Psychologie der Radikalisierung

Der Lego-Islam der Attentäter

Wer in den Dschihad zieht, kennt mitunter nicht einmal den Koran. Es gibt andere Zeichen, die darauf hindeuten, dass jemand einen Anschlag im Namen Allahs begehen könnte. Von Friederike Haupt

Warum zieht jemand in den Dschihad, wenn ihm die Ideologie des Dschihad wenig bedeutet? Die Frage stellt sich, weil Selbstmordattentäter, die sich auf Allah berufen, oft kaum etwas über Allah wissen. Eine internationale Studie, für die vergangenes Jahr die Daten von 330 Rekruten des „Islamischen Staates“ ausgewertet wurden, zeigt: Je mehr religiöses Wissen sich die Männer selbst zuschrieben, desto weniger waren sie bereit zum Selbstmordanschlag. Was diejenigen antreibt, die dazu bereit sind, ist wichtig für die Frage, wie Anschläge verhindert werden können.

Im Fall des 26 Jahre alten Palästinensers, der vor einiger Zeit in einem Hamburger Supermarkt einen Mann erstach, ist es zu früh für eine Antwort. Auffällig ist, dass er zwar während der Tat „Allahu Akbar“ rief und später zu Protokoll gab, er habe gehofft, den Märtyrertod zu sterben. Allerdings sagte er auch, er habe sich erst zwei Tage vor der Tat zu einer islamischen Lebensweise entschlossen und erst am Tag der Tat zu dem Anschlag. Das Messer brachte er nicht mit in den Supermarkt, sondern er schnappte es sich aus dem Sortiment. Zuvor hatte der Mann wochenlang brav mitgeholfen, die Papiere für seine Ausreise aus Deutschland zu organisieren.

Nun sitzt er in Untersuchungshaft, in einer Spezialzelle für Suizidgefährdete. Der Palästinenser galt schon vor der Tat als psychisch labil, die Staatsanwaltschaft sieht aber derzeit keine „belastbaren Anhaltspunkte für eine erheblich eingeschränkte Schuldfähigkeit“. Die Ermittlungen dauern an.

Extremistische Ideologie allein reicht nicht

Wie Menschen dazu kommen, einen Anschlag in Deutschland zu begehen, hat der forensische Psychologe Jérôme Endrass untersucht. Er forscht an der Universität Konstanz und hat zusammen mit dem Bundeskriminalamt ein System entwickelt, mit dem die Polizei das Risiko bewerten kann, dass ein Salafist einen Anschlag verüben wird. Es wird in diesem Sommer eingeführt. Was Endrass besonders betont: Eine extremistische Ideologie allein reicht nicht. Jemand, der eine radikalislamische Weltsicht hat, ansonsten aber keine gestörte Persönlichkeit, keine psychische Krankheit, der auch nicht mit Gewalt droht oder sich Waffen zulegt, ist keine Risikoperson. Umgekehrt bedeutet das, dass die Ideologie nur Teil einer Mischung ist, die den Täter zum Anschlag bewegt.

Propaganda des IS im Internet. Foto: picture-alliance/dpa/R. Peters
Kriegsromantik und Männlichkeitskult: „Wer sich von der Gewaltbereitschaft des IS angezogen fühlt, beschäftigt sich in der Regel wenig mit dem Islam“, sagt der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick. Er sieht deutliche Parallelen zwischen der Art der Propaganda von Rechtsextremisten und Islamisten. „Je kruder und einfältiger die Theorien waren, desto erfolgreicher waren sie“. Wichtig war den jungen Männern die Botschaft, dass sie Krieger seien.

Endrass sagt: „Die Erklärungen für solche Taten unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Erklärungen für Amokläufe oder für Stalker, die gegenüber der verfolgten Person gewalttätig werden.“ Auch Schüler, die an ihren Schulen Amok liefen, begründeten das mit einer Weltanschauung, die in bestimmten Foren im Internet von anderen geteilt werde. Endrass’ Untersuchungen haben ergeben, dass die Gewaltstraftäter, ob Amokläufer oder Terroristen, ihre „auffällige Persönlichkeit“ verbindet.

Der Wissenschaftler unterscheidet vier Prototypen von Attentätern; in Wirklichkeit seien die Grenzen fließend, aber die Einteilung erleichtere die Arbeit der Polizei. Bei den Typen handelt es sich erstens um psychisch Kranke, etwa Schizophrene; zweitens um Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, etwa narzisstisch Gestörte; drittens um Menschen, die sich vom Autoritären und Kriegerischen des Dschihad angezogen fühlen; und viertens um Muslime, die sich in Europa diskriminiert und verachtet fühlen und die den Dschihad als Einladung verstehen, um sich zu rächen.

Die erste Gruppe spielt unter den Attentätern in Deutschland, die sich auf den Islam berufen, eine untergeordnete Rolle. So schätzt es Endrass ein, andere Studien stützen das. Es liegt auch nahe: Die Kranken sind oft gar nicht in der Lage, einen Anschlag zu verüben, erst recht nicht, zuvor etwa nach Syrien zu reisen oder sich auf andere Weise mit den Hintermännern des „Islamischen Staates“ zu vernetzen. Eher verfolgen sie eigene Verschwörungstheorien. Schwer Depressive wiederum können und wollen sich in der Regel nicht aufraffen zu einem Anschlag im Namen des IS. Durchaus werden aber Suizidversuche aus Flüchtlingsunterkünften gemeldet.

Am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer schätzen die Ärzte, dass mindestens ein Viertel der Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, psychologische Betreuung brauchen. Zwar versuchten Islamisten in der Vergangenheit schon, die Schwäche psychisch Kranker auszunutzen: Vor dreizehn Jahren etwa machte eine ziemlich unbekannte zentralasiatische Islamistengruppe Schlagzeilen in Deutschland, weil sie versucht hatte, die Vormundschaft für Muslime zu übernehmen, die nach gescheiterten Selbstmordversuchen in Psychiatrien behandelt wurden. Der Verfassungsschutz hielt es damals für möglich, dass sie die Kranken später als Selbstmordattentäter einsetzen wollten. Doch diese Strategie hat sich seitdem nicht verbreitet.

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