Präsidentschaftswahlen in Ägypten

Die Rückkehr des alten repressiven Staates

Es gilt als sicher, dass Ägyptens Militärmachthaber Abdelfattah al-Sisi als Sieger aus den Wahlen am 26. und 27. Mai hervorgehen wird. Doch angesichts der gesellschaftlichen Spaltung und der gewaltigen Probleme des Landes bleibt es fraglich, ob er seine Machtposition langfristig aufrecht erhalten kann. Ein Essay von Atef Botros

Die Muslimbruderschaft hat während ihrer kurzen Amtszeit alle Erwartungen enttäuscht. Die islamistische Regierung nutzte ihre Machtposition vor allem, um der ägyptischen Gesellschaft ihre ideologischen Vorstellungen aufzuzwingen. Dabei ignorierte sie die Forderungen der Revolution nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Sie beschränkte sich stattdessen auf demokratische Formalitäten.

Folglich erkannten viele Ägypter, dass die Muslimbrüder sowohl die Religion als auch die religiösen Gefühle der Menschen nur instrumentalisierten, um ihre politischen Ziele zu verwirklichen. Schließlich trafen sie mit der Führung des Militärs Abmachungen, die nur ihren eigenen Interessen dienten und festigten ihre Machtposition durch eine im Alleingang verabschiedete Verfassung. Die Muslimbruderschaft scheiterte somit nicht nur politisch, sondern zog auch den Zorn vieler Ägypter auf sich.

Auf diese Weise verlor die Muslimbruderschaft ihre moralische Legitimität und Popularität innerhalb der Bevölkerung, was schließlich auch die Basis für die Protestwelle vom 30. Juni 2012 bildete. Diese stellte eine beispiellose Massenmobilisierung dar, die eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung erfuhr. Jedoch zeigten die bald darauf folgenden Inhaftierungen zahlreicher Führungspersonen der Organisation und der massive Gewalteinsatz gegen ihre Anhänger den undemokratischen Charakter des ägyptischen Militärs.

Dämonisierung der Opposition

Eine Eskalation der Gewalt nach der Absetzung Mursis erfolgte in Form vermehrter Terroranschläge auf den Sicherheitsapparat und staatliche Einrichtungen. Zudem wurden verstärkt Kopten und koptische Kirchen zur Zielscheibe von Übergriffen. Die neue Staatsmacht reagierte, indem sie die Muslimbruderschaft als "Terror–Organisation" deklarierte und gegen sie den "Krieg gegen den Terror" eröffnete.

Seitdem verwandelt sich die politische Öffentlichkeit des Landes allmählich in eine Propaganda-Maschine, deren Treibstoff der Hass gegen die Muslimbruderschaft ist. Darüber hinaus stellte die Verherrlichung der heroischen Rolle des Militärs und dessen Oberbefehlshaber Sisi, der zu einer neuen National-Ikone nach dem Vorbild Gamal Abdel Nassers stilisiert wurde, eine weitere Komponente der staatlichen Propaganda dar.

General Abdelfattah al-Sisi bei der Abstimmung für eine neue ägyptische Verfassung in Kairo; Foto: dpa/picture-alliance
Regentschaft mit eisernen Faust und auf Kosten der Zivilgesellschaft: "Abdelfattah al-Sisi sieht Ägypten der Demokratie noch nicht gewachsen. 'Vielleicht in 25 Jahren', sagte er einmal. Doch so lassen sich weder politisches Gleichgewicht noch nationale Versöhnung erreichen", schreibt Botros.

Der Armeeführung stilisierte sich auf dem Höhepunkt der Anti-Mursi-Bewegung als Retter und Erlöser der Nation. Die Mehrheit der Staatsinstitutionen und -medien schürten einerseits den Hass gegen die Muslimbruderschaft und unterstützten andererseits die Verherrlichung des Militärs und dessen Oberbefehlshaber. Auch religiöse Institutionen reproduzierten dieses Narrativ. So wurde beispielsweise Abdelfattah al-Sisi jüngst von einem Azhar-Gelehrten gar als Angehöriger innerhalb der Genealogie des Propheten verklärt.

Der sogenannte "Krieg gegen Terror" beschränkte sich jedoch nicht auf die Muslimbrüder. Vielmehr nahm er alle regimekritischen Stimmen ins Visier. Mittels massiver Propaganda dämonisierten die neuen Machthaber säkulare und liberale Oppositionelle, die Demokratie und Freiheit forderten, an den Zielen der Januar-Revolution 2011 festhielten und bis heute die Wiederherstellung des autoritären Staatswesens vehement ablehnen.

Dies diente dann als Rechtfertigung für ihre Verfolgung und Folterung. Büros von Menschenrechtsorganisationen wurden durchsucht und verwüstet, die Revolutionäre der ersten Stunde – wie die 6. April-Bewegung – sind mittlerweile verboten. Und schließlich wurden in einem beispiellosen Schnellverfahren in Minia Hunderte vermeintliche Anhänger der Muslimbrüder zum Tode verurteilt.

Nicht ohne Grund gelang es dem Regime, Zustimmung großer Teile der Zivilbevölkerung für sein rigides Vorgehen zu gewinnen. Denn im "Krieg gegen Terror" liegen die Prioritäten bekanntlich auf Sicherheit und Stabilität. Für Menschenrechte und Freiheit ist da kein Platz. Zu der staatlich gelenkten Propagandastrategie zählt auch die Umdeutung der Proteste vom 30. Juni 2013 als "wahre Revolution", wohingegen der Umbruch vom 25. Januar 2011, der den Sturz Mubaraks zur Folge hatte, als reine Verschwörung abgewertet wird, die von den Muslimbrüdern mit Hilfe feindlicher Staaten organisiert wurde.

Politik der eisernen Faust

Dieser neue Diskurs bedient sich massiv nationalistischer und patriotischer Begriffe, toleriert werden dabei weder Heterogenität noch Pluralität. Es ist ein Diskurs, der den drohenden Untergang durch den "Terror" der Muslimbruderschaft beschwört, der die internationale Staatengemeinschaft als Akteure im Hintergrund sieht, die sich die Zerstörung Ägyptens zum Ziel gesetzt haben. Und es ist ein Diskurs, der zur Tat gegen Angehörige und Sympathisanten der Muslimbruderschaft sowie gegen säkulare Regimekritiker ruft und eine Politik der eiserner Faust walten zu lassen. Das bloße Befürworten von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit sowie die Ablehnung des Sicherheitsstaats reichen bereits aus, um als Feind der Nation denunziert zu werden.

Durch diese Propaganda ist es dem alten Sicherheitsapparat, bestehend aus Armee, Polizei und staatlicher Bürokratie, gelungen, die durch die Januar-Revolte verursachten Änderungen zu revidieren und seine ehemalige Legitimität wieder zu behaupten. Auch das Militär, das auf Demonstranten schoss, Revolutionäre verfolgte und Demonstrantinnen sogenannten "Jungfräulichkeitstests" unterzog, konnte sein Image nicht nur wiederherstellen, sondern etablierte sich zu einer unantastbaren Instanz zum Schutz der Bevölkerung vor Terrorismus und internationaler Verschwörung.

Dr. Atef Botros; Foto: privat
Dr. Atef Botros ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am "Centrum für Nah- und Mitteloststudien" der Universität Marburg und Gründungsmitglied von "Mayadin al-Tahrir", ein Netzwerk für Bildung und nachhaltige Entwicklung in Ägypten.

Diese Entwicklungen stellen zwei Seiten derselben Medaille dar: Während die Muslimbruderschaft eine religiöse Rhetorik wählte und politisch instrumentalisierte, um ihre Ziele zu verwirklichen, missbrauchen die Militärmachthaber den Patriotismus, um ihre repressiven Maßnahmen zu legitimieren. Früher galten die Gegner des politischen Islams als "ungläubige Feinde der Religion". Heute werden die Widersacher des neuen Regimes als "Feinde der Nation und Verräter des Landes" geächtet. Die Verstrickung des Staates in diese Hetzkampagne ist eindeutig daran zu erkennen, dass regimenahe Medien illegal aufgezeichnete Privatgespräche veröffentlichen, um prominente Oppositionsfiguren zu diffamieren.

Die Restauration des repressiven Staates

Aufgrund des gewaltigen politischen Scheiterns der Muslimbrüder ist es dem Militärregime inzwischen gelungen, in der Öffentlichkeit eine Stimmung zu generieren, die sich von den ursprünglichen Werten, Inhalten und Zielen der Januar-Revolution von 2011 zunehmend distanziert. Während die Muslimbrüder Mursi im Zuge der Januar-Revolution in das Präsidentenamt beförderten, nutzte der Militärapparat die Aversion gegen die Muslimbruderschaft, um seinen Kandidaten auf den Weg zur Präsidentschaft zu bringen.

Die Unterstützung der Bevölkerung wurde indirekt bereits zwei Mal getestet. Das erste Mal, als Abdelfattah al-Sisi die Ägypter aufforderte, am 27. Juli auf die Straße zu gehen, um ihm ein Mandat für sein Vorgehen gegen die Anhänger Mursis zu erteilen. Das zweite Mal bei dem Verfassungsreferendum, bei dem die Beteiligung an der Wahl eine Unterstützung Sisis bedeutete.

Als dies erfolgreich verlief, gab der Geheimdienstoffizier, der das Land hinter den Kulissen bereits seit zehn Monaten regiert, Ende März schließlich seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekannt.

Doch kann er keine politische Karriere vorweisen. Somit repräsentiert er nicht eine Partei oder seine eigene Person, sondern das ägyptische Militär, das aufgrund seines gigantischen Wirtschaftsimperiums und vollkommener Unabhängigkeit von kontrollierenden Instanzen die mächtigste Institution Ägyptens darstellt. Außerdem vertritt er weite Teile des ancien régime und dessen Seilschaften, zu dem auch der von Mubarak aufgebaute monströse Polizeiapparat gehört.

Ägyptens eigennütziger Retter der Nation

In einem Interview präsentierte sich General Sisi als jemand, der nicht an die Freiheit glaubt, weil sie angeblich nicht mit Sicherheit vereinbar sei. Natürlich rechtfertigt dieser erstaunliche Ausspruch nicht annähernd die gegenwärtigen Repressionen des ägyptischen Staates. Sicherheit und Stabilität sowie ein Ende des Terrors sind nur im Rahmen eines funktionierenden Rechtstaats denkbar. Ein Gegensatz zwischen dem Sicherheitsgrundsätzen und der von der neuen Verfassung garantierten Meinungsfreiheit existiert nicht.

Auch ist Sisis Haltung hinsichtlich des Rechts auf Demonstrationsfreiheit überaus bedenklich: Obwohl der Militärmachthaber ja in der Vergangenheit zu Massenprotesten aufgerufen hatte, um sich von der Masse politisch legitimieren zu lassen, diskreditiert er nun Protestler und Regimekritiker als Feinde der Nation. Denn seinem Verständnis nach erkennen Oppositionelle nicht das nationale Interesse, das anscheinend er allein zu definieren vermag.

Der saudische König Abdullah bin Abd al-Aziz; Foto: dpa
Strategische Partnerschaft mit dem absolutistischen Herrscherhaus in Riad: Abdelfattah al-Sisi bezeichnete den saudischen König Abdullah bin Abd al-Aziz unlängst als den "größten und weisesten aller Araber".

Bezüglich der kritischen Rolle für die Zivilgesellschaft und die NGOs in Ägypten verlor der General bislang kein Wort. Dafür gab er jedoch seine recht schlichten Vorstellungen über die künftigen Gesellschaftsstrukturen in einem von ihm regierten Staat preis: Die Verhaltensmuster von Individuen sollen vereinheitlicht werden, so dass ein Kollektivverhalten der Masse entstünde, das der Staat als notwendige Grundlage für sein nationales Entwicklungsprojekt betrachte. Kompromisse und Definitionen des Allgemeininteresses, die in einem offenen politischen Raum durch Opposition und Parteien frei verhandelt werden, haben in seiner Vorstellung vom autoritären Staat offenbar keinen Platz.

Die Äußerungen des Generals rücken ihn in die Nähe der autoritärsten und erzkonservativsten Regime der Region. So beschreibt Sisi beispielsweise den saudischen König als den "größten und weisesten aller Araber". Und in einem kürzlich ausgestrahlten Fernsehinterview betonte Sisi ausdrücklich seine Rolle auch als alleiniger Wächter der Moral und der Religion in Ägypten. Diese Funktion möchte er künftig für sich alleine beanspruchen und nicht mehr traditionell die religiösen Gelehrten oder Organisationen.

Die Armee als Motor der Innovation

Mit der Unterstützung der Sicherheitsinstitutionen des Staates und im Namen der Sicherheit der Nation werde er alles in den Griff bekommen, versprach selbstbewusst der General. Doch damit nicht genug. Das Militär präsentiere sich auch als innovative und sogar wissenschaftliche Institution. Der Beweis: ein wundersames medizinisches Gerät, das vom Militär entwickelt worden sei, um angeblich Hepatitis C und HIV zu diagnostizieren und heilen zu können. Mit solchen aberwitzigen Verlautbarungen, gibt sich die Armee nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den internationalen Medien der Lächerlichkeit preis.

Das Sisi-Projekt, das auf Feindschaft zur Muslimbruderschaft und dem von ihm erfundenen "Krieg gegen Terror" aufbaut, wird Ägypten weit vom Weg der Freiheit und Demokratie abbringen. Das Beispiel der Herrschaft der Muslimbrüder hat jedoch gezeigt, welches Schicksal auch das neue (alte) Militärregime ereilen könnte: Die Muslimbrüder scheiterten, weil sie keine Vermittlerrolle zwischen den Befürwortern des Sicherheitsstaats und dem demokratischen Lager einnehmen konnten. Es war ihnen daher nicht möglich, die großen politischen Kräfte zu integrieren. Stattdessen versuchten sie, ihre eigene Position auf Kosten anderer gesellschaftlicher Akteure und Gruppen auszuweiten, bis alle gegen sie waren.

Ähnliches könnte auch dem General zum Verhängnis werden. Er ist nicht in der Mitte, sondern tief im alten Sicherheitsstaat verwurzelt. Er sieht Ägypten der Demokratie noch nicht gewachsen."Vielleicht in 25 Jahren", sagte er einmal. Doch so lassen sich gewiss kein politisches Gleichgewicht und keine nationale Versöhnung herstellen. Wiederhergestellt wird lediglich das politische System, was im Ägypten vor der Revolution des 25. Januar existierte: der alte repressive Staat.

Atef Botros

© Qantara.de 2014

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Die Rückkehr des alten repressiven Staates

Lieber Herr Botros! Sie haben in großen Teilen vollkommen Recht! Klar, auch die Wahl El Sisi's ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Aber: es ist nicht ueberspitzt zu sagen, dass Ägypten im Moment am Abgrund steht, dass das Land dabei ist, wie in einem Zeitraffer wirtschaftlich und sozial und in Sachen Umwelt den Bach runter zu gehen. Jeder der hier lebt, wird Ihnen das bestätigen, zudem das Land sich auch noch in einem Zustand fast völliger moralischer Verwahrlosung befindet, weil 90 Prozent der Gesellschaft Demokratie als einen Zustand der Gesetzlosigkeit und und entsprechend moeglichem anarchischem Verhalten definieren. Politische Eperimente werden diesem Land im Moment meiner Meinung nach den Todesstoss versetzen. Beim Militaer weiss man wenigstens aus Erfahrung was man hat und was man zu erwarten hat. Damit sich langfristig etwas verbessert hin zur wahren Demokratie MUSS die politische Opposition, muessen alle Politiker endlich in Klausur gehen, ihre Hausaufgaben machen, politische und wirtschaftliche Programme eventuell unter Mithilfe auswaertiger Experten erarbeiten, auf eine Dezentralisierung hin zu mehr Eigenverantwortung und Entscheidungsmacht in den Gouvernoraten hinarbeiten, politische Aufklaerung nicht nur in den Doerfern aber dort besonders betreiben, eine Bildungsreform erarbeiten, die die junge Gesellschaft wettbewerbsfaehig auf dem Binnen-und Aussenmarkt macht, unter allen Umstaenden ein Ende der Bevoelkerungsexplosion erreichen, soziale, humanitaere und dem Gemeinwohl und dem Naturschutz dienende Arbeitsplaetze schaffen (und da gaebe es wahrlich genug Bedarf), die weitverbreitete Ignoranz und Achtlosigkeit bekaempfen (und unter Strafe stellen!), Verantwortlichkeiten verteilen, nicht zuletzt ihre personlichen Eitelkeiten endlich mal hintanstellen und die Aermel hochkrempeln und es mal mit ARBEITEN versuchen, statt sich in endlosen Palawern, TV-Talkshows und Pressekonferenzen zu ergoetzen, die zu nichts fuehren. Sie alle wollten sich mal diesbezueglich ein Beispiel an Amr Moussa nehmen, auch wenn hier jetzt schon wieder viele "Feloul" schreien werden. Na und wenn es so sein sollte: Der alte Herr, laengst im Rentenalter, arbeitet immer noch mehr als Hundert andere und wesentlich juengere seiner Politkollegen zusammen. Eitelkeiten, Egomanie und Inkompetenz der aegyptischen Politischen Klasse ist doch leider gerade das, was das Militaer so stark macht. Drei lange Jahre hatten die zivilen Kraefte nun Zeiten, sich zu sortieren. Was ist passiert? "Nicht viel" ist noch uebertrieben. Wollten Sie daraus dem Militaer einen Vorwurf machen? Immerhin ist Sisi so clever sich Beratung zu holen, auch aus Laendern, fuer deren Namensnennung man alleine frueher schon Gefahr lief, im besten Fall nur als Zionist bezeichnet zu werden. Gerade beim Thema Bewaesserung und Umgestaltung der Wueste in bluehende Gaerten und Lebensraum (und der wird bald bitter noetig werden) kann man bei den Nachbarn viel lernen. Sisi wird jedenfalls nicht zu stolz oder ideologisch-religioes zu verblendet sein, da mal anzuklopfen, wenn es seinem Land dient. Hat er ja auch schon angekuendigt, wenn nicht schon getan. Und auf dem Sinai hat es sicher auch schon eine "fruchtbare" Zusammenarbeit gegeben, Gott seinDank! Also bitte doch auch mal was Positives sehen...

Ingrid Wecker22.05.2014 | 15:04 Uhr

Hmm, ja, Herr Moussa war auch so ein Aufrichtiger: Mubaraks Parteisoldat, sein Außenminister und heute Architekt einer den Militärs wohlfeilen Verfassung. Da sind mir die wesentlich jüngeren und fauleren "feloul" doch zehn mal sympathischer!

Christian Schwertner23.05.2014 | 15:05 Uhr

@Ingrid Wecker; Moussa war so ein Aufrichtiger; ja...ja. Und der korrupte Mubarak diente dem verarmten ägyptischem Volk und Abdulfattah al-Sisi (Ägyptens Armeechef mit Verständnis für Jungferntests) ist der Retter der Nation. Ingrid Wecker hat den Durchblick. Soll ich lachen oder lieber weinen?

Ahmed Benrajab23.05.2014 | 16:06 Uhr

Sehr geehrter Herr Schwertner! Wusste ich es doch....! 1. Moussa's Biografie gibt es kostenlos bei Wikipedia. Feloul? Dann sind alle ueber 45jaehrigen ehemaligen Staatsdiener Feloul und Mubaraks Parteisoldaten, auch Ahmed al Tayeb, Grand Sheik der Azhar und ehemaliges NDP-Mitglied... Und Morsi uebrigens auch, der war unter Mubarak Abgeordneter... 2. Die neue aegyptische Verfassung hat ueber 200 zum Teil revolutionaere Artikel, von denen sich manch westliche Nation noch was abgucken koennte, zum Beispiel das Verbot religioeser Parteien, da geht es nicht nur ums Militaer. Auf Intervention von Moussa (dem Feloul) direkt sind zum Beispiel nun endlich Behinderte besonders geschuetzt und gefoerdert. 3. Wenn Ihnen die faulen Feloul lieber sind als Moussa dann kann Ihnen an Aegypten und an der Zukunft dieses Landes nicht viel liegen. 4.Ihr Kommentar ist eine unglaubliche Herabwuerdigung eines echten Elder Statesman, der mit 78 Jahren mehr leistet als 95 Prozent der aegyptischen Bevoelkerung.. Wenn alle so waeren, dann ginge es Aegypten nicht so dreckig. 5. Lieber Herr Benrajab! Was lesen Sie da eigentlich immer alles raus aus Kommentaren???

Ingrid Wecker23.05.2014 | 21:50 Uhr

Eigentlich sollte bekannt sein, dass das verfassunggebende Gremium kurz davor stand, von der Justiz der alten Mächte aufgelöst zu werden - genau wie das Parlament davor aufgelöst wurde, kaum dass es amtierte. Demokratische Prozesse brauchen Zeit - und hier ging es darum, entweder auf die Schnelle eine Verfassung "im Alleingang" durchzupauken oder gar keine zu haben und das Unternehmen gleich ganz den Bach runtergehen zu sehen.
Eben etwas früher als der Putsch die demokratische Illusion hat platzen lassen. Kurze Zeit nach dem Putsch wären Neuwahlen fällig gewesen! Man möge sich die Mühe machen, die MB-Verfassung zu lesen und zum Februar (ihrer Verabschiedung) die 6 Monate dazu zu zählen, die hierfür als Zeitlimit vorgesehen waren. Wahltermin wäre August gewesen. Der Putsch sollte nicht die Muslimbrüder verhindern, die hätte man auch abwählen können, er sollte die Wahlen, also die Demokratie verhindern - und das ist ihm ja offenbar auch so perfekt gelungen, dass es selbst hier immer noch Kommentare gibt, die die Militär-Version der Dinge weitererzählt (das Militär als Vollstrecker des Volkeswillens).
So zu tun, als hätten die Muslimbrüder die Freiheit der Entscheidung für ihr Handeln gehabt und als sei der Putsch als Strafe für die bösen Buben vom Himmel gefallen, ist eine eklatante Verzerrung der Realität. Es hat eine Propaganda dazu gebraucht, die offenbar auch am Autor dieses Artikels nicht spurlos vorüber gegangen ist. Dass die MB aus purer Bosheit alles an sich gerissen hätten, gehört zu dieser Propaganda dazu. Oder hätte es Alternativen gegeben? Was hätten sie (bei diesen Gegnern!) TATSÄCHLICH anders machen können??????

Hanya Dikaton26.05.2014 | 14:49 Uhr

Liebe Frau Dikaton!

Sie schreiben: "..., dass es selbst hier immer noch Kommentare gibt, die die Militär-Version der Dinge weitererzählt (das Militär als Vollstrecker des Volkeswillens)..."
Ich frage Sie: Wo waren Sie um den 30. Juni herum? Wissen Sie wo ich war? Fast zehn Tage lang habe ich mit Tausenden anderer Aegypter in Luxor vor dem Gouvernorat gestanden und gegen die Ernennung eines Radikal-Islamisten als neuen Gouverneur demonstriert. (davon gibt es sogar ein Facebook-Photo mit meinem Plakat auf dem die Saerge der ermordeten Touristen abgebildet sind). Dieser Terrorist sollte der Nachfolger von Dr. Ezzat Saad werden, einer der erfreulichsten Persoenlichkeiten in der juengeren politischen Geschichte Aegyptens, ein Diplomat von Weltklasse, ein Kosmopolit erster Ordnung, ein Menschenfreund par excellence. Und natuerlich Feloul.... (Kommt jetzt garantiert wieder als Einwand). Und die Zahl der Demonstranten, die sich versammelten, war eine SENSATION fuer Luxor, denn dort gehen die Leute nicht so schnell auf die Strasse. Als der neu ernannte "Gouverneur", mitverantwortlich fuer 64 Tote in Luxor beim Hatschepsut-Tempel Attentat, dann nach einigen Tagen die Segel strich, weil er nicht mal in sein Buero kam (davor standen naemlich wir alle und verhinderten seinen Einzug), beschlossen alle Demonstranten, gleich dort zu bleiben bis zum kurz danach folgenden 30. Juni. Und so war es dann auch. Die ganze Zeit waren die Demos friedlich, ja sogar heiter und freudig, mit vielen interessanten Gespraechen. Lediglich einmal gab es ein gewalttaetiges Problem, wissen Sie wann und warum? An einem Tag kamen bewaffnete Muslimbrueder aus einer Seitenstrasse gerannt (ich stand genau gegenueber) und fingen sofort an die Demonstranten zu verpruegeln mit ihren Knueppeln. EInige anwesende Demonstranten nahmen mich und einige andere anwesende Frauen sofort in ihre Mitte und sicherten uns und brachten uns aus der Gefahrenzone. Keiner der seit Tagen ausharrenden Demonstranten hatte irgendeine Waffe dabei, als einmal ein Junge mit einem Knueppel kam, haben die Erwachsenen ihm diesen abgenommen und ihn nach Hause geschickt. Gott sei Dank wurden die Angreifer schnell von den anderen Demonstranten vertrieben. Das ging sogar ohne Polizei, die rueckte erst sehr viel spaeter an. Danach war alles wieder friedlich. Und ALLE Leute blieben tatsaechlich vor dem Rathaus, da bis Morsi ebenfalls weg war. DAS war Volkeswille, ich war mittendrin,die ganze Zeit, ich bin Zeuge, und jedes Wort ist so wahr, so wahr mir Gott helfe! Die Party nach Morsis Absetzung war die groesste oeffentliche Party, die jemals in Luxor stattfand, die Feuerwerke und Autokorsos gingen die ganze Nacht durch. Und ich frage Sie nochmal, wo waren Sie als als das alles geschah??? Auf dem Sofa vor dem Fernsehen? Kein Volkeswille? Dann muessen Sie aber beide Augen ganz fest geschlossen gehabt haben. Sie betreiben Geschichtsklitterung, nicht die anderen!

Ingrid Wecker27.05.2014 | 11:51 Uhr

@Frau Wecker: Wissen Sie, was das Problem mit den Muslimbrüdern ist? Sie wurden stets von den säkularen MAchthabern politisch hofiert. Denken Sie an Anwar El Sadat, der sie benutzte um sich der ASU Nassers zu entledigen. Als sie ihm politisch nicht mehr nützlich erschien, unterdrückte er sie, weshalb sie sich - sowie die gamat islamiya der Hochschulen - radikalisierten und in den bewaffneten Untergrund gingen. Dass die Scharia zu einer Hauptquellen der ägyptischen Gesetzgebung wurde, haben wir diesem liberalen Politiker zu verdanken. Sein ebenfalls nicht gerade demokratischer Nachfolger verfuhr auch nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip: Politische Ausschaltung der Ikhwan bei gleichzeitiger Toleranz ihres gewaltigen gesellschaftspolitischen und religiösen Einflusses in der Öffentlichkeit (Berufsverbände, Front der Azhar-Gelehrten) - all dies um seine eigene Macht zu zementieren. Ägyptens säkulare Politiker sind nicht die Lösung - genauso wie der Islam nicht die Lösung sein kann, sondern ein Konsens aller politischer Kräfte. Mit einseitigen Schudzuweisungen, dichotomischen Freund-Feind-Kategorisierungen kommen wir nicht weiter, gute Frau!

Peter Kuehling27.05.2014 | 12:04 Uhr

Da muss man natürlich fortführen: Der neue säkulare Herrscher (auch überzeugter Demokrat) macht auch gemeinsame Sache mit den Religiösen: Die Salafisten (radikaler gehts wohl nicht mehr!) sind Sisis lokale Verbündete, im Regionalen ist es Saudi-Arabien (Wiege der Demokratie und der Menschenrechte) - von daher kann man nur sagen: Armes Ägypten! Dass es den Frauen wohl noch am miesesten ergehen wird als sogar noch unter Mursi, durften wir ja bereits mit den Jungfräulichkeitstests erfahren (angeordnet von ranghohen Militärs)

Hatmehit27.05.2014 | 13:02 Uhr

Ich war ebenfalls in Ägypten und habe dort gearbeitet. Ich war mit verschieden denkenden Menschen zusammen und bin nie in die Versuchung geraten, mich und meine Gesinnungsgenossen für das ägyptische Volk schlechthin zu halten, also alle Andersdenkenden (bzw. in Ihrem Falle diejenigen, die nicht mit demonstriert haben) gedanklich auszubürgern.
Und was die Geschichtsklitterung oder nicht Geschichtsklitterung angeht - ich glaube, diese Frage überlässt man am besten denen, die sich für politische Zusammenhänge interessieren, Historikern z.B. Leuten, die fragen, wo das Geld für die Umfrage gegen Mursi hergekommen ist, Leuten, die fragen, wieso der Widerstand gegen Mursi sich nur in der Organisation eines Putsches, aber nicht in der Organisation einer vernünftigen Opposition verwirklichen konnte, Leuten, die vor allem fragen, wieso die per Verfassung anstehenden Neuwahlen nicht abgewartet werden konnten - oder (jetzt um fast ein Jahr verspätet) nur unter der Prämisse stattfinden dürfen, dass die Gegner entweder tot sind oder im Gefängnis sitzen. "Das Volk" hätte Mursi oder die Muslimbrüder abgewählt, wenn dies sein Wille gewesen wäre. Wäre der Wille "des Volkes" so sicher gewesen, hätte man auch noch 6 Wochen warten können.

Hanya Dikaton28.05.2014 | 08:02 Uhr