Rollenbilder in Iran

Zwischen Tabu und Transzendenz

Wie fest gefügt sind die Geschlechterrollen in der iranischen Gesellschaft? Die Ausstellung "NAQSH - Einblicke in Gender und Rollenbilder in Iran" überrascht die Besucher des Museums für Islamische Kunst im Berliner Pergamon-Museum mit einer vielfältig und konträr geführten Diskussion. Ariana Mirza hat sich umgeschaut.

​​Schon die erste Etappe des knapp dreistündigen Rundgangs konfrontiert mit trügerischen Wahrnehmungen. Die im Iran lebende Künstlerin Neda Razaviour thematisiert in ihrer Videoinstallation "Variation" die Sexualisierung des weiblichen Körpers.

In dieser Arbeit wird das Private öffentlich, doch mögliche voyeuristische Erwartungen der Betrachter bleiben unerfüllt. Razaviours Fragmentierung eigener erotischer Signale erinnert an einen Ausgangspunkt der Frauenbewegung. Schließlich gilt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper vielen Feministinnen seit jeher als unverzichtbarer Bestandteil der Emanzipation.

Die "NAQSH" Ausstellung kreist jedoch nicht allein um die Konstruktion von Weiblichkeit. Das Wort Naqsh bedeutet im Persischen sowohl Abbild und Muster als auch Rolle. Daher beschäftigen sich die Exponate auch mit generellen Prozessen der Identitätsfindung oder Ambivalenzen des Geschlechterverhältnisses.

Eine kontroverse und lebhafte Diskussion

Wer von den iranischen Künstlern jedoch Neuinterpretationen orientalischer Mythen oder eine brachiale Islamkritik erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen tritt zutage, dass die Untersuchung und Infragestellung von Geschlechterrollen keine westliche Domäne ist.

Zu erkennen ist auch, wie lebhaft und kontrovers die Diskussion um Rollenbilder sowohl im Iran selbst als auch im Exil geführt wird. Der in Berlin ansässige Künstler Ali Reza Ghandchi und die in Teheran lebende Bildhauerin Maryam Salour treten hierzu in einen künstlerischen Dialog: Eine bronzene Skulptur, Leib gewordene weibliche Zerbrechlichkeit, wird in einer Videoinstallation durch eine Männerhand beschmutzt und in Fesseln geschlagen. So zumindest nimmt es der Betrachter wahr. Wäre die Interpretation die gleiche, wenn eine weibliche Hand die Skulptur berühren würde?

​​Obwohl das Thema der Ausstellung gesellschaftspolitisch inspiriert ist, beeindruckt bei vielen Exponaten auch die Ästhetik. Die Werke von Parastou Forouhar und Bita Fayyazi korrespondieren zudem auf vortreffliche Weise mit dem Raum. So findet sich die Farbtiefe von Fayyazis Babyfiguren in den Teppichornamenten aus der persischen Hochkultur wieder, die die Wände des Museums für Islamische Kunst schmücken.

Isolation trotz Intimität

Inhaltlich benennt Fayyazis Arbeit "CRECHE" das Kollektiv als bestimmendes Element für die Geschlechterzuordnung und Unterdrückung der Individualität. Forouhars Bilderzyklus "BEHNAM" hingegen spielt mit Chiffren und Codes der Wahrnehmung. Ihre leichte, luftige Fotoinstallation führt die Besucher zurück zu den ureigenen Interpretationen von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Der in Teheran lebende Maler Ahmad Morshedloo steuert ein verstörend klares Bild von der Entfremdung der Geschlechter zur Ausstellung bei. Der iranische Mann und die iranische Frau auf Morshedloos Gemälde sind trotz räumlicher Nähe beziehungslos, sie wirken isoliert, monolithisch, ganz gleich an welcher Stelle des intimen, häuslichen Raumes der Maler sie platziert.

Rollenverhältnis im gesellschaftspolitischen Kontext

Shirin Homann-Saadat, die einzige beteiligte Künstlerin, die in Deutschland aufwuchs, beschäftigt sich auf ironisch spielerische Weise mit dem Umfeld, das die Ausstellung beherbergt. Ihre "Archaeology Box 003/Iran" birgt Fundstücke und Fragmente der Lebensgeschichte einer Archäologin des frühen 20. Jahrhunderts, die in "museumstypischer" Manier präsentiert werden.

Videointerviews als Teil der Ausstellung; Foto: Stephan Schmidt
Besucher schauen sich Videointerviews an, die ebenso Teil der Ausstellung Naqsh sind, und die Kunstwerke in einen gesellschaftspolitischen Kontext setzen.

​​Die erste Irritation ergibt sich aus der Erkenntnis, dass Freiheit, weibliche Selbstbestimmung und ein Leben im Einklang mit der Natur nur bei Nomadenstämmen im ländlichen Iran möglich war. Doch die künstlerische "Feldforschung" zieht einen Faden bis in die Gegenwart: Rohstoffe, die im Iran in Fülle zu finden sind, dienen in Homann-Saadats Denkspiel sowohl der Behandlung westlicher "Frauenkrankheiten" als auch der modernen Computertechnologie.

Ebenso vielfältig und konträr wie die Kunst präsentiert sich auch der wissenschaftlich-soziologische Teil der Ausstellung. In Audio-Interviews verorten die säkulare Feministin Mansoureh Shojaee und die islamisch orientierte Feministin Elaheh Koolaee ihre unterschiedlichen Positionen.

Ergänzt wird der feministische Diskurs durch den intimen Erfahrungsbericht eines iranischen Transsexuellen, der aus Sicherheitsgründen anonym bleibt. Und nicht zuletzt erörtern im Exil lebende Intellektuelle ihre Überlegungen zur Genderproblematik in der iranischen Gesellschaft in Film-Interviews. Emotionen und Gedankengänge zum Geschlechterverhältnis, die schon die Kunstwerke inspirierten, werden damit in einen gesellschaftspolitischen Kontext gesetzt.

Ariana Mirza

© Qantara.de 2008

Die Ausstellung NAQSH ist noch bis zum 07.09.08 im Museum für Islamische Kunst, Berliner Pergamon-Museum zu sehen.

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