Polygamie in der Türkei

Langsamer Wandel

Obwohl schon vor langer Zeit vom Gründungsvater des Landes, Mustafa Kemal, verboten, leben in der Türkei noch heute etwa eine Million Menschen in polygamen Beziehungen. Dorian Jones berichtet.

Obwohl schon vor langer Zeit vom Gründungsvater des Landes, Mustafa Kemal, verboten, leben in der Türkei noch heute etwa eine Million Menschen in polygamen Beziehungen. Vor allem im südöstlichen Anatolien hält sich diese Tradition und widersteht hartnäckig ihrer Abschaffung. Dorian Jones berichtet.

Foto: Markus Kirchgessner

​​Die Familie Demir, die im Dorf Bismali im Südosten der Türkei wohnt, ist nur eine von vielen Familien dieser Region, die in Polygamie leben. Dass sich die männliche und die weibliche Sicht zu diesem Thema grundlegend unterscheiden, kann nicht überraschen.

"Ich habe mit 27 Jahren geheiratet. Es war eine arrangierte Ehe, ich habe meinen Ehemann vor der Hochzeit nur einmal gesehen", erzählt Frau Demir.

"Trotzdem waren wir glücklich mit unseren acht Kindern. Doch eines Tages ist mein Mann für einige Tage verschwunden und mit einer anderen Frau zurückgekehrt. Sie war viel jünger als ich. Ich war so unglücklich, dass ich für lange Zeit ins Krankenhaus musste. Es ist immer noch sehr schwer für mich, es zu akzeptieren."

"Ich habe mich mit meinem Vater sehr schlecht verstanden, wir haben uns sehr gestritten. Deshalb bin ich von zu Hause weggegangen und habe mir eine andere Frau genommen", beginnt Herr Demir, seine Sicht der Dinge zu erklären.

"Einige Verwandte von mir, die im benachbarten Syrien leben, haben alles arrangiert. Ich muss zugeben, dass meine Frau damit nicht glücklich war. Sie hat für eine ganze Weile nicht mehr mit mir geredet, aber jetzt hat sie es akzeptiert und wir sind wieder alle glücklich.

"Die Frauen arbeiten zusammen und kümmern sich beide um mich. So ist es hier nun mal. Schließlich bin ich hier nicht der einzige Mann, der zwei Frauen hat; einige haben sogar drei oder vier Frauen. Es gibt hier nicht viel zu tun, man muss sich schon bemühen, sich die Zeit zu vertreiben, da ist eine Frau einfach nicht genug."

Scheidung ist oft keine Alternative

Die Frauen vom Zentrum für Frauenrechte kennen solche Geschichten nur allzu gut. Sie arbeiten im Auftrag der Regierung daran, Frauen zu helfen, die in solchen Beziehungen gefangen sind.

Nucan Akpinar berichtet aber auch, dass für die meisten Frauen in polygamen Beziehungen oder anderen, in denen ihre Partner Gewalt gegen sie ausüben, Scheidung kein gangbarer Weg ist.

"Selbst wenn sie ihren Ehemann hassen, sind viele der Frauen einfach nicht in der Position, sich von ihm scheiden zu lassen, weil sie wirtschaftlich wie sozial von ihm abhängig sind. Sie haben kein Zuhause mehr und wissen nicht, wohin sie gehen sollen.

"Es gibt noch nicht einmal Frauenhäuser oder auch nur Beratungsstellen, an die sie sich wenden könnten. Wenn die Regierung ihnen also wirklich helfen will, müssen als erstes Frauenhäuser eingerichtet werden."

Frauen kämpfen für Zufluchtsorte

Früher fanden die Demonstrationen für Zufluchtsorte wenig Beachtung von Seiten der Regierung, doch da hat sich einiges geändert. Seitdem die EU von der Türkei verlangt, die Rechte der Frauen ernst zu nehmen, hat sich die Regierung dazu verpflichtet, in großen wie in kleinen Städten Frauenhäuser einzurichten.

Die europäische Perspektive der Türkei verleiht dem Reformprozess also wichtige Impulse, meint auch Nimet Cubukcu. Sie ist eine der wenigen weiblichen Abgeordneten der regierenden AKP im türkischen Parlament.

Gleichzeitig räumt sie jedoch ein, dass die Einrichtung von Frauenhäusern allein an den Problemen, denen sich Frauen in polygamen Beziehungen gegenüberstehen, wenig ändern wird.

Evolutionärer Wandel

"Mehr als eine Million Menschen leben in der Türkei in polygamen Beziehungen. Dies ist ein schwerwiegendes Problem, dem mit ein paar Frauenhäusern allein nicht zu begegnen ist. Man kann eine Tradition und eine Vergangenheit, die seit Hunderten von Jahren existiert, nicht an einem Tag auslöschen.

"Die größte Herausforderung besteht darin, die Menschen dazu zu bekommen, aktiv für die Durchsetzung der Gesetze einzutreten. Wenn aber die Gesellschaft es als normal ansieht, wie soll sie dazu gebracht werden, sich für Gesetze zu engagieren, die dem widersprechen?

"Man kann schließlich nicht jeden einsperren. Es kann nur in einem evolutionären Wandel vollzogen werden — durch eine Veränderung der Mentalitäten und durch Bildung, ein Prozess, der durch die Europäische Union vorangetrieben wird. Die Leute realisieren, dass es Veränderungen geben muss, wenn sie wollen, dass die Türkei Mitglied der EU werden will, was dem Reformprozess sehr hilft."

Verständnis für den Anderen schaffen

Viele Anhänger ihrer Partei aber haben Einwände gegen diesen Modernisierungsschub. Zu ihnen gehört Emre Akif, Kolumnist der regierungsfreundlichen Zeitung Yeni Safak. Akif besteht darauf, dass es, auch wenn viele in Europa die türkischen Traditionen kritisieren, auf beiden Seiten Verständnis für den jeweils Anderen geben müsse.

"Die Werte der türkischen Gesellschaft unterschieden sich von denen der westlichen, europäischen ganz erheblich. Wir können uns nicht deshalb ändern, nur weil jeder Regierungsvertreter, der sich zu diesem Thema äußert behauptet, dass es keinerlei Unterschiede zwischen unserer und der westlichen Kultur mehr gäbe.

"Sie versuchen, der Öffentlichkeit weiszumachen, dass solche Unterschiede nicht existierten, und zwar weder in Bezug auf die Kultur, die ethischen Vorstellungen noch in anderer Hinsicht.

"Dabei müssen wir doch gar nicht gleich sein; wir haben unsere eigene Kultur, unsere eigenen, historisch gewachsenen religiösen Vorstellungen, die wir behalten müssen — immer. Also selbst dann, wenn wir der Europäischen Union beitreten sollten, oder eben auch nicht."

Frauen an der Spitze der Reformbewegung

Doch die Initiative zum Wandel geht nicht allein vom Westen aus, sondern kommt auch aus der Mitte der türkischen Gesellschaft und wird vor allem von Frauen getragen.

Sunnu Kepoglu spricht mit den Bewohnern eines von 25 Dörfern, für die sie zuständig ist und in denen insgesamt 30.000 Einwohner leben. Alle gehören sie zu ihrem Klan. In der Türkei nimmt sie eine Sonderstellung ein, ist sie doch die einzige Klanführerin.

Den Klanführern gehört ein Großteil des Landes in der Gegend und sie dominieren das ländliche Leben wie schon vor Jahrhunderten. Die Struktur des Klans wird als Hauptgrund angesehen für die Beharrlichkeit, mit der am Status quo festgehalten wird.

Doch Kepoglu, die früher selbst gegen allerlei Vorurteile zu kämpfen hatte, benutzt ihren Einfluss heute dazu, die alte Tradition der Polygamie zu bekämpfen.

Bedeutung der Bildung

"Im Grunde ist alles eine Frage der Bildung. Die Rolle der Frau hängt von ihrem Bildungsstand ab. Wenn die Frauen sich wirtschaftlich stark fühlen und wenn sie Selbstbewusstsein entwickeln, können sie ihre Situation verbessern. Es sind nicht nur die Männer, die sie daran hindern, sondern zum Teil auch sie selbst.

"Ich kämpfe verbissen darum, dass Mädchen in die Schule geschickt werden. Ich investiere all mein Geld in den Bau und die Instandsetzung von Schulen und dringe darauf, dass auch die Mädchen Unterricht bekommen. Selbst wenn es nur eine Zeitung oder ein Buch ist, das die Frau zu lesen lernt, wird es ihren Horizont erweitern."

Im Südosten der Türkei, an der Grenze zwischen der westlichen und der arabischen Welt, scheint Brüssel Lichtjahre entfernt. Aber gerade hier wären die möglichen positiven Effekte eines türkischen EU-Beitritts am spürbarsten — insbesondere für Frauen.

Denn wenn es Ankara gelingt, seinen europäischen Traum zu verwirklichen, muss es darauf vorbereitet sein, dass jahrhundertealte Traditionen in Frage gestellt werden; Traditionen, die die Frauen diskriminierten — früher und noch heute.

Dorian Jones

Aus dem Englischen von Daniel Kiecol

© Deutsche Welle/DW-WORLD.DE 2005

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