Projekt "Art of Freedom. Freedom of Art" in Tunesien

Künstlerische Freiräume zwischen Terror und Bürokratie

Mit dem politischen Umbruch vor fünf Jahren haben auch die tunesischen Künstler neuen Freiraum gewonnen. Doch der wird immer wieder bedroht - sowohl von religiösen Fanatikern als auch von staatlicher Seite. Aus Tunis informiert Sarah Mersch.

"Guten Tag. Zu wem wollen Sie?", fragt der Polizist skeptisch, bevor er mit einem Kopfnicken bedeutet, weiter zu gehen. Stacheldraht, Polizeikontrollen und eine Gedenktafel am Eingang erinnern 10 Monate nach dem 18. März 2015 noch an den Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis, der mehr als 20 Menschen das Leben kostete. Im Inneren des modernen, lichtdurchfluteten Gebäudes wurden die Spuren längst beseitigt. Ein meterhohes Mosaik dominiert die Eingangshalle.

"Wir können und wollen nicht vergessen, was passiert ist. Das hat tiefe Wunden hinterlassen, aber wir müssen nach vorne schauen", sagt Moncef Ben Moussa, Kurator des Museums und Hüter der größten Mosaikensammlung weltweit. Eigentlich sei es zu erwarten gewesen, dass ein Angriff irgendwann das Museum treffen würde, nach den Zerstörungen von Kulturgütern in Afghanistan, dem Irak und Syrien. "Vielleicht haben wir die Alarmglocken nicht früh genug gehört", räumt er ein. Dass ausgerechnet dieses Museum angegriffen wurde, sei kein Zufall - und nicht nur als Angriff auf den wirtschaftlich so wichtigen Tourismus zu verstehen.

"Angriff auf die universelle Humanität"

Das Bardo-Museum versammelt die Spuren all jener Zivilisationen und Epochen, die in den letzten 3.000 Jahren die Geschichte des Landes am Nordostzipfel des afrikanischen Kontinents geprägt haben: Spuren der punischen Kriege, der Entwicklung Tunesiens zur sogenannten Kornkammer Roms, über die Gründung der wichtigsten islamischen Stätten in Afrika durch arabische Eroberer bis hin zur ältesten noch existierenden Synagoge des Kontinents durch jüdische Einwanderer. "Wenn ein Tunesier das Museum betritt, dann ist er stolz, ein Teil dieser reichen Kultur zu sein. Und wenn ein Ausländer es betritt, dann sieht er, dass auch in ihm ein kleines Stückchen Tunesien steckt. Es ist diese universelle Humanität, die von den Terroristen angegriffen wurde."

Nach dem Anschlag sind die Zahlen der ausländischen Besucher eingebrochen. Dafür kamen umso mehr Tunesier, viele zum ersten Mal, so Ben Moussa. Nach dem Anschlag seien es oft die Schüler, die nach einem Klassenausflug noch einmal ihre Eltern mit ins Museum brächten, berichtet der Kurator mit einem stolzen Lächeln.

Großes Mosaik im Bardo-Museum; Foto: Sarah Mersch
Das Bardo-Museum und der Tourismus im Visier der Dschihadisten: Im März 2015 hatte der IS das Bardo-Museum in Tunis attackiert, im Juni einen Strand und ein Hotel im osttunesischen Sousse. Insgesamt wurden 60 Menschen getötet.

"Den meisten Menschen meines Alters ist die Bedeutung der Kultur nicht bewusst", sagt der Kurator, denn unter der Diktatur war sie marginalisiert oder für Propagandazwecke instrumentalisiert worden. "Kultur ist ein Mittel der Aufklärung, doch ein Diktator will den Bürger klein und ignorant halten." Das gleiche Mittel, das heute die Terroristen zu nutzen versuchen, um ihre Ziele durchzusetzen.

Kunst statt politischer Slogans

Während Ben Moussa versucht, möglichst viele junge Tunesier für das kulturelle Erbe des Landes zu sensibilisieren, nutzen andere die Möglichkeit, die Kunst aus den Museen und Galerien auf die Straße zu bringen. Seit dem politischen Umbruch 2011 erlebt die Street Art in Tunesien einen Boom. "Früher konnte man Kunst nur für die Regierung machen. Heute macht man sie um der Kunst und um des Publikums willen", sagt Mohamed Kilani Tbib. Unter seinem Künstlernamen "The Inkman" macht der 25-jährige Grafikdesigner Calligraffiti, kalligraphische Graffiti. Meist sind es einzelne Worte oder Gedichtzeilen, die Tbib sprüht, "am liebsten an sehr belebten Orten, sodass alle Leute einen direkten, kostenlosen Zugang dazu haben."

Graffiti von Mohamed Kilani Tbib alias "The Inkman"; Foto: Sarah Mersch
"Früher konnte man Kunst nur für die Regierung machen. Heute macht man sie um der Kunst und um des Publikums willen", sagt Mohamed Kilani Tbib, der kalligraphische Graffitis an Häuserfassaden gestaltet.

Mal arbeitet er in einer verlassenen Fabrik, mal an einem Flugzeugwrack in einem leicht heruntergekommenen Park in einem Vorort der Hauptstadt Tunis, manchmal auch an Wänden mitten in der Stadt. Seine Werke und die vieler Gleichgesinnter gehören inzwischen in Tunesien zum Straßenbild und haben oft hastig hingesprühte politische Slogans abgelöst. Moscheen werden genauso zum Kunstobjekt wie etwa das Haus einer ehemaligen Herrscherfamilie.

Im Falle des Projekts "Djerbahood" ist es ein ganzes Dorf. Mehdi Ben Cheikh, franko-tunesischer Galerist, hat Erriadh auf der südtunesischen Insel Djerba in eine Open-Air-Galerie verwandelt. Künstler aus 30 Ländern haben dort ihre Spuren hinterlassen. "Am Anfang waren die Bewohner misstrauisch. Nach ein paar Tagen kamen sie, um uns die Mauern ihrer Häuser anzubieten."

Den Ort Erriadh hat Ben Cheikh bewusst ausgewählt, denn dort steht auch die La Ghriba Synagoge, die älteste des Kontinents. Das Dorf ist Heimat für die größte jüdische Gemeinde des Landes. "Wir wollten damit die Besonderheit der Insel aufzeigen, zeigen, dass friedliches Zusammenleben von Juden und Muslimen keine Utopie ist, sondern seit Jahrhunderten Normalität." Die mehr als 200 Kunstwerke haben im Dorf auch wirtschaftlich ihre Spuren hinterlassen. Mehrere Galerien, Geschäfte und Restaurants haben eröffnet, seit das Projekt die Touristen anzieht.

Das kulturelle Erbe nicht auf den Müll werfen

In der Innenstadt von Tunis, zwischen Bahnhof, Autowerkstätten und einem Großmarkt für Schmuggelgüter, hat Ben Cheikh jüngst mit "32 bis" eine zweite Galerie eröffnet. Schon von außen ziert ein meterhohes Grafitti die ehemalige Fabrikhalle zwischen heruntergekommenen Jugendstilhäusern aus der Kolonialzeit. Sein Ziel: die Innenstadt dynamisieren. "Das Viertel verdient seinen schlechten Zustand nicht! Die Bürger müssen sich ihre Stadt endlich wieder aneignen und wertschätzen." Befände sich dieses Viertel in London oder Paris, es wäre längst eines der angesagtesten der Stadt, ist sich der Galerist sicher. "Wir müssen endlich aufhören, unser kulturelles Erbe auf den Müll zu schmeißen."

Porträt von Mehdi Ben Cheikh, der in Tunis die Galerie "32 bis" führt; Foto: Sarah Mersch
Die City dynamisieren und wertschätzen: "Das Viertel verdient seinen schlechten Zustand nicht! Die Bürger müssen sich ihre Stadt endlich wieder aneignen!", meint Mehdi Ben Cheikh, der in Tunis die Galerie "32 bis" führt.

Doch trotz der neuen Freiheit haben die meist jungen Künstler, die mit ihrer Arbeit den öffentlichen Raum erobern wollen, immer wieder Probleme mit den Behörden. "Acht Stunden habe ich im Mai auf der Polizeiwache verbracht", erzählt The Inkman, "weil irgendjemand erzählt hat, ich würde Propaganda für den Islamischen Staat auf eine Mauer sprühen."

In Wirklichkeit handelte es sich um das Wort Musk, englisch für den Moschus, ein in Tunesien traditionell beliebter Duftstoff. Dass die Passanten sein Spiel mit den Buchstaben nicht entziffern können, ist der Künstler inzwischen gewohnt. "Die meisten denken, ich mache arabische Kalligrafie. Dabei sind es lateinische Buchstaben, die nur von der arabischen Schrift inspiriert sind." Von explizit politischen Botschaften und Diskussionen hält sich der junge Mann dabei bewusst fern, ihm gehe es viel mehr darum, mit seiner Kunst Menschenliebe und Respekt zu vermitteln.

Protestmarsch gegen Terror und Extremismus

"Der Akt, diese Kunst auf der Straße zu machen, ist politisch, nicht die Kunst an sich", findet Mehdi Ben Cheikh. Er hofft, dass diese Form des politischen Handelns auch in Zukunft möglich sein wird. Denn trotz der neuen tunesischen Verfassung, die den Bürgern weitgehende Rechte und Freiheiten einräumt, fürchten nicht wenige in Tunesien, dass repressive Kräfte angesichts der terroristischen Bedrohung wieder an Land gewinnen und die gerade erst mühsam erkämpfte Freiheit erneut einschränken. Künstler und Medien seien jetzt gefragt, das zu verhindern, so der Galerist. "Noch können wir öffentlich Kritik üben. Es liegt an uns, am ganzen Volk, dies auch in Zukunft möglich zu machen, es liegt an den Journalisten, nie wieder zu schweigen."

Sarah Mersch

© Deutsche Welle 2016

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