Erschütterter Glaube an friedliche Koexistenz

In Indonesien häufen sich Gewalttaten der extremistischen FPI gegen religiöse Minderheiten. Trotz der verfassungsmäßig garantierten Religionsfreiheit agieren die Behörden ambivalent und Präsident Yudhoyono reagiert zögerlich auf die jüngsten Konflikte. Anett Keller berichtet aus Jakarta.

​​ Der Schock nach dem jüngsten gewalttätigen Übergriff auf die Vertreter einer religiösen Minderheit in Indonesien saß tief. Kurz nach dem Sonntagsgottesdienst wurde am 12. September Hasian Lumbantoruan Sihombing, ein führender Vertreter der Batak Christian Protestant Church (HKBP) in der Großstadt Bekasi östlich von Jakarta, niedergestochen. Sihombing musste auf der Intensivstation behandelt werden.

Pastorin Luspida Simanjuntak, die ihm zu Hilfe eilen wollte, wurde von den Angreifern mit Stöcken geschlagen und erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei, der es offenbar nicht gelang, die Opfer am Angriffsort zu schützen, hat inzwischen zehn Tatverdächtige festgenommen, darunter Murhali Barda, den Führer der radikalislamischen Front der Verteidiger des Islam (FPI) in Bekasi.

Die Vorfälle sind das jüngste traurige Beispiel für eine Reihe von Gewalt gegen religiöse Minderheiten, die derzeit den Glauben vieler Indonesier an ihre traditionell und verfassungsmäßig pluralistische Heimat erschüttert.

Allein von Januar bis Juli dieses Jahres zählte das Setara Institut für Demokratie und Frieden 28 Übergriffe von überwiegend radikal-muslimischen Gruppen auf Christen– im Vergleich zu 17 im Jahr 2008 und 18 in 2009. Die meisten dieser Angriffe fanden in Jakarta und mehreren Großstädten in Westjava statt.

Radikalislamistische FPI als Ersatzpolizei

In Bekasi versucht die FPI die Einführung der Scharia durchzusetzen und droht damit, Christen so lange zu verfolgen, bis die "Christianisierung" ein Ende habe. Den Mitgliedern der HKBP hatten die FPI und ihr nahe stehende Gruppen wiederholt und zum Teil unter Anwendung von Gewalt den Zugang zum Gotteshaus verwehrt, das wegen eines Streits um dessen Baugenehmigung versiegelt ist.

Es ist in und um Jakarta nichts Neues, dass sich die Radikalislamisten der FPI als Ersatzpolizei gerieren und es ist nicht das erste Mal, dass sie von Politik und Justiz Rückendeckung bekommen.

Indonesische Christen demonstrieren in Jakarta gegen die zunehmende religiöse Gewalt; Foto: AP
Indonesische Christen demonstrieren in Jakarta gegen die zunehmende religiöse Gewalt, die hauptsächlich in Westjava statt findet.

​​ Mitte August starteten sie eine öffentlichkeitswirksame Jagd nach Erwin Armada, dem Ex-Chefredakteur der inzwischen eingestellten indonesischen Ausgabe des Playboy. Armada war zuvor vom Obersten Gericht zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen Sittlichkeitsvergehen verurteilt worden, obwohl die inzwischen eingestellte indonesische Playboy-Ausgabe kein einziges Aktfoto enthalten hatte und obwohl es zahlreiche Magazine indonesischer Verlage gibt, wo es deutlich freizügiger zugeht.

Zur Hetzjagd der FPI auf den Journalisten wurde ein Staatsanwalt in Jakarta in lokalen Medien wie folgt zitiert: "Unser Ziel ist es, schnell zu handeln. Wenn unsere Freunde von der FPI uns dabei helfen wollen, sind wir dankbar."

Drohungen gegen Christen und Ahmadis

Mit einer ähnlichen Auffassung von "Amtshilfe" hatte Anfang August Jakartas Gouverneur Fauzi Bowo für Schlagzeilen gesorgt als er die FPI aufforderte, im Fastenmonat Ramadan mit für die Sicherheit zu sorgen, die Muslime für die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten benötigten. Viele sahen darin einen Freibrief für die FPI, ihre üblichen Razzien in Cafes und Nachtclubs fortzusetzen.

Mitten im Fastenmonat forderte dann Religionsminister Suryadharma Ali, Vorsitzender von Indonesiens zweitgrößter islamischer Partei PPP, öffentlich, die immer wieder verfolgte muslimische Minderheit der Ahmadiyya zu verbieten. Der Minister begründete seinen Vorschlag damit, dass ein Verbot der Sekte "ihre Mitglieder vor Anschlägen schützen würde und ihnen helfen würde, den Weg in die Hauptströmung des Islam zu finden". In den Augen der bekannten Kolumnistin Julia Suryakusuma gab der Minister damit der FPI "die Lizenz zum Töten".

In Bekasi hat Bürgermeister Mochtar Muhammad der HKBP, nachdem sie nun zum wiederholten Male Opfer eines gewalttätigen Mobs wurde, nahe gelegt, den Gottesdienst in ein anderes Gebäude zu verlegen. "Wir würden der Kirche ein Gebäude zum vorübergehenden Gebrauch zur Verfügung stellen, während ihr neues Gotteshaus gebaut wird. Wir werden für ihre Sicherheit sorgen", so Muhammad. Daran glauben die Kirchenvertreter nicht, da eine andere HKBP-Gemeinde in Bekasi genau diesem Ratschlag der Stadtverwaltung gefolgt war – und immer noch von Hardlinern bedroht wird.

Diskriminierung beim Bau von Gotteshäusern

Seit einem gemeinsamen Erlass des Innenministeriums und dem Ministerium für Religion aus dem Jahr 2006 müssen Baugenehmigungen für Gotteshäuser vom Amt für religiöse Angelegenheiten auf Provinzebene sowie von einem lokalen interreligiösen Forum empfohlen werden, bevor die Stadtverwaltung sie genehmigen kann.

Die Kathedrale von Jakarta; Foto: Wikipedia
Nicht nur die christlichen Minderheiten erleben religiöse Gewalt in Indonesien; auch die Gemeinde der Ahmadis wird von Extremisten bedroht und verfolgt.

​​ Kritiker sehen in dem Erlass eine Verletzung der verfassungsmäßig garantierten Religionsfreiheit und fordern nun erneut, den Erlass zu überarbeiten, um eine Diktatur der Mehrheit zu verhindern. Für Ismail Hasani, Wissenschaftler am Setara Institut, sind die Klauseln des Erlasses "nicht durchführbar und sehr diskriminierend gegenüber Minderheitsreligionen".

Ein Teil des Problems besteht nach Meinung von Yuna Farhan, Generalsekretär des Indonesian Forum for Budget Transparency (Fitra), dass die Regierung immer erst reagiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Zuviel des Budgets des Religionsministeriums werde für Post-Konflikt-Programme eingesetzt, zu wenig für Prävention, sagte Farhan der Tageszeitung Jakarta Globe. Laut Farhan ist es eine Ironie, dass das Ministerium mit dem vierthöchsten Budget im Staatshaushalt es nicht schafft, religiöse Konflikte zu verhindern.

Apell an Yudhoyono

Zunehmend wächst auch die Kritik an Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, der zu den Übergriffen monatelang geschwiegen hatte. In einer Online-Petition "Zum Schutz der Religionsausübung gemäß der jeweiligen Glaubensrichtung" erinnerten am 13. September 29 prominente Erstunterzeichner verschiedener religiöser Herkunft den indonesischen Präsidenten daran, dass die indonesische Verfassung das Recht zur freien Ausübung von Religion garantiert.

Yudhoyono solle "ernsthafte Schritte unternehmen" um die durch ihn im Wahlkampf und in seiner jüngsten Rede an die Nation betonte staatliche Garantie für Religionsfreiheit auch umzusetzen, heißt es in der Petition, die in den ersten fünf Tagen 12.000 weitere Unterzeichner fand.

Der Präsident selbst müsse "als erster und sensibler Akteur" einen interreligiösen Dialog im Land anführen, bevor er religiöse Fragen auf internationaler Ebene adressiere – ein Verweis auf seine jüngsten Äußerungen: Yudhoyono hatte in einem Schreiben an US-Präsident Barack Obama diesen aufgefordert, die für den 11. September geplanten Koranverbrennung des Pastors Terry Jones zu stoppen.

Ein zögerlicher Präsident

Zwar reagierte Yudhoyono inzwischen auf den wachsenden öffentlichen Druck. Er nannte den jüngsten Akt der Gewalt gegen die HKBP öffentlich ein "heikles und ernstes Problem" und stellte klar: "Es gibt hier keinen Raum für Gewalt, für niemanden. Vor allem nicht, wenn es um die Beziehungen zwischen den Religionen geht."

Doch er versäumte es, durch einen Krankenhausbesuch bei den verletzten Kirchenführern ein Zeichen zu setzen.

US-Präsident Barack Obama und der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono auf dem Gipfeltreffen der APEC; Foto: AP
Präsidententausch zwischen den USA und Indonesien? Für das zögerliche Agieren des indonesischen Präsidenten hagelte es Kritik von den Medien.

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Vor allem im Vergleich mit dem Agieren von US-Präsident Barack Obama im von den indonesischen Medien intensiv verfolgten Moschee-Streit am Ground Zero in New York schneidet der mit klaren Aussagen im eigenen Land zögerliche Yudhoyono derzeit schlecht ab.

So schlecht, dass Endy Bayuni, leitender Redakteur der Tageszeitung Jakarta Post, kürzlich nahe legte, es wie im Fußball zu handhaben, und Obama einfach gegen Yudhoyono zu tauschen. Praktisch sei das ganz einfach, witzelte Bayuni. Obama habe durch seine mehrjährige Schulzeit in Jakarta schon Erfahrungen im Land und Yudhoyono habe schließlich einst betont, Amerika sei seine zweite Heimat.

Anett Keller

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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