasr-Hotel in Aden töteten. Eigentliches Ziel waren Premierminister Chalid Bahah und seine Minister kurz nach deren Rückkehr aus dem Exil in Riad.

In jüngster Zeit hat der IS seine Angriffe in Aden verstärkt. Am 6. Dezember 2015 ermordete die Terrormiliz den Gouverneur von Aden, Jaafar Mohammed Saad. Am Tag zuvor waren bereits Mohsen Alwan, Vorsitzender des in Aden ansässigen Antiterror-Gerichtshofs, und zwei höhere Nachrichtenoffiziere ermordet worden. Der IS verfolgt damit seine Vision eines gemeinsamen Gouvernements "Aden-Abyan" mit einer vom IS im Jemen regierten Hauptstadt. Erst am 28. Januar 2016 explodierte eine Autobombe in der Nähe des Präsidentenpalasts von Hadi in Aden und riss zwölf Menschen in den Tod.

Der Einfluss des IS beschränkt sich derzeit noch weitgehend auf Sanaa, al-Baida' und Aden. Die Terrormiliz gewinnt allerdings in anderen von Huthis kontrollierten Regionen im Nordwesten an Unterstützung. Und es wird schwer werden, diesen Vormarsch zurückzudrängen. Denn der IS und Al-Qaida erhalten stärkeren Zulauf aus salafistischen Gruppen, die gegen die Huthis Niederlagen erlitten haben. Auch das macht die Schachzüge der Saudis auf lange Sicht brandgefährlich.

Nasser Arrabyee

© Carnegie Endowment for International Peace 2016

Nasser Arrabyee ist ein jemenitischer Journalist mit Sitz in Sanaa. Er betreibt den Medienservice Yemen Alaan.

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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