Rabih Abou-Khalil

"Die Tradition von heute ist die Revolution von gestern"

1978 floh Rabih Abou-Khalil vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Bayern und studierte dort Musik. Mittlerweile zählt der Oud-Spieler zu den renommiertesten Weltmusikern in Europa. Von Lewis Gropp

1978 floh Rabih Abou-Khalil vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Bayern und studierte dort Musik. Mittlerweile zählt der Oud-Spieler zu den erfolgreichsten und renommiertesten Weltmusikern in Europa. Von Lewis Gropp

Rabih Abou-Khalil; Foto: www.tampere.fi
Rabih Abou-Khalil ist zehnmaliger Gewinner des Deutschen Jazz Awards. Der Musiker zählt zu den wichtigsten Persönlichkeiten im Bereich des Jazz

​​ Als Matthias Winckelmann Anfang der 90er Jahre den jungen unbekannten Rabih Abou-Khalil bei seinem Jazzlabel Enja unter Vertrag nahm, wurde er von vielen seiner Kollegen nur milde belächelt. Für viele war Fusion, die Verbindung von Jazz und Rock, immer noch das höchste der innovativen Gefühle im Bereich des Jazz, und so erschien der libanesische Oud-Spieler mit seinem unkonventionellen Musikverständnis selbst Kennern der Branche zwangsläufig als Randfigur und Exot.

Es sollte sich aber zeigen, dass Winckelmann mit der mutigen Entscheidung seiner Zeit voraus war: Rabih Abou-Khalils kühne Zusammenführung traditioneller arabischer Musik, europäischer Klassik und amerikanischem Jazz entpuppte sich als ein Quantensprung der zeitgenössischen improvisierten Musik, welcher die atemberaubend-explosionsartige Auffächerung des Jazzspektrums der 90er Jahre einläutete.

Heute ist Rabih Abou-Khalil als zehnmaliger Gewinner des
Deutschen Jazz Awards und mit weit über einer halben Million verkaufter Tonträger sowohl künstlerisch als auch kommerziell einer der wichtigsten Figuren im Bereich Jazz und Weltmusik in Deutschland, und damit auch in Europa.

Innovationszwang des Westens

Khalil kleidet sich allerdings nicht in der Pose des avantgardistischen Innovators, der sich gegen die tumbe Ignoranz eines künstlerisch trägen Umfelds durchgesetzt hat. Vielmehr sieht er in der jüngeren Entwicklung der improvisierten Musik eine Konstante der europäischen
Geistes- und Kulturgeschichte.

"Im Zuge des Aufklärung wurden Musik und Musikgeschichte erstmals katalogisiert: Barock, Romantik, Wiener Klassik, die Klassische Moderne und so fort. Damit entwickelte sich überhaupt erstmals ein musikalisch-historisches Bewusstsein – und gleichzeitig eben auch der Zwang, immer wieder etwas Neues, Zuvor-nicht-da-Gewesenes komponieren zu müssen."

Den von Puristen an ihn herangetragenen Vorwurf, er verwässere das authentische Erbe arabischer Musiktraditionen, lässt er hingegen nicht gelten: "Die Tradition von heute ist die Revolution von gestern", sagt er. Wie das Leben selbst, so unterliegt auch die Musik einer ständigen Entwicklung, einem stetigen natürlichen Wandel, so Khalil.

Sinn und Sinnlichkeit

Die Abwesenheit eines verbindlichen ästhetischen Wertekanons hat aber auch seine Kehrseite: "Heute ist man so tolerant, dass jeder Mist akzeptiert wird", sagt Khalil entschieden.

Eine Kultur des Überflusses stellt die Musik und die Kunst vor enorme Herausforderungen: Wie ist es möglich, im Taumel einer medialen Reizüberflutung eine Vorstellung von Wahrhaftigkeit zu entwickeln?

"Das ist genau das Problem: Wir haben so viele Bücher und so wenig Poesie; wir sind übersättigt mit Sex, aber es gibt so wenig Sinnlichkeit."

Dabei ist es genau das, was nach Khalil das Wesen der Kunst ausmacht: "Die Kunst ist das, was sie schon immer war: der Ausdruck von Sinnlichkeit. Von der Venus von Milo bis heute hat sich daran nichts geändert. Es geht darum, dass man seine fünf Sinne schärft und entwickelt."

Im Gespräch vermittelt Khalil genau diesen Eindruck, den Eindruck einer mühelos kultivierten Eleganz. Seine Bewegungen sind fließend, seine Kleidung ist makellos, sein sprachlicher Ausdruck ornamentalisch und stilsicher. Wie ein Gourmet scheint er den Fluss an Worten auszukosten, den er mit seiner angerauten, aber sonoren Stimme formt. Khalil umgibt eine Aura einer verfeinerten Begierde nach sinnlichen Eindrücken.

Das Gemüt des Musikers scheint unbeschwert zu sein; um seine Augen zeichnen sich Lachfalten ab, nichts deutet darauf hin, dass das Verlassen beziehungsweise der Verlust der Heimat einen inneren Bruch nach sich gezogen hätte.

Die Oud aber ist ein ernstes Instrument, das unter den Händen vieler seiner Musiker meditativ, melancholisch und nahezu weltabgewandt klingt. Alte Meister wie der 1997 verstorbene Iraker Munir Bachir lassen die Musik der arabischen Laute wie den sakral-erhabenen Soundtrack einer mystischen Einkehr erklingen.

Für Khalil liegt das aber weniger am Instrument an sich als vielmehr an dem Geist, aus dem heraus es gespielt wird. "Ich denke, man sollte als Künstler bemüht sein, sämtliche Möglichkeiten seelischer Empfindungen zu erkunden. Die Oud ist dafür hervorragend geeignet." Instrumente, die nur ein einziges Gefühl ausdrücken könnten, seien lästig. "Ich denke da zum Beispiel an die Harfe. Oder an die Blockflöte!"

Ausdruckskraft des Deutschen und Arabischen

Anders als viele Exillibanesen ging Khalil nicht nach Frankreich, sondern nach Deutschland. "Deutschland ist ein kulturträchtiges Land. Und das nicht nur in Bezug auf Musik, sondern auch auf Malerei und Literatur."

Die deutsche Sprache sei zudem dem Arabischen ähnlicher als man gemeinhin denken würde. "Kennen Sie zum Beispiel die Übertragung des Korans von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1896? Mit diesem Werk, man muss eigentlich von einer 'Nachdichtung' sprechen, hat er den Geist des Arabischen erfasst. Ich finde, dass die deutsche Sprache in ihrer Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten dem Arabischen sehr verwandt ist."

Soeben hat Rabih Abou-Khalil unter Beweis gestellt, dass das arabische und deutsche Idiom in der Tat hervorragend kompatibel sind: Zusammen mit dem deutschen Jazzpianisten Joachim Kühn hat er das Album "Journey to the Center of an Egg" aufgenommen. Es ist seine mittlerweile 14. Einspielung für das Label Enja. Es wird nicht die letzte sein.

Lewis Gropp

© Qantara.de 2006

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