Politischer Umbruch in Ägypten

Lasst uns feiern!

Wie das Unvorstellbare geschah: Der ägyptische Schriftsteller Chalid al-Chamissi hat die Geschehnisse auf dem Tahrir-Platz seit Anfang Februar verfolgt. Er sah Monsterhorden der Vergangenheit aufziehen und die Identität eines glücklichen Landes.

​​ Szene 1: Das Ende

Mittwoch, 2. Februar 2011: Es war eine Szene wie aus der Mythologie. Einem Kriegerepos hätte sie entstammen können oder einem Horrorfilm, wo Zeit und Raum verschwimmen. Sie stiegen, nein - sie fielen heraus aus längst vergangenen Jahrhunderten. Aus einer Zeit, lange bevor das menschliche Gewissen sich formte.

Auf den Tahrir-Platz mitten in Kairo stürzten sie herab, Abkömmlinge uralter Menschengeschlechter. Auf gewaltige Kamele waren sie gestiegen und auf Pferde, die wie durstige Bestien orientierungslos durcheinanderstürmten. Sie hielten lange Messer in den Händen, solche mit scharfen Klingen wie chirurgische Instrumente zum Amputieren menschlicher Gliedmaßen. Hässliche, missgestaltete Monster wogten um die Tiere herum, bestialische Schreie auf den Lippen und in den Händen Schlagstöcke, riesengroß und vorne angespitzt.

Was war der Grund, weshalb sie aus der Hölle aufgestiegen waren? Befehle ihrer Herren waren es, der großen und mächtigen Herrscher, die ihnen befohlen hatten, Jagd auf Jugendliche zu machen, welche für die Freiheit sangen.

Ein kleiner Junge, der auf dem Tahrir-Platz gerade zur Gitarre Liebeslieder anstimmte, sah sie als Erster kommen. "Der Platz wird angegriffen!", schrie er, noch halb im Liebestaumel. So kam es zu der unglaublichen Konfrontation mit den Bestien des Mittelalters, den Dienern eines Systems, das mit der Mentalität von Gangstern und Räubern seit dreißig Jahren die Reichtümer Ägyptens systematisch ausgeplündert hatte.

Verletzter liegt auf dem Boden des Tahrir-Platzes; Foto: dpa
Verletzte nach den gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und bewaffneten Anhängern Mubaraks: Eine "unglaubliche Konfrontation mit den Bestien des Mittelalters", schildert al-Chamissi.

​​ In diesem historischen Moment musste das System alle Kopfschleier und Masken fallen lassen und zeigte sein hässliches, sein wahres Gesicht, das wir nur zu gut kennen. Es ist das Gesicht der mongolischen Reiterhorden, die Bagdad überrannten und als Allererstes die großartige Bibliothek von Bagdad zerstörten. Es ist gleichermaßen das Gesicht amerikanischer Soldatenhorden, die nach dem Angriff auf Bagdad nichts Eiligeres zu tun hatten, als sogleich das dortige Museum auszurauben.

Um zu beweisen, dass sie ihren Vorbildern in nichts nachstanden, warfen die Schlägertruppen Molotowcocktails auf das ägyptische Museum und in dessen Garten, der voll stand mit den archäologischen Schätzen unserer Vorfahren. Doch nicht nur das: Sie schleuderten sie auch in die Menge unschuldiger Menschen, in ein Volk, das im Herzen die Unschuld der Revolution trug und eine Menge guter Träume von einer besseren Zukunft.

Diese Aufständischen fanden sich nun konfrontiert mit einer anderen Zeit. Einer Zeit der Finsternis und Dunkelheit. Zum Erstaunen aller hielten sie stand. In einem einzigen Augenblick verwandelten sie sich in eine Flammenmauer, die den Monstern den Zutritt zum Platz versperrte. Das einundzwanzigste Jahrhundert hatte das zwanzigste Jahrhundert vor Christi Geburt besiegt. Wissenschaft, Intelligenz, Technologie und Schönheit hatten gesiegt über die hässlichen Fratzen der Rückständigkeit und Dummheit.

Jene finsteren Söldner fielen, einer nach dem anderen, trotz der Tausenden von Molotowcocktails, die sie besaßen, trotz der silbermetallisch weiß blitzenden Waffen, die sie in ihren Händen trugen und mit denen sie auf eine Jugend losgingen, die Lauten und Gitarren in den Händen hielt und Handys, die sie über das Internet miteinander verbanden.

Doch es war ganz ohne Zweifel ein Sieg mit blutigem Nachgeschmack. Sally Zahran, ein Mädchen von Anfang Zwanzig, war im Kairoer Stadtzentrum unterwegs zum Tahrir-Platz, um für ihre Zukunft zu demonstrieren. Sie träumte von einem neuen ägyptischen Filmschaffen. Sie arbeitete als Schauspielerin und entwarf als Modeschöpferin Kostüme für die Filme von Studenten der Filmakademie.

Demonstranten zeigen Mubarak den Schuh; Foto: dapd
"Einer der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz hielt ein handgeschriebenes Plakat in die Höhe, darauf stand: 'An meine Mutter. Sei nicht traurig, wenn ich sterbe. Es ist, damit die anderen leben'", schreibt al-Chamissi.

​​Sally hatte ein bezauberndes Lächeln. Ich sehe in diesem Moment ihr Lächeln vor mir, weil ich ihr Foto als Hintergrundbild auf meinen Desktop geladen habe. Plötzlich tauchte vor Sally ein Monster auf mit einer Keule in der Hand. Sie lächelte es an. Sie schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, denn in ihrer Unschuld war sie davon überzeugt, dass damit die Sache erledigt sei und das Monster ihr Lächeln erwidern müsste. Doch sie wusste nicht, dass es aus einer anderen Zeit kam. Dass es an einem Ort zu Hause war, der nicht auf dieser Erde existiert, sondern tief darunter im Erdinneren liegt. Dass es sein Leben ohne jedes Lächeln zugebracht hatte und sich von Würmern des Asphalts ernähren musste.

Das Monster hob seine Keule und ließ sie mit aller Gewalt auf ihren Kopf niedersausen. Sie stürzte zu Boden. Das Monster stieß einen Triumphschrei aus und begab sich auf die Suche nach neuen Opfern.

Die Monsterhorde begnügte sich nicht mit Sallys Tod. Sie fielen über jeden her, den sie zu fassen bekamen. Dutzende von Toten, Tausende Verletzte waren die Folge. Alle waren im Gesicht verletzt. Offenkundig lauteten die Befehle, die die Monster von ihren Herren erhalten hatten, so: "Entstellt ihre Gesichter und skalpiert sie!" Einer der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz hielt ein handgeschriebenes Plakat in die Höhe, darauf stand: "An meine Mutter. Sei nicht traurig, wenn ich sterbe. Es ist, damit die anderen leben."

Zur selben Zeit versteckte sich ein Heckenschütze in einem Hinterhalt. Ein junger Mann kam in sein Schussfeld, fünfundzwanzig Jahre alt. Er lief mit ausgebreiteten Armen auf seinen Freund zu, wie ein Vogel seine Flügel schlägt, bevor er abfliegt. Sein Freund lief ihm entgegen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Er klopfte ihm auf die Schulter, und jener begann zu hüpfen, als flöge seine Seele wie ein Vogel auf.

Hunderttausende Demonstranten auf dem Tahrir-Platz; Foto: dpa
In den letzten Tagen vor Mubaraks Rücktritt demonstrierten mehrere hunderttausend Menschen vor dem Präsidentenpalast und vor dem Gebäude des ägyptischen Staatsfernsehens.

​​In diesem Augenblick schoss ihm der Heckenschütze in die Brust. Der Schuss ertönte, und die Flügel dieses schönen Vogels sanken in sich zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde erzitterte er, dann stürzte er in seinem Blut zu Boden und starb. Er starb am Tag seiner Geburt. An diesem Tag erhob sich eine Pyramide unschuldig Getöteter über einen Schlachthof, besudelt vom Blut der edelsten und reinsten Söhne dieses Volks.

Szene 2: Die Freude

Freitag, 11. Februar 2011: Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass die Oberfläche des Nils tanzt? Dass der Nil tanzt von den Freudenschreien seines Volks, da sie den Sturz ihres Diktators feiern? Ja, so ist es. Die Wellen des Nils bewegen sich aufreizend wie in einem Freudentanz, so glücklich sind sie, dass dieser Albtraum, der seit dreißig Jahren auf uns gelastet hat und uns die Luft zum Atmen nahm, endlich vorüber ist.

Millionen von Menschen rufen aus vollem Hals: "Irfa rasak, anta misri! - Erhebe dein Haupt, du bist Ägypter!" Hüpfend und springend rufen wir es immer wieder und zeigen dabei mit den Fingern aufeinander, wenn die Worte "du bist Ägypter" kommen. Endlich sind wir stolz, Ägypter zu sein. So viele Jahre waren die Ägypter immer auf der Flucht gewesen. So viele schon haben dem Land, das nicht einmal die geringsten Bürgerrechte anerkannte, fluchtartig den Rücken gekehrt.

Plötzlich kommt mir mitten unter den Millionen ein alter Freund entgegen. Vor vielen Jahren haben wir gemeinsam vom Umsturz geträumt. Instinktiv springen wir beide in die Luft, um uns in die Arme zu schließen. Wir können unsere Tränen nicht zurückhalten. Sie fließen in Strömen, vielleicht um mit den tanzenden Nilwellen zu flirten.

Jubelnde Demonstrantin in Kairo; Foto: AP
"Millionen von Menschen rufen aus vollem Hals: 'Irfa rasak, anta misri! - Erhebe dein Haupt, du bist Ägypter!'"

​​Als unsere Füße wieder auf dem Boden aufkommen, schreit er mit einer Stimme, die vom vielen Rufen schon heiser ist, mir mitten ins Gesicht: "Unsere Kinder! Unsere Kinder werden eine Heimat haben! Endlich haben wir das verlorene Ägypten wiedergefunden!" Dann weint er noch viel heftiger.

Die Menge schiebt uns weiter, auch meine ganze Familie ist dabei. Unsere Füße berühren kaum noch den Erdboden, und wir beginnen alle zusammen zu rufen: "Freiheit! Zivilisation!" Ich denke bei mir: "Die Ziele des Aufstands sind klar. Doch der Weg ist noch so weit." Dann aber rufe ich mich entschlossen zur Ordnung und verbiete mir weitere Gedanken. In diesem Moment muss gefeiert werden, sonst nichts.

Mit einem Mal stehen wir mitten in einer Gruppe Jugendlicher, die rufen: "Wir werden heiraten! Wir werden heiraten!" Es nähert sich mir ein Mann um die Fünfzig, den ich nicht kenne. Er wendet mir sein Gesicht zu und sagt ernst: "Ich verspreche Ihnen, dass ich ab dem heutigen Tag niemandem mehr Bestechungsgelder zahlen werde." Ein anderer sagt: "Ich schwöre bei Gott, dass ich ab diesem Moment und für mein ganzes restliches Leben nie wieder ein Mädchen oder eine Frau belästigen werde." Um uns herum zwitschern fröhliche Lieder, Lieder von Shadiya und Munir und Sayyid Darwisch und und und...

Ich möchte wissen, ob wir das einzige Volk sind, das singt, wenn es Revolution macht? Sind wir das einzige Volk, das singt, wenn es seinen Sieg feiert? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass alle, die hier und anderswo versammelt sind, singen und tanzen. Auch ich singe und schreie, bis meine Stimme versagt.

Dann erklingt eine Stimme über das Megafon und verkündet, dass wir uns morgen wieder treffen sollen, um die Straßen und den Platz zu reinigen. Meine Söhne sind begeistert: "Gleich morgen früh fangen wir an und putzen unsere Stadt!" Was für ein Geist, welche Zivilisation lebt in diesen Menschen, ohne dass wir etwas davon wussten. Wir sind ganz ohne Zweifel ein großartiges Volk.

​​Wir schieben uns weiter in Richtung einer Gruppe, die den Freudenruf des Abends anstimmt: "Asch-schaab chalas asqat an-nisam! - Wir haben es geschafft! Das Volk hat das Regime gestürzt!" Jetzt kommt ein Jugendlicher auf mich zu und erzählt mir den ersten Witz über die Revolution: "Nach dem Freitag des Siegs in Tunesien und dem Freitag der Entscheidung in Ägypten haben die verbliebenen arabischen Herrscher beschlossen, den Freitag abzuschaffen und eine Sechstagewoche einzuführen."

Während wir darüber lachen, sind wir in die Nähe einer fahrenden Imbissbude geschoben worden. Ich nehme den Fahrer des Imbissbudenautos in den Arm. Er lacht mich an, dabei glänzt der einzige Zahn, der noch in seinem Mund steht. Dann wischt er sich die Hand an seiner Galabija ab und schenkt mir ein rotes Bonbon, das süß auf meiner Zunge zergeht. Dieser Imbisswagenfahrer hat mir das Gefühl geschenkt, ein Ägypter zu sein.

Chalid al-Chamissi

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2011

Aus dem Arabischen von Claudia Ott

Chalid al-Chamissi: "Im Taxi. Unterwegs in Kairo". Aus dem Arabischen von Kristina Bergmann. Lenos-Verlag, 190 Seiten, 19,90 Euro

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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