Diese zunehmend gefährliche Dynamik zeigt sich in der Entscheidung Ägyptens, Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate, die diplomatischen Beziehungen zu Qatar zu kappen, weil das Land angeblich Verbindungen zu regionalen Terrorgruppen und zum Iran, Saudi-Arabiens stärkstem Rivalen um regionalen Einfluss, unterhält. Sie wird auch in dem verheerenden Stellvertreterkrieg im Jemen sichtbar, der zu einem zentralen Schlachtfeld im saudisch-iranischen Machtkampf geworden ist.

Vor diesem Hintergrund scheint es wahrscheinlich, dass der IS von seinen verstreuten Basen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel, im Irak, in Libyen und im Jemen aus imstande sein wird, weiter Terroranschläge im Mittleren Osten und darüber hinaus zu planen und auszuführen. Doch es gibt Wege, um eine derartige Entwicklung zu vermeiden oder zumindest den Schaden zu minimieren.

Schweigen bedeutet Zustimmung

Zunächst einmal müssen Regierungen und nichtstaatliche Akteure in der arabischen Welt alle finanziellen Verbindungen zu Terrorgruppen kappen. Neben staatlichen Transferleistungen bedeutet dies, private Bemühungen einzelner Bürger zu Finanzierung des Terrors zu unterbinden. Die Staaten in der Region haben bereits jetzt strenge Strafgesetzbücher; die Regierungen sollten sie gegenüber denjenigen, die den Terror finanzieren, effektiver durchsetzen.

Demonstration für die Opfer des Anschlags auf das Bardo-Museum in Tunesien im Jahr 2015; Foto:  DW/Sarah Mersch
Zivilgesellschaftliches Engagement gegen den Terror: "Wie Tunesien, Marokko und Algerien dürfen auch andere Länder im Mittleren Osten sich nicht vom scheinbaren Niedergang des IS als territoriales Gebilde einlullen lassen. Letztlich besteht die einzige Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt in der arabischen Welt zu durchbrechen, darin, die Konflikte innerhalb des Islams beizulegen", schreibt Moha Ennaji.

Zugleich müssen religiöse und politische Führer die gewalttätige islamistische Ideologie, aus der sich die dschihadistischen Bewegungen nähren, mit demselben Nachdruck zurückweisen, den sie für Herausforderer ihrer eigenen Autorität reserviert haben. Qui tacet consentire videtur (Schweigen bedeutet Zustimmung). In diesem Fall ermutigt die stillschweigende Zustimmung terroristische Akteure, und die Resultate sind tödlich.

Die Länder des Mittleren Ostens werden inzwischen überall auf der Welt mit extremistischen Ideologien und Terror in Verbindung gebracht. Wenn sie ihren Ruf und die Gesundheit ihrer Gesellschaften und Volkswirtschaften wiederherstellen wollen, müssen sie entschlossen handeln, um die Attraktivität der terroristischen Anwerber zu schwächen. Algerien, Marokko und Tunesien haben eine Anzahl von Schritten in diese Richtung unternommen, aber allein schaffen sie es nicht.

Wie diese Länder dürfen andere im Mittleren Osten sich nicht vom scheinbaren Niedergang des ISIS als territoriales Gebilde einlullen lassen. Letztlich besteht die einzige Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt in der arabischen Welt zu durchbrechen, darin, die Konflikte innerhalb des Islams beizulegen. Um diesen Punkt zu erreichen, müssen die Regierungen der Region jedoch dringen eine zweigleisige Strategie der Verbote und Ächtung fahren.

Moha Ennaji

© Project Syndicate 2017

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Moha Ennaji ist Professor für "Cultural and Gender Studies" an der Sidi Mohammed Ben Abdellah Universität und Präsident des International Institute for Languages and Cultures in Fez, Marokko.

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