Qawwali-Musik in Pakistan

Verpönt, verdammt, verboten

In Pakistan rücken immer mehr Sufi-Musiker ins Fadenkreuz islamistischer Hardliner und Dschihadisten. Für den "Islamischen Staat" ist die in Südasien weit verbreitete Sufi-Tradition mit Musik und Tanz als Bestandteil der religiösen Praxis ketzerisch und exzessiv. Einzelheiten von Jürgen Wasim Frembgen.

Tausende Menschen begleiteten die Begräbnisprozession des pakistanischen Sängers Amjad Farid Sabri, der am 23. Juni 2016 von Killern einer Taliban-Gruppe in Karachi erschossen wurde. Er gehörte zu den berühmten Sabri-Brüdern, die das Genre der hochemotionalen, hingebungsvollen Qawwali-Musik über Pakistan und Südasien hinaus auch im Westen bekannt machten.

Bei Qawwali handelt es sich um eine in Musik umgesetzte mystische Liebespoesie, die im Rahmen eines indischen Sufi-Ordens entstand. Bereits zwei Jahre vor seiner brutalen Ermordung, erhielt Amjad Farid Sabri vom Obersten Gerichtshof des Landes eine offizielle Mahnung wegen Blasphemie: In den lyrischen Versen eines zeitgenössischen Urdu-Poeten, die er vortrug, soll er den Propheten Muhammad und seine Familie verunglimpft haben. Sie handeln von der Hochzeit der Prophetentochter Fatima Zahra mit Ali, dem Cousin des Propheten und späteren vierten Kalifen.

Nicht nur die Suggestion von Intimität bei dieser Hymne auf eine von Gott gesegnete Hochzeit erregte die Gemüter der Fanatiker, sondern auch der Umstand, dass die von Fernsehsendern übertragene Performance der Gesangsgruppe im Rahmen einer pakistanischen Hochzeitsfeier stattfand, bei der Gäste zu den Rhythmen der Musik tanzten.

Vergewaltigung indigener Kulturen

Hochzeiten sind seit Jahrhunderten ein Kernthema der mystischen Poesie Südasiens, die inhaltlich zwischen irdischer und göttlicher Liebe oszilliert. Heute jedoch werden solche eindrücklichen Bilder aus dem täglichen Leben von ultrakonservativen Puritanern verdammt – ebenso wie Ausdrucksformen von Lebensfreude und Vergnügen überhaupt. Die islamistischen Hardliner beleidigen und vergewaltigen die indigenen Kulturen.

Der weltberühmte pakistanische Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan (gest. 1997), der wohl größte Exponent dieser populären devotionalen Musik der Muslime Südasiens, sang ein Gedicht von Naaz Khialvi (gest. 2010) mit der Hauptzeile: Tum ek gorakh danda ho. – „Du bist ein Trickser, ein Spieler/Du verwirrst mich.“ Auch dieses Lied wurde als blasphemische Äußerung attackiert.

Mystische Dichtkunst, die im synkretistischen Milieu Südasiens sowohl Muslime als auch Hindus, Sikhs und Christen anspricht wird heute von engstirnigen Predigern einer rein arabisierten, schriftgläubigen Version des Gesetzesislam als "verunreinigt" angesehen, als "un-islamisch" kritisiert und daher verboten. Damit bleibt kein Raum mehr für Ambiguität und kulturelle Vielfalt. Musikern und ihrem Publikum wird gleichsam die Luft zum Atmen genommen.

Am Schrein des Sufi-Heiligen Rahman Baba, einem Dichter und Mystiker des 18. Jahrhunderts, der im Volk auch als die "Nachtigall von Peshawar" verehrt wird, kommen seit jeher jeden Donnerstagabend und Freitag Qawwali-Sänger und Lautenspieler zusammen, um ihrem Meister zu huldigen. Es sind sakrale Orte, an denen die mystische Musik den Hörenden in einen spirituellen Zustand der Ekstase und Gottesnähe versetzen soll. Vor einigen Jahren wurde unweit des Grabmals von Rahman Baba eine große, von Saudi-Arabien finanzierte Koranschule der Wahhabiten gegründet. Die Religionsstudenten verboten den frommen Pilgern am Schrein zu singen und verprügelten sie.

2009 wurde schließlich ein Bombenanschlag auf den Schrein verübt – an einem Freitag, als besonders viele Besucher kamen. Der Angriff richtete sich gegen die Musik, die Musiker und die Frauen, die den Heiligen anflehten und ihm ihre persönlichen Nöte und Anliegen vortrugen. Musik verleite zu Obszönität, hieß es.

Seitdem ist in Pakistan kaum ein Jahr ohne ein derart verheerendes Selbstmordattentat oder einen Bombenanschlag auf einen Sufi-Schrein vergangen – mit unzähligen Toten und Verletzten (zuletzt wieder am 16.2.2017 während des täglichen Trancetanzes in Sehwan Sharif).

Wiege des Sufismus

Pakistan, demographisch das Land mit der zweitgrößten muslimischen Bevölkerung in der Großregion Südasien, in der heute fast jeder dritte Muslim lebt, ist eine Wiege des Sufismus, der islamischen Mystik mit einer reichen spirituellen Tradition, die jedoch entgegen aller Idealisierung als "weiche" Form des Islam einen deutlich autoritären Charakter besitzt.

Sham-e Qalandar mit Madame Afshan, Lahore; Foto: J. W. Frembgen
Mystisches „Hören“ als spirituelle Katharsis: Die großen Sufi-Meister des Chishti-Ordens erlaubten Musik nur dann, wenn sie nicht von dem Gedenken an Gott ablenkte, sondern spirituell zu ihm hinführte. Sufis haben die Voraussetzungen zum mystischen „Hören“ daher entsprechend der Scharia, also des religiösen Gesetzes, festgelegt und die Eignung der Hörer nach ethischen Maßstäben evaluiert.

Und dennoch verbreiten Sufis ihre Botschaft des Gottgedenkens, der Aussöhnung und des Pluralismus durch mystische Gesänge – in den Genres des Qawwali und Sufiana-kalaam vorgetragen – in denen oft Brücken zur Toleranz geschlagen werden. So singt Abida Parveen, die "Grand Dame" der pakistanischen Sufi-Musik folgenden Vers von Baba Farid (gest. 1265):

"Gib mir keine Schere, gib mir eine Nadel!

Ich füge zusammen, ich zerschneide nicht!"

Oder die Verse Bullhe Shahs (gest. 1758), eines Sufi-Dichters, der als "Rumi des Punjab" bekannt ist. Er stand in gewisser Weise auf der Schwelle zwischen Muslim- und Hindu-Sein. Mit folgenden Worten besang er die Auflösung religiöser Grenzen:

"Wir sind weder Hindus noch Muslime. Wir sitzen nur und drehen das Spinnrad.

Wir haben nichts zu tun mit dem Stolz auf das religiöse Bekenntnis.

Wir sind weder Sunniten noch Schiiten. Wir sind gewaltlos gegenüber jedermann".

Durch solche mystischen Verse, die nicht in Arabisch, der Sprache des Koran, oder in Persisch verfasst sind, sondern in weit verbreiteten Volkssprachen (in diesem Fall in Punjabi), wurde der Islam auf dem Subkontinent verbreitet.

Heute werden sie sogar in der populären Rockmusik Pakistans zum Beispiel von der Gruppe "Junoon" gesungen. Aber dennoch gilt: Heute übt der Sufismus auf junge Muslime zwischen Südasien und Nordafrika keine besondere Anziehungskraft aus, die Mystik erscheint ideologisch nicht konkurrenzfähig, verhilft nicht zu Anerkennung in persönlichen Identitätskrisen. Denn die Zeiten haben sich geändert: Inzwischen erhalten Musiker in Pakistan Todesdrohungen, ihre Instrumente werden zerbrochen, im öffentlichen Raum können Konzerte nur noch unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, vielfach werden sie abgesagt.

Die neue Atmosphäre der Freudlosigkeit

Es verwundert daher nicht, dass man heute beim Besuch pakistanischer Teehäuser keine Musik mehr hört. Während in den 1980er und 1990er Jahren in den städtischen Basaren überall noch laute Bollywood-Filmmusik aus den Läden plärrte, in denen Musikkassetten und später Musikvideos verkauft wurden, änderte sich dies beinahe unmerklich: Ladenbesitzer wurden eingeschüchtert, ihre Läden schließlich geschlossen, Musik erschien aufgrund islamistischer Hasspredigten auf einmal verpönt – es wurde einförmig und fade, eine Atmosphäre der Freudlosigkeit breitete sich aus. Draußen auf den Straßen donnert heute nur noch der Verkehrslärm.

Wenngleich Musik im Kontext des offiziellen konservativen Gesetzesislam seit jeher verpönt war und meist verdammt und verboten wurde, erfuhr die durch sie ausgelöste Ekstase innerhalb der mystischen Dimension dieser Weltreligion eine Sakralisierung.

Doch auch dort blieb sama‘ – das mystische „Hören“ – umstritten. Zwar schätzte man die therapeutische Wirkung der Musik, jedoch versuchte man sie in ihrer Mächtigkeit (die ja auch in ekstatische Tänze übergehen kann) in bestimmte Bahnen zu lenken. So sollte sakrale Musik nur von spirituell gereiften Mystikern gehört werden.

Für Sufis des indischen Chishti-Ordens, die der Musik sehr positiv gegenüberstehen, soll das mystische "Hören" zu einer spirituellen Katharsis führen. In Verzückung können den Adepten verborgene Einsichten enthüllt werden, sie können "im Meer der Liebe ertrinken", ihnen kann ein Vorgeschmack von der Vereinigung mit dem Göttlichen zu Teil werden. Für sie ist sakrale Musik eine sine qua non der islamischen Mystik.

Aber die großen Sufi-Meister dieses Ordens erlaubten Musik auch nur dann, wenn sie nicht von dem Gedenken an Gott ablenkte, sondern spirituell zu ihm hinführte. Sufis haben die Voraussetzungen zum mystischen "Hören" daher entsprechend der Scharia, also des religiösen Gesetzes, festgelegt und die Eignung der Hörer nach ethischen Maßstäben evaluiert. Kriterien sind dabei die Grade der Sehnsucht zu Gott und schließlich das Verbot des Hörens zum rein sinnlichen Genuss.

Jürgen Wasim Frembgen

© Qantara.de 2017

Prof. Dr. Jürgen Wasim Frembgen ist Ethnologe, Islamwissenschaftler und Schriftsteller. Zuletzt erschien 2016 sein Essayband "Sufi Tonic: Unterwegs in Pakistan und Indien". 2011 veröffentlichte er den Erzählbericht "Nachtmusik im Land der Sufis. Unerhörtes Pakistan".

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