Radikalisierung in Europas Städten

Enklaven des Zorns

Die spezifische Stadtstruktur prägt die Identität der sozial Ausgegrenzten und kulturell Diskreditierten in den Vororten. Die Betroffenen verinnerlichen die soziale Ausgrenzung und erheben sie zum Identitätsmerkmal und zur Lebensform. Eine Analyse des französisch-iranischen Soziologen Farhard Khosrokhavar

Mit "dschihadogener Stadtstruktur" bezeichne ich einen städtischen Raum, der viel häufiger als andere Stadtteile zum Nährboden für dschihadistische Rekrutierungen wird.

In Europa ist die Stadt einer der wesentlichen, wenn nicht sogar der maßgebliche Faktor der dschihadistischen Radikalisierung. Doch das gilt nicht für alle Städte. Betroffen sind vielmehr einzelne Stadtteile, deren Struktur "dschihadogen" ist.

In fast allen europäischen Ländern findet man Stadtteile mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil junger Menschen, die dort zu Dschihadisten werden und von denen dann einige als Kämpfer in Krisengebiete reisen, wie beispielsweise die sogenannten "ausländischen Kämpfer" in Syrien.

Der Prozess gegen die überlebenden Rückkehrer von insgesamt 20 Jugendlichen, die zwischen 2013 und 2015 aus der südfranzösischen Kleinstadt Lunel nach Syrien ausreisten, ist kein Präzedenzfall. Er wiederholt sich in ähnlicher Form in anderen europäischen Ländern ständig. In Lunel ist es das Sozialwohnungsviertel Abrivado, wo viele Jugendliche von der extremistischen islamischen Ideologie des Heiligen Krieges indoktriniert wurden.

Ausgrenzung als Triebfeder der Radikalisierung

Die Konzentration von Dschihadisten in bestimmten Vierteln lässt sich auf zwei grundlegende Effekte zurückführen:

Erstens die Netzwerke: Die Jugendlichen in diesen Vierteln kennen einander durch formelle oder informelle Netzwerke, Freunde oder Mitglieder der gleichen Großfamilie und deren Verbindungen. Ein solches Viertel kann auch ein bürgerliches Viertel sein, ohne offensichtliche Benachteiligung der Radikalisierungskandidaten. Dieses Phänomen ist in Europa allerdings eher eine Randerscheinung.

Wohnblocks in einer Pariser Banlieue; Quelle Al Jazeera English
Abgeschottet von der Außenwelt: Die Isolation von sozial schwachen Stadtvierteln und die mentale Ausgrenzung der Enklaven von anderen Gebieten weckt bei den betroffenen Jugendlichen das Gefühl, einem Teil der Menschheit anzugehören, der keine Schnittmenge mit dem anderen, bessergestellten Teil hat. Diese Dichotomie macht eine Kommunikation untereinander unmöglich.

Zweitens die Besonderheit der Stadtstruktur: Jugendliche ähnlicher ethnischer Herkunft – in Frankreich aus Nordafrika; in Großbritannien aus Pakistan und Bangladesch; in Belgien aus Marokko – konzentrieren sich in Problemzonen mit folgenden Merkmalen: Ein Teil der Bevölkerung fühlt sich stigmatisiert und entwickelt einen unterschwelligen Zorn. Es kommt zur Ghettoisierung mit Entwicklung einer illegalen Schattenwirtschaft, die wiederum einen Teil der Jugend anzieht und sie zur Übertretung der geltenden Normen verleitet. Die Arbeitslosenquote ist deutlich höher als im Landesdurchschnitt. In Lunel beträgt sie beispielsweise rund 20 Prozent, wobei die Quote für Jugendliche mit Migrationshintergrund doppelt so hoch ist.

Auch die Schulabbrecherquote ist eklatant. Die Kriminalitätsrate liegt weit über dem Landesdurchschnitt. Vor allem männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlen sich abgestempelt.

Die ehemals patriarchalisch geprägten Familienstrukturen sind fragmentiert und instabil mit vielen Alleinerziehenden. Gewalt in der Familie ist an der Tagesordnung. Dies gilt beispielsweise auch für die Familie von Mohamed Merah, dem Attentäter von Toulouse, und für die Familie von Mehdi Nemmouche, der im Mai 2014 in Brüssel bei einem Anschlag auf das jüdische Museum vier Menschen tötete.

Das Stigmatisierungsgefühl beruht vor allem auf Alltagserfahrungen und wird verstärkt durch das "aggressive" Verhalten der ausgegrenzten Jugendlichen, die sich als Opfer der Gesellschaft fühlen.

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Leserkommentare zum Artikel: Enklaven des Zorns

"In England lautet die Bezeichnung stark abwertend "Pakis" für Menschen pakistanischer oder allgemein südostasiatischer Herkunft."
Ich lese immer beschönigend "asians", wohl weil Pakistaner nicht p.c. ist. Und mit südostasiatischen Menschen (Indochina, China, Korea, Japan) hat man weniger Probleme, oder ist mir da etwas entgangen?

"Als Reaktion darauf betonen sie durch aggressives Verhalten ihre Nicht-Staatsbürgerschaft und Nicht-Dazugehörigkeit. Diese Geste wird von anderen als bedrohlich und als provokativ empfunden."

Es ist bedrohlich und provokativ. Vermutlich wird sie auch von denen, die diese Geste zeigen, bedrohlich und provokativ gemeint.

Wie die Weltmeisterschaftsfeiern zeigten, ist die Gefahr nicht eingebildet. Leider scheint noch niemand herausgefunden zu haben, wie man sie beseitigt, und zwar komplett und anwendbar, nicht als Grundlagenforschung mit einer kleinen Versuchsgruppe.

Norbert Schnitzler19.07.2018 | 17:31 Uhr