Radikal-islamistische Gruppen in Tunesien

Dschihad tunesischer Machart

Der öffentlichkeitswirksame Anschlag auf das Nationalmuseum in Tunis wirft ein Schlaglicht auf das radikal-islamistische Netzwerk Tunesiens, das sich seit dem Sturz des Ben-Ali-Regimes im Januar 2011 herausgebildet hat. Eine Bestandsaufnahme von Hanspeter Mattes vom Giga-Institut für Nahost-Studien

Die Zusammensetzung der radikal-islamistischen Gruppen Tunesiens ist teils strukturiert, teils amorph, sodass selbst die Aufklärung der Terror- und Waffenschmuggelnetzwerke durch Zoll, Antiterrorpolizei und Militär kein exaktes Lagebild vermitteln kann. Zu den in ihren Konturen und Handlungssträngen besser bekannten Gruppen zählen an erster Stelle die tunesischen Ableger von "Al-Qaida im islamischen Maghreb" (AQIM) und die "Ansar al-Scharia".

"Al-Qaida im islamischen Maghreb" (AQIM)

Die "Al-Qaida im islamischen Maghreb" wurde 2007 als Nachfolgeorganisation der algerischen "Gruppe für Mission und Kampf" (GSPC) gegründet und der Anspruch auf Errichtung eines islamischen Staates über Algerien hinaus auf den ganzen Maghreb ausgeweitet. Derzeitiger Emir von AQIM ist der Algerier Abdelmalek Droukdel. Die Hauptkontingente der AQIM-Brigaden kämpfen in Nordalgerien, Teile aber auch in Südalgerien/Nordmali und im östlich von Tebessa gelegenen algerisch-tunesischen Grenzland auf der Höhe des Jebal Chaambi. Schätzungen zufolge soll es mehrere Hundert bis mehrere Tausend AQIM-Kämpfer geben. Die AQIM, die sich vorrangig durch Entführungen algerischer Unternehmer finanziert, ist für zahlreiche Anschläge und Überfälle auf Sicherheitskräfte verantwortlich: Die erste Operation in Tunesien, zu der sich AQIM bekannte, war der Anschlag auf Sicherheitskräfte im westtunesischen Jendouba am 16.2.2014.

Die bekannteste AQIM-Kampfeinheit ist die in Westtunesien operierende "Uqba ibn Nafi'-Brigade", die auch den Anschlag auf das Bardo-Museum durchführte. Laut Informationen von Innenminister Gharsalli vom 26. März hatte eine Terrorzelle der Brigade unter dem Kommando von Lokman Abu Sakhr den Anschlag geplant und durchgeführt. Die Zelle sei eindeutig mit der AQIM affiliiert. Folglich sei die Meldung des "Islamischen Staates", dass der Anschlag "der Märtyrer Abu Zakaria al-Tounis und Abu Anas al-Tounsi" auf sein Konto gehe, falsch.

"Al-Jazara-Gruppe"

Videomitschnitt "Al-Qaida im Islamischen Maghreb" während eines Kampfeinsatzes in den Straßen von Gao, Mali, im Juni 2012; Foto: AFP/Getty Images
Islamistischer Terror über Ländergrenzen hinweg: "Al-Qaida im islamischen Maghreb" (AQIM) während eines Kampfeinsatzes in Gao, Mali, im Juni 2012. Die bekannteste AQIM-Kampfeinheit ist die in Westtunesien operierende "Uqba ibn Nafi'-Brigade", die auch den Anschlag auf das Bardo-Museum durchführte.

Die "Al-Jazara-Gruppe", die als eine Abspaltung von AQIM zu sehen ist, hat sich Anfang 2011 konstituiert und verfügt – wie der Name andeutet – über enge Beziehungen zu dschihadistischen Gruppen in Algerien. Sie soll nach Angaben tunesischer Sicherheitsorgane hinter den Anschlägen von Rouhia im Mai 2011, Bir Ali Ben Khalifa im Februar 2012 und Firnana im Dezember 2012 stehen und seither gleichfalls in die Kämpfe am Jebel Chaambi involviert sein.

"Ansar al-Scharia"

Die Gruppierung "Ansar al-Scharia" ("Anhänger des islamischen Rechts") wurde im Kontext des Machtwechsels vom Januar 2011 von Seif Allah Ibn Hussein, breiter bekannt unter seinem Kampfnamen Abu Iyadh, im April 2011 gegründet, um für die Einführung der Scharia in Tunesien zu kämpfen. Als prominenter Parteisprecher fungierte Seifeddine Raies. Seit 2012 haben sich kleinere Gruppen von "Ansar al-Scharia" abgespalten und – wie die Gruppe um Salim Fandari alias Abou-Ayoub oder die Gruppe Abou-Ishaq – eigene Kampfzellen gegründet. Parallel zu den umfangreichen missionarischen und karitativen Aktivitäten hat sich die al-Qaida und AQIM nahestehende "Ansar al-Scharia" auch mit militanten Aktionen manifestiert, darunter als prominenteste der Angriff auf die US-Botschaft in Tunis im September 2012. Auch die politischen Morde an den Linkspolitikern Choukri Belaid (Februar 2013) und Mohamed Brahmi (Juli 2013) gehen auf ihr Konto. Der dabei federführende Dschihadist Ahmad Rouissi wurde im März 2015 im libyschen Sirt getötet, wo er auf Seiten des "Islamischen Staates" gekämpft hatte.

Wegen der begangenen Gewaltakte wurde "Ansar al-Scharia" im August 2013 vom Innenministerium zur terroristischen Organisation erklärt. Ziel von "Ansar al-Scharia" und anderen Gruppen ist nach Angaben des Innenministeriums vom Februar 2014 die Gründung von lokalen Emiraten in Süd-, Zentral- und Nordtunesien. Anfang Juli 2014 erklärte die Gruppierung ihre Solidarität mit dem Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi, dem Führer des "Islamischen Staates" in Syrien und im Irak.

Dschihadistische Kampfgruppen und tunesische Dschihadisten in Syrien

Die im Jebal Chaambi, in Südtunesien, aber auch in den küstennahen städtischen Zonen operierenden dschihadistischen Kampfgruppen sind bislang empirisch nicht exakt erfasst. Mit Ausnahme der "Uqba Ibn Nafi'-Brigade" ist weder ihr jeweils genaues Operationsgebiet und ihre Kampfstärke bzw. ihre Zusammensetzung nach Nationalitäten noch ihre genaue Zielsetzung jenseits des nebulösen Eintretens für einen islamischen Staat bekannt. Ein Teil der Zellen operiert autonom, ein anderer Teil hat Verbindungen zu AQIM oder direkt zu Al-Qaida. Seit Juli 2014 gibt es aber auch einzelne Zellen, die dem "Islamischen Staat" folgen.

Radikaler Islamist in Syrien; Foto: Reuters
Der syrische Bürgerkrieg als Drehscheibe des globalen islamistischen Terrors: Rund 9.000 Tunesier wurden von den tunesischen Sicherheitskräften an der Ausreise nach Syrien gehindert; etwa 600 tunesische Dschihadisten sollen dort bislang in Kämpfen gefallen sein, über 40 sitzen in syrischen Gefängnissen. Tunesische Dschihadisten in den Reihen des "Islamischen Staates" mit mindestens 3.000 Freiwilligen die größte Gruppe der internationalen Kämpfer.

Hinsichtlich der Kampfstärke kann von einem Umfang von mehreren Hundert Personen ausgegangen werden. Im Jebal Chaambi sind nachweislich algerische und marokkanische Dschihadisten präsent, ein Teil der tunesischen Dschihadisten hat Kampferfahrung in Nordmali erworben. Seit Anfang 2015 verdichten sich zudem Berichte, dass speziell in den libyschen Islamistenhochburgen Bengasi und Derna geschulte tunesische Dschihadisten in ihre Heimat Tunesien zurückkehren, dort neue Terrorzellen gründen oder sich bestehenden anschließen und diese mit ihren Erfahrungen "professionalisieren".

Die Zahl der Tunesier, die auf Seiten islamistischer Gruppen in den syrischen Bürgerkrieg ziehen, ist seit Frühjahr 2011 kontinuierlich angestiegen. Informationen des Innenministeriums von Anfang 2015 zufolge sollen gegenwärtig bis zu 3.800 Tunesier in Syrien kämpfen. Ihre durch Schleusernetzwerke organisierte illegale Ausreise soll hauptsächlich durch Qataris finanziert worden sein.

Rund 9.000 Tunesier wurden von den tunesischen Sicherheitskräften an der Ausreise nach Syrien gehindert; etwa 600 tunesische Dschihadisten sollen bislang in Kämpfen gefallen sein, über 40 sitzen in syrischen Gefängnissen. Wie das Innenministerium mitteilte sind bis Anfang 2015 rund 500 Dschihadisten nach Tunesien zurückgekehrt, wo sie als innenpolitische Gefahr angesehen und deshalb überwacht werden. Ein Abtauchen in den Untergrund wird dadurch aber nicht verhindert.

Vereinigungen salafistischer Prediger

Für die Einschätzung der radikal-islamistischen Bedrohung in Tunesien sind allerdings nicht nur die dschihadistischen Gruppen an sich, sondern auch diejenigen islamistischen Vereinigungen und Zusammenschlüsse salafistischer Prediger von Bedeutung, die den Nährboden für die Rekrutierung von Extremisten bilden.

Die salafistischen Prediger bzw. Imame werden insbesondere von tunesischen Religionssoziologen nach ihrer theologischen Ausrichtung an der Lehre einzelner prominenter ausländischer Prediger in die sogenannten Jamiyun (Referenz: Scheich Muhammad al-Jami aus Eritrea), die Madkhaliyun (Referenz: Rabi al-Madkhali), die Ilmiyun (Referenz: saudische Theologen) sowie die Reformgruppe der Islahiyun oder Sururiyun (Referenz: Surur Zain al-Abidin aus Syrien) unterschieden.

Salafisten in Tunesien; Foto: Taieb Kadri
Tunesiens Salafisten als Wegbereiter einer islamischen Staatsordnung: "Die meisten von ihnen lehnen derzeit zwar offene Gewalt und parteipolitische Aktivitäten ab, versuchen aber, durch Predigten an der Basis das Terrain für einen islamischen Staat vorzubereiten", schreibt Hanspeter Mattes vom Giga-Institut für Nahost-Studien.

Die meisten von ihnen lehnen derzeit zwar offene Gewalt und parteipolitische Aktivitäten ab, versuchen aber, durch Predigten an der Basis das Terrain für einen islamischen Staat vorzubereiten. Es gibt aber auch Ausnahmen: Der Prediger Saifeddine Raies rief – ohne dass es eine polizeiliche Verfolgung gab – seit Sommer 2014 mehrfach tunesische Dschihadisten zur Rückkehr nach Tunesien auf, um dort zur "Befreiung des Landes" beizutragen.

Von den derzeit rund 17.000 existierenden Vereinigungen ist die überwältigende Mehrheit religiösen Charakters. Bis Zum Sturz des Ben-Ali-Regimes waren diese religiösen Vereinigungen toleriert und dienten als Aushängeschild für die Staatsführung, um islamistische Kritik am säkularen Charakter des Staates zurückzuweisen.

Nach dem Machtwechsel 2011 veränderten die Vereinigungen ihren Charakter. Unter oftmals neuer Führung konservativer oder radikaler Imame versuchen diese Vereinigungen nunmehr mit ihren einschlägigen Engagement im sozialen Bereich und im Bildungssektor zur Umsetzung des islamistischen Gesellschaftsprojektes unterstützend beizutragen.

Die Sicherheitsbehörden haben seit Juni 2014 zwar rund 150 islamische Vereinigungen identifiziert, die direkt in die Terrorfinanzierung (Durchführung von Kollekten für Dschihadisten) verwickelt sein sollen. Allerdings ist die Übergangsregierung unter Premier Jomaa gegen sie nicht aktiv geworden, weil er die offene Konfrontation mit der islamistischen Ennahda-Partei scheute. Erst die neue Regierung unter Premier Essid hat, besonders unter dem Eindruck des Bardo-Anschlages, eine härtere Gangart angekündigt. Dies gilt auch gegenüber den 187 Moscheen, die sich laut Angaben des Innenministers vom 24. März 2015 "außerhalb staatlicher Kontrolle" befinden.

Hanspeter Mattes

© Qantara.de 2015

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