Dennoch bleibt festzuhalten: Das Spannungsverhältnis zwischen den universellen Werten der Demokratie und der Eigenart der arabischen Kultur dominieren den zeitgenössischen arabischen Demokratiediskurs in besonderem Maße.

Demokratie – ein universeller Wert an sich?

In "Texte zum arabischen Modernisierungsprojekt" (Zentrum für Studien der arabischen Einheit/ Centre for Arab Unity Studies) aus dem Jahr 2016 reflektiert der panarabische Vordenker Ziad Hafez diese Spannungen: "Wer sagt, dass Demokratie ein universeller Wert an sich ist? Weshalb sollten wir die Bedingungen der Moderne westlicher Prägung akzeptieren? Weshalb sollen wir akzeptieren, dass die westlichen Werte und Prinzipien besser sind als die unseren?"

Hafez plädiert schließlich dafür, den Demokratiebegriff grundsätzlich zu hinterfragen und ein arabisches Regierungssystem zu entwerfen, welches den Realitäten und dem kulturellen Erbe der arabischen Länder Rechnung trägt. Zudem müsse ein arabisches Wertesystem geschaffen werden, das auf den Werten und Prinzipien des arabischen Kulturerbes beruhe, dem dann das westliche System untergeordnet sei.

Slum in Ramlet Bulaq, Kairo; Foto: Reuters
Neben dem Konflikt zwischen Demokratie und Freiheit ist auch das Verhältnis von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit schwierig, und wiegt unter Umständen noch schwerer: Denn es geht darum zu prüfen, ob Demokratie wirklich zu Chancengerechtigkeit führt. Und ob der Gleichheitsanspruch, den sie propagiert, eine gerechte Aufteilung der öffentlichen Güter mit sich bringt.

In einem Aufsatz der wichtigsten arabischen Fachzeitschrift "Die arabische Zukunft" vom Oktober 2016 schreibt Saeed al-Mallah, dass die Existenz einer globalen Kultur eine westliche Erfindung sei, die im Gegensatz zu den spezifischen Besonderheiten der Völker stehe. Die enge Bindung der Demokratie an das westliche Wertesystem müsse aufgehoben werden, denn Säkularismus, Rationalismus und Individualität seien nicht für alle Menschen gleichermaßen wertvoll.

Demokratie als Instrument zur Verhinderung von Monopolen

Seiner Ansicht nach müsse die Demokratie nicht zwangsläufig an den Liberalismus gebunden sein, sie könne vielmehr schlicht als Werkzeug zur Regelung von Machtübergängen genutzt werden, ohne dabei den Anspruch zu erheben, Gesellschaften verändern zu wollen. So werde sie zum Instrument der Machtverteilung, das Monopolbildung verhindern soll. Auf diese Art könne sich jedes Volk ein demokratisches Instrument ableiten, das sich nach seiner spezifischen Geschichte und kulturellen Tradition richtet.

Zweifelsohne werden mit solchen Schlussfolgerungen allerdings die Errungenschaften moderner Demokratien außen vor gelassen. Doch gerade diese machten erst den Übergang von Person zu Individuum und dann zum Bürger möglich, so der algerische Reformdenker Mohammed Arkoun. Einem Bürger, der durch einen sozialen und rechtlichen Vertrag mit dem modernen Staat verbunden ist. Man sollte auch nicht vergessen, dass es die Moderne war, welche die Sklaverei abgeschafft und die Staatsbürgerschaft etabliert hat.

So sehr wir auch versuchen, auf die wertvollen Errungenschaften unseres Kulturerbes aufzubauen, so ist es doch falsch anzunehmen, dass die modernen Ideen des demokratischen Verfassungsstaats in diesem kulturellen Erbe starken Rückhalt finden werden.

Angesichts all dieser Unklarheiten und Fragestellungen, die den aktuellen arabischen Demokratiediskurs so undurchsichtig gestalten, ist es meiner Meinung nach notwendig, alle Überlegungen zugunsten einer umfassenden Kritik zurückzustellen – einer tiefgreifenden Kritik, die bis zu den Wurzeln dringt und eine neue, bejahende Haltung zur Demokratie hervorbringt. Vielleich liegt darin ein Weg für die arabischen Gesellschaften, aus dem anhaltenden Teufelskreis der Gewalt auszubrechen.

Karam Hilo

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Antonia Brouwers.

Karam Hilo ist ein bekannter libanesischer Schriftsteller und Publizist.

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