Im Kapitel "Am Fuße des Tokyo Skytree: Die Geschichte eines Geflüchteten aus dem Kongo" erzählt der japanische Schriftsteller Masatsugu Ono von einem weiteren "idealen" Flüchtling. Diesmal aus der Demokratischen Republik Kongo. Massamba Mangala, ein Lehrer und Aktivist, musste aus seinem Land fliehen. Obwohl er anfangs weder Englisch noch Japanisch beherrscht, gelingt es ihm, sich die Sympathie eines ausgedehnten Netzes an japanischen Unterstützern zu sichern.

Sogar in diesem Essay tauchen Syrer auf: Masatsugu Ono legt dem Leser nahe, dass Syrer es auf der Flucht wohl kaum so schwer haben könnten wie Mangala.

Afrikanische Flüchtlinge im israelischen Haftlager Cholot; Foto: dpa
Rund 65 Millionen Menschen sind gegenwärtig weltweit auf der Flucht. In "Refugees Worldwide: Literarische Reportagen" geben internationale Autoren den unterschiedlichen Schicksalen, die dahinter stehen, eine Stimme. Anhand von Augenzeugenberichten haben die Autoren die diversen Fluchtgeschichten im globalen Kontext aus erster Hand überzeugend reflektiert.

Eine radikale Wende vollzieht die türkische Journalistin Ece Temelkuran in ihrem pointiert satirischen Essay "Aus dem Leben des aufsehenerregenden Opfers". Sie stellt die Idee des "perfekten Flüchtlings" auf den Kopf.

Allzeit bereit, in die Opferrolle zu schlüpfen

Temelkuran wollte eigentlich einen Flüchtling in Istanbul porträtieren. Der Flüchtling verschwand allerdings. Bald darauf war Temelkuran selbst gezwungen, aus Istanbul zu verschwinden. Sie floh nach Zagreb. Temelkuran betrachtet daraufhin ihr eigenes Leben im Exil. Irritiert stellt sie fest, dass auf der UNHCR-Website unter dem Titel "Flüchtlinge, die etwas verändert haben" nur "zwanzig Profile veröffentlicht sind". Was ist mit den Millionen anderen Schicksalen?

Temelkuran schreibt darüber, wie es sich anfühlt, auf Veranstaltungen zu sprechen: "Wie ein Flüchtling, der auf ein Stück Brot wartet und ein ordinäres Ticket in der Hand hält, soll ich jederzeit bereit sein, in meine Opferrolle zu schlüpfen, wenn das Theaterstück auf der intellektuellen Bühne gespielt wird".

Temelkuran fragt sich, ob ihre Flucht aus der Türkei nicht übereilt war. Der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa schreibt über seine Weigerung, die Heimat zu verlassen – ganz gleich, was passiert. In "Der Flüchtling - ein Leben in der Leere" erklärt Khalifa, warum er Damaskus nicht verlassen hat, selbst als seine Familie, Freunde und Nachbarn aus der Stadt gingen.

Weitere Schicksale von Flüchtlingen werden in den Essays des Bandes kontextualisiert, so auch Mohammad Hanifs Abhandlungen über die Hazara in Pakistan oder der nigerianische Schriftsteller Abubakar Adam Ibrahim, der über die Schwierigkeiten der Menschen auf der Flucht vor der Terrororganisation Boko Haram schreibt. Der kenianisch-somalische Reporter Abdi Latif Dahir berichtet über Dadaab, "als das größte Flüchtlingslager der Welt", das nach Einwohnerzahl größer ist als mancher Staat.

Und schließlich zeichnet der salvadorianische Autor Juan Jose Martínez d'Aubuisson in "Belize: Das gelobte Land der Salvadorianer" ein eindrucksvolles Porträt der Menschen auf der Flucht vor der Bandengewalt in El Salvador. Hier führen nicht Nord und Süd Krieg gegeneinander oder verschiedene religiöse Sekten, sondern Banden mit futuristisch klingenden Namen wie MS-13 und B-18.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Peter Lammers

"Refugees Worldwide: Literarische Reportagen", hrsg. von Luisa Donnerberg und Ulrich Schreiber, 219 Seiten, Wagenbach Verlag 2017, ISBN 978-3-8031-2783-9

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