Religiöser Extremismus als sektiererische Plage

Dumpfer Massenselbstmord

In seinem Essay geht der jordanische Journalist und Schriftsteller Fakhri Saleh den Wurzeln der Plage nach, von der die muslimische Welt derzeit heimgesucht wird: Fanatismus, Extremismus, Rückwärtsgewandtheit und mörderische Sektiererei.

Offensichtlich müssen Muslime erst noch begreifen, wie umfassend ihr Bild von einigen Gruppen befleckt wird, die einer Doktrin der blutigen Konfrontation folgen – in erster Linie gegen ihresgleichen und gegen den Westen. Diese Gruppen verfechten entweder die Ideen von Al-Qaida oder die Ideen des "Islamischen Staates" (IS) oder der Dschihadisten und Takfiri oder kämpfen für eine Welt, die nur Gläubige und Ungläubige kennt.

In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich diese Gruppen global ausgebreitet und sind dabei so aktiv, dass der Rest der Welt heute glaubt, sie repräsentierten den Islam oder die Muslime. Sie haben dem Islam den Ruf einer gewalttätigen Religion verliehen und ihn vor allem mit dem Blut von Muslimen befleckt, und zwar von solchen Muslimen, die sie – wie den Rest der Menschheit – ebenfalls als Ungläubige betrachten.

Der anhaltende Blutrausch im Namen des Islam – die Ermordung von Journalisten, Mitarbeitern internationaler Hilfswerke und Menschen anderer Glaubensrichtungen – zeigt deutlich, dass das Denken in Kategorien von Takfiri irrwitzig und irrational ist. Zweifelsohne infiziert dieses Denken die Köpfe armer, ungebildeter und hoffnungsloser junger Menschen, die zu allem bereit sind – ganz gleich, wie barbarisch es sein mag. Glauben sie doch, dies sei ihr persönlicher Weg ins Paradies. Dies ist ein furchterregendes Beispiel für die Gewalt und Brutalität, die der Fanatismus der Takfiri und der damit einhergehende Absolutheitsanspruch auf Wahrheit evoziert.

Soziale Gerechtigkeit und verbesserte Bildungschancen als Gegenmittel

Einer solchen Ideologie ist militärisch nichts entgegenzusetzen: Ihre Anhänger sind nicht nur bereit zu sterben, sie sehnen sich geradezu nach dem Tod. Ausrotten lässt sich diese Ideologie nur durch soziale Gerechtigkeit und bessere Berufsaussichten für junge Menschen, deren Schicksal heute meist durch Massenarbeitslosigkeit gekennzeichnet ist.

Vor allem muss die Bildung verbessert werden. In islamischen Ländern muss die staatsbürgerliche Erziehung gefördert und ein tolerantes Bild des Islam und der Muslime gepflegt werden. Und dennoch wird es Jahre oder Jahrzehnte dauern, die Verwüstungen zu beseitigen, die der Religion und ihren Anhängern beigebracht wurden.

Fünf Beweggründe für arabische Jugendliche, sich dem IS anzuschließen; Quelle: Arab Youth Survey 2016
Hass auf andere Konfessionen, säkulare Werte und fehlende berufliche Chancen: "In islamischen Ländern muss die staatsbürgerliche Erziehung gefördert und ein tolerantes Bild des Islam und der Muslime gepflegt werden. Und dennoch wird es Jahre oder Jahrzehnte dauern, die Verwüstungen zu beseitigen, die der Religion und ihren Anhängern beigebracht wurden", schreibt Saleh.

Die gegenwärtige Lage ist mehreren Faktoren zuzuschreiben: Der Niedergang der Bildung in der arabischen und islamischen Welt. Der wachsenden Animosität ignoranter Technokraten in westlichen, arabischen und muslimischen Gesellschaften gegenüber der Kultur. Den eskalierenden Übergriffen des Westens auf die Region. Und der zunehmend brutalen Politik Israels gegenüber den Palästinensern. All dies hat es extremistischen Gruppen ermöglicht, ihre Aktionen als Teil eines Kampfes gegen Kolonialisierung und Imperialismus darzustellen.

Ob es gelingt, sich von der Takfiri -Denke zu befreien oder ob diese weiter um sich greift, wird von der Qualität der künftigen Bildung und Kultur abhängen. Das sollten Politiker wissen, die nur marktbasiert denken und für Bildung und Kultur nichts übrig haben. Die Welt – einschließlich der arabischen und muslimischen Länder – muss in Bildung und Kultur investieren. Wir müssen das öffentliche Interesse an Literatur und Geisteswissenschaften erneut entzünden und dadurch der Flut an extremistischen Ideen etwas entgegensetzen.

Das Rettungsboot

Der Islam ist mehr als Religion und Riten. Im Laufe seiner Geschichte war er auch Leuchtfeuer der Kultur und Zivilisation. Er ist eine großmütige, aufgeschlossene Vorstellung von der Dreiecksbeziehung zwischen Gott, der Menschheit und der Welt. Der Islam hat Millionen von Menschen oder besser Hunderte Millionen von Menschen von sich überzeugt. Er hat ganze Stämme, Ethnien, Nationen und Kulturen dazu gebracht, sich in eine Kultur und Zivilisation zu integrieren, die die Welt für Jahrhunderte erleuchtete.

Fahkri Saleh; Foto: privat
Der jordanische Journalist, Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer Fakhri Saleh hat diverse literaturwissenschaftliche Studien veröffentlicht. Gegenwärtig ist er Leiter der arabischen Abteilung im Unternehmen "Bloomsbury Qatar Foundation Publishing".

Indem sie den Islam als einen Diskurs verstanden, der für Kultur, Zivilisation und eine aufgeschlossene Sicht der Welt steht, fanden Anhänger anderer, nicht muslimischer Religionen eine Heimat im islamischen Raum. Ihre Vision der Welt und der Schöpfung wurde in den Diskurs der islamischen Kultur und Zivilisation aufgenommen.

Auf dem Höhepunkt der arabisch-islamischen Zivilisation waren auch Nichtmuslime Teil des islamischen Hauses – des sogenannten Dār al-Islām. Bestimmte Phasen der arabisch-islamischen Zivilisation weisen eine kulturelle, literarische, philosophische und architektonische Vitalität auf, die wir in der Geschichte anderer Zivilisationen nicht finden. Zurückzuführen ist dies auf eine Kultur und Lehre, die religiöse Freiheit, Toleranz und ein umfassendes Bürgerbewusstsein förderte.

Andalusien war der Schmelztiegel der Kulturen und des Wissens sowie unterschiedlicher – und sogar konträrer – Vorstellungen über Leben, Denken und Glauben. Genau dies macht die andalusische Periode zum Höhepunkt der islamischen Zivilisation, die hier zu einem Moment der Kommunikation und Kontinuität mit der westlichen Zivilisation wird. Diese setzte dort an, wo die andalusische Kultur aufhörte.

Das Brillante an der andalusischen Periode war die Tatsache, dass sie das Werk von Muslimen und Nichtmuslimen, von Gläubigen und Ungläubigen, von Arabern und Nichtarabern war. Sie nahm damit die Gestalt einer Weltzivilisation an, die von vorherigen Zivilisationen profitierte, während sie gleichzeitig künftige Zivilisationen inspirierte.

Toleranz und Vielfalt im Namen des Islam

Die islamischen Schriften – der Koran, der Hadith des Propheten und die zahlreichen Exegesen religiöser Texte – ließen genügend Glaubensfreiraum, als Ethnien, Nationen, Kulturen, Menschen und Gebräuche zu einem großen Ganzen namens Islam verwoben wurden.

Die Alhambra im heutigen Andalusien; Foto: picture-alliance/R. Linke
Kultur, Zivilisation und eine aufgeschlossene Sicht der Welt: "Andalusien war der Schmelztiegel der Kulturen und des Wissens sowie unterschiedlicher Vorstellungen über Leben, Denken und Glauben. Genau dies macht die andalusische Periode zum Höhepunkt der islamischen Zivilisation", so Saleh.

Wer sich von der Aufgeschlossenheit des Islam überzeugen möchte, sollte die Koranverse und -aussprüche des Propheten über Freiheit und Glauben lesen. Er wird feststellen, dass der von heutigen Evangelisten verbreitete Islam, die den Titel „Salafisten“ für sich beanspruchen, eine starre, extremistische Version des Islam ist, die unter Verfolgungswahn und einem Gefühl des kulturellen Defätismus leidet. Einem Gefühl, dass der Stern der arabisch-islamischen Zivilisation seit vier oder fünf Jahrhunderten beständig sinkt.

Wenn Menschen nach der Rückkehr des wahren Islam früherer Zeiten verlangen, wenn sie über die wenigen Auserwählten sprechen, die dem Höllenfeuer entkommen werden, und behaupten, es gebe nur einen wahren Islam und nur eine Denkschule, dann zwängen diese Menschen den Islam und die Muslime in ein Korsett. Sie wollen den breiten Horizont des Islam schmälern, dessen geistige Toleranz zerschlagen und die Grundfesten des Islam als Zivilisation untergraben: einen Islam, der die Welt umarmt, ohne sie zu erdrosseln, der sich selbst als Weg zur Kommunikation sieht und nicht als eine Waffe, die trennt und verbannt.

In dieser zivilisierten Form des Islam, der als Befreiung oder als Diskurs auf Basis von Kultur und Zivilisation gesehen wird, statt als simple religiöse Doktrin und Ritensammlung, liegt für die heutigen Muslime die Erlösung aus ihrer erdrückenden Belagerungsmentalität und die Rettung aus einem Konflikt, der zum Kampf der Zivilisationen geworden ist. Ein Kampf, der zum Scheitern verurteilt und kaum mehr als ein dumpfer Massenselbstmord ist.

Die Rettung liegt allein in der Wiederentdeckung einer Version des muslimischen Glaubens, der es vermag, Vorstellungen anderer Zivilisationen in sich aufzunehmen und sich von anderen Kulturen beeinflussen zu lassen und mit diesen zu koexistieren. Ein gemäßigter und toleranter Islam, der Gewalt, Fanatismus und eine monistische Sicht der Welt ablehnt.

Fahkri Saleh

© Qantara.de 2016

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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