Prostitution in Tunesien

Das Verdeckte offenlegen

Ein Kunstprojekt zeigt, wie stark der tunesische Staat Sexarbeiterinnen kontrolliert. Diese sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und zudem gesellschaftlich isoliert. Seit der Jasmin-Revolution wurden bereits mehrere Bordelle geschlossen. Einzelheiten von Christina Omlin

Prostitution ist in arabischen Ländern ein Tabuthema. "Much loved" – der jüngste Film über käuflichen Sex in Marokko von Nabil Ayouch hat versucht dieses Tabu aufzubrechen. Der Spielfilm wurde am Festival von Cannes im Frühling 2015 ausgezeichnet, in Nabil Ayouchs Heimatland Marokko aber blieb er verboten.

Tunesien zeigte den Film im vergangenen November als erstes arabisches Land. Das Publikumsinteresse an den "Journées cinématographiques de Carthages" war sehr groß. Der Film hatte gar den "Grand Prix" des Filmfestivals erhalten.

Tunesien ist gegenwärtig das einzige arabische Land, in dem Sexarbeiterinnen in "maisons closes" – in Bordellen – noch geduldet sind und nicht in die Illegalität abgedrängt werden. Sie können eine Lizenz für ihre Arbeit beantragen, werden aber im Gegenzug von der Sitten-Polizei strengstens kontrolliert.

Auf dem Festival "Dream City" im November 2015 hat das Künstlerpaar Laila Soliman/Ruud Gielens (Ägypten/Belgien) dazu in Tunis eine Performance gezeigt. Während eines Aufenthalts in Tunesien recherchierten beide zum Tabuthema Prostitution und entwickelten daraus die Performance "Grande Maison".

Kinoplakat "Much Loved" von Nabil Ayouch
"Verstoß gegen moralische und religiöse Werte": Die marokkanische Regierung hatte im Mai 2015 verboten, dass Nabil Ayouchs Film "Much Loved" in die Kinos kommt, weil es dem Ruf des Königreichs schade. Prostitution ist in dem maghrebinischen Land nach wie vor ein Tabuthema.

"Der Staat ist sozusagen der Zuhälter"

In drei engen Gassen im verwinkelten Altstadtviertel Sidi Abdallah Guech befindet sich eines dieser berüchtigten "milieus rouges". Der Eintritt ist nur Männern erlaubt, und natürlich denjenigen Frauen, die hier ihren Beruf ausüben.

Ein verkleinertes Modell davon steht auf einem Tisch im Innern eines Altstadt-Hauses im Viertel Bab Menara. Das Publikum ist in dieses Haus eingetreten wie die Freier in die Sackgassen von Sidi Abdallah Guech. Fotos sind nicht erlaubt, bedeutet der Türsteher. Handys werden bitte ausgeschaltet. Empfangen wird man von der lächelnden "patronne", der Bordell-Leiterin, die ein Zimmer zuweist. Die Tür wird hinter uns zugeschlagen. Hier ist keine Sexarbeiterin, sondern eine Historikerin, die Fakten zum Rotlichtquartier in Tunis präsentiert.

Seit 1942 hat die tunesische Regierung den Status der Sexarbeiterinnen als "fonctionnaire" – als Beamte – legalisiert und der Staat zieht seither Steuern ein und überwacht die Frauen. Und das äusserst strikt, sagt der belgische Künstler Ruud Gielens. Der Alltag dieser Frauen sei so weitgehend reguliert, dass man von einer fast totalen Kontrolle des Staates sprechen könne.

"Der Staat ist sozusagen der Zuhälter, der über die Körper der Frauen verfügt." Diese sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt: Ohne Bewilligung verlässt keine das Quartier, sonst verliert sie die Lizenz. Einen andern Job darf sie nebenher nicht ausüben. Freie Tage gibt es nur, wenn die Menstruation einsetzt.

Ein Leben am Rand der Gesellschaft

Die Frauen müssen zweimal wöchentlich zum Gesundheitscheck, um die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Einmal monatlich unterziehen sie sich einem Aids-Test. Für die Künstlerin Laila Soliman ist das bei aller Kritik an den rigiden Arbeitsverhältnissen, wo es sehr viele Pflichten aber nur wenige Rechte gibt, ein Vorteil gegenüber dem illegalen Zustand. "Die Männer müssen Kondome benutzen, die Polizei ist dauernd präsent und schützt die Frauen auch vor gewalttätigen Übergriffen. Die gesundheitliche Versorgung ist gut."

Das Leben in den Bordellen ist trotzdem alles andere als rosig. Die Prostituierten haben zwar ein eigenes Einkommen, aber sie sind gesellschaftlich isoliert. Ein Großteil der Gesellschaft blickt auf sie herab, auch wenn einige von ihren Familien akzeptiert werden.

Ein öffentlicher Diskurs darüber existiert nicht. Auch im muslimischen Tunesien ist der Geschlechtsakt offiziell nur für verheiratete Paare vorgesehen. Immer wieder sind die Sexarbeiterinnen außerdem der Korruptionsanfälligkeit ihrer Überwacher ausgesetzt.

Weniger Bordelle nach der Revolution

Die Zahl der Bordelle hat nach 2011 rasant abgenommen. Die für zwei Jahre installierte islamistische Regierung hatte geduldet, dass Fundamentalisten gegen diese Häuser vorgehen konnten. Vor allem in den südlichen Teilen des Landes wurden Sexarbeiterinnen vertrieben, ihre Häuser teilweise zerstört oder geschlossen. "Neue Lizenzen werden von der Polizei nicht mehr vergeben", sagt Laila Soliman.

Auch gegen das Bordell in der Altstadt von Tunis zog im Februar 2011 eine aufgebrachte Menschenmenge. Die Sexarbeiterinnen wurden aber von den Anwohnern und schließlich auch von der Polizei geschützt. Ein Eisentor schirmt das Quartier seither ab, das Namensschild der Gasse wurde entfernt. Das Bordell bleibt während des Ramadans und während der Freitagsgebete geschlossen, ein Zugeständnis an strenggläubige Muslime.

Spartanische Verhältnisse

In einem weiteren Raum der Performance von Soliman/Gielens ist das Zimmer einer Sexarbeiterin eingerichtet. Es sieht spartanisch aus: ein Bett, ein Lavabo, ein Ventilator, ein Spiegel. In einem Video erzählt eine ehemalige Sexarbeiterin von ihrem Alltag.

Rotlicht, aus dem nachgestellten Zimmer einer Prostituierten in der Performance "Grande Maison"; Foto: Soliman/Gielens
Unter Druck: Seit 1942 hat die tunesische Regierung den Status der Sexarbeiterinnen als "fonctionnaire" – als Beamte – legalisiert und der Staat zieht seither Steuern ein und überwacht die Frauen. Und das äußerst strikt. Der Alltag dieser Frauen sei so weitgehend reguliert, dass man von einer fast totalen Kontrolle des Staates sprechen könne, meint der Künstler Ruud Gielens.

Ruud Gielens und Laila Soliman haben mit mehreren von ihnen sprechen können. "Sie reden von 20 bis 30 Kunden pro Tag. Diese bezahlen zehn Dinare, das sind umgerechnet fünf Euro für einen Eintritt. Die Hälfte davon geht an die 'patronne' und als Steuer an den Staat. Es bleiben also 2,50 Euro für einmal Sex."

Ruud Gielens ist als Mann in das Quartier hineingegangen, weil auch Ausländer dazu Zugang haben. Laila Soliman konnte mit einer Ausnahmebewilligung ebenfalls eintreten. Was Ruud Gielens nicht erwartet hat: die Solidarität in dieser kleinen Gemeinschaft, trotz repressiven Verhältnissen. "In diesem geschlossenen System, wo sich die 'outcasts' der Gesellschaft treffen, kann man viel Menschlichkeit sehen. Sie sind füreinander da."

Wieviele Sexarbeiterinnen in Tunesien arbeiten ist unklar. Es gibt keine aktuellen öffentlichen Statistiken. Die Sittenpolizei hält sich bedeckt und gibt keine Auskunft. Trotzdem sieht Laila Soliman auch unter den Frauen ein neues Selbstverständnis wachsen. "Wer seine Lizenz verliert, schluckt das nicht mehr einfach so, sondern macht eine Beschwerde beim Innenministerium. Oder wenn sich eine Frau von der Polizei ungerecht behandelt fühlt, geht sie auch mal vor Gericht."

Der Staat hält sich bedeckt

Das Künstlerpaar Soliman/Gielens will den marginalisierten Frauen in den Bordellen eine Stimme geben. Sie hätten diese Performance an das tunesische Publikum gerichtet, sagt Ruud Gielens. "Viele sehen hier zum ersten Mal unter welch rigiden Bedingungen diese Frauen leben. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass sich der Staat diesbezüglich lieber bedeckt hält." Wichtig war dem Künstlerpaar auch, im arabischen Raum nicht mit schmierigen Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir lassen den Frauen ihre Anonymität, zeigen keine 'juicy details'. Denn es soll auch für konservativere Kreise möglich sein, sich diese Performance anzusehen."

Und die Reaktionen des Publikums geben ihnen Recht. Viele Tunesier waren interessiert zu erfahren, was sich in den Bordellen abspielt und welche Rolle der Staat dabei einnimmt, auch wenn sie dem Gewerbe grundsätzlich kritisch gegenüber stehen. Es kursieren zwar etliche Gerüchte, doch Genaueres dazu weiß niemand. Mehrere hundert Tunesier haben so Zugang zu verlässlicheren Informationen über die Prostitution in ihrem Land erhalten.

Christina Omlin

© Qantara.de 2015

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