Politische Verschwörungstheorien in der Türkei

Wir gegen den Rest der Welt

Vor dem Hintergrund zunehmender innen- und außenpolitischer Konflikte nehmen Fremdenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien in der Türkei zu. Zu diesem Schluss kommen Experten einer aktuellen Studie der US-amerikanischen "Pew Research Foundation". Die Ergebnisse der Studie deuten sogar noch auf eine weitaus tiefergehende Angst vor dem Westen hin. Von Dorian Jones

Eine alte türkische Redensart besagt, dass "der einzige Freund eines Türken ein Türke" ist. Dieser Satz scheint sich aktuell zu bestätigen, wie es die überraschenden Resultate einer jüngst veröffentlichten Untersuchung der "Pew Research Foundation" zu belegen scheinen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Türken anderen Nationen gegenüber ablehnend eingestellt ist. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen (Israel und die USA), sagten zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten aus, dass sie Vorbehalte auch gegen den Iran, Russland, Saudi-Arabien und sogar Brasilien haben.

"Dies erklärt zum Teil die gegenwärtig große Welle von Fremdenfeindlichkeit in der Türkei, die scheinbar niemanden ausspart", glaubt Cengiz Aktar, Professor für Internationale Beziehungen an der Istanbuler Suleyman Şah Universität, dem man seinen Überdruss anmerkt. "Juden, Christen, Araber, Perser – eigentlich jeder, der kein Türke ist, wird als Fremder angesehen, wenn nicht sogar als Feind."

Neue außenpolitische Eiszeit

Die Ergebnisse der "Pew Research Foundation" verzeichnen zudem eine besorgniserregende Zunahme dieser Zahlen im Vergleich zum Vorjahr. Damit korrespondieren die Ergebnisse mit einer gewachsenen außenpolitischen Isolation der Türkei im internationalen Maßstab. Wegen der Unterstützung der syrischen Rebellen gibt es so gut wie keine diplomatischen Kontakte zu den südlichen Nachbarn Syrien, Irak und Iran. Unterschiedliche Vorstellungen zur Strategie im syrischen Bürgerkrieg und im Kampf gegen den Islamischen Staat haben außerdem das Verhältnis zu vielen ihrer westlichen Partner belastet, allen voran zur USA. Die Beziehungen zu Ägypten und Israel liegen ebenfalls auf Eis.

Angesichts der zunehmenden Kritik aus dem In- und Ausland begann die türkische Regierung damit, die Isolation des Landes ihren Anhängern gar als positive Entwicklung zu verkaufen. Oder wie es Professor Aktar ausdrückt: "Die Regierung verstärkte noch dieses Isolationsgefühl und hatte damit erstaunlicherweise Erfolg."

Der Außenpolitik-Experte und hochrangige Berater Erdogans, Ibrahim Kalin, prägte dafür auch den Begriff "wertvolle Einsamkeit", was bedeutet, dass die Türkei trotz ihrer Isolation moralisch das Recht auf ihrer Seite habe. Damit soll dieser Entwicklung, die viele Beobachter als diplomatisches Desaster ansehen, noch eine positive Wendung abgewonnen werden.

T. E. Lawrence; Foto: picture-alliance/dpa
Lawrence ist überall: "Es gibt viele neue Ausgaben dieses Lawrence, verkleidet als Journalisten, Religionsgelehrte, Autoren und Terroristen", wetterte jüngst der türkische Präsident Erdogan.

Überall lauert Lawrence von Arabien

Präsident Erdogan ging sogar noch einen Schritt weiter, als er ein altbekanntes Feindbild der Türken wieder aufleben ließ – und zwar den britischen Armeeoffizier T.E. Lawrence, der während des Ersten Weltkriegs eine arabische Revolte gegen das Osmanische Reich angeführt hatte. "Lawrence war ein englischer Spion, verkleidet als Araber", sagte Erdogan im vergangenen Oktober in einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede in einer Istanbuler Universität. "Es gibt viele neue Ausgaben dieses Lawrence, verkleidet als Journalisten, Religionsgelehrte, Autoren und Terroristen … Jeder Konflikt in dieser Region war bereits vor einem Jahrhundert angelegt."

Das historische Vermächtnis des Lawrence von Arabien, unsterblich gemacht in einem Hollywoodfilm von 1962, lebt bis heute weiter – wenn man sieht, dass britische Spione von den Türken und ihrer Regierung für viele Missstände im eigenen Land verantwortlich gemacht werden. Bis heute populär ist etwa die Redensart, nach der "unter jedem Stein ein englischer Spion" zu finden sei. Semih Idiz, politischer Kolumnist der Tageszeitung "Taraf", meint, dass der Erste Weltkrieg und der Untergang des Osmanischen Reiches noch immer wesentlich für das Verständnis der türkischen Psyche seien.

"Wir müssen bis zum Ersten Weltkrieg zurückgehen, als die Wahrnehmung eine solche war, dass jeder darauf erpicht war, das Osmanische Reich zu zerstören und die Türken loszuwerden. Es waren vor allem die Staaten des Westens, aber auch die Araber, die ja mit dem Westen zusammengearbeitet hatten", so Semih Idiz. "Die Angst vor den Fremden hat also einen komplexen historischen, psychologischen und sozialen Hintergrund. Die jüngsten Untersuchungsergebnisse zeigen, dass es damit nicht besser wird, sondern schlimmer."

Im Verlauf des letzten Jahrhunderts wurde den türkischen Kindern beigebracht, dass die Türkei von einem Meer von Feinden umgeben sei. Dieselben Lektionen erklärten auch den Untergang der imperialen Vergangenheit als Resultat von Intrigen durch die undankbaren und nicht vertrauenswürdigen armenischen und griechischen Minderheiten, aufgestachelt von russischen und englischen Spionen, so eine gängige Verschwörungstheorie, die sich bis heute hält. Der Politologe Nuray Mert von der Universität von Istanbul behauptet, dass die Verdächtigungen gegenüber dem Westen sogar noch aus einer Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammten.

Eine Türkin vor einem Plakat, das das Gesicht Erdogans zeigt; Foto: OZAN KOSE/AFP/Getty Images
Wachsende Entfremdung vom Rest der Welt: "Wir befinden uns bereits fest im Griff eines tief verankerten Autoritarismus, der eine große Gefahr für die Türkei darstellt“, warnt Professorin Nuray Mert von der Universität Istanbul.

"Islamisten und rechtsgerichtete Kräfte neigen zu diesen Verschwörungstheorien und haben Angst vor dem Westen", so Mert. "Alles wird von ihnen durch diesen Filter wahrgenommen. Wenn sie versagen, geschieht dies nicht etwa aufgrund ihrer eigenen Fehler, sondern wegen der Feindschaft oder Feindseligkeit fremder Mächte. Dabei berufen sie sich auf Verschwörungstheorien, die besagen, dass sich die ganze Welt gegen die Türkei richtet und dass die gesamte westliche Staatengemeinschaft gegen die Muslime eingestellt ist – und dies bereits seit der Zeit der Kreuzzüge."

Belagerungsmentalität

Dass verlogene Fremde darauf aus seien, ehrwürdige und vertrauensvolle Türken austricksen zu wollen, ist zu einem gebräuchlichen Narrativ der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) geworden sowie für ihre Unterstützer aus dem Kreis der regierungsnahen Medien. Die regierungskritischen Proteste vom Sommer 2013, die ihr Zentrum im Istanbuler Gezi-Park hatten, sorgten dafür, dass selbst die deutsche Lufthansa ins Visier der Verschwörungstheoretiker geriet. So sollen die Proteste Ergebnis einer großangelegten Verschwörung gewesen sein, mit der die deutsche Fluggesellschaft die Konkurrenz durch die Turkish Airlines ausschalten wollte, so das bizarre Argument des Kolumnisten Yigit Bulut, der heute ein ranghoher Berater des Präsidenten ist. Damit gesellt sich nun auch Berlin zu Washington und London als "Hort der Verschwörung gegen die Türkei".

"Niemand im Westen glaubt, dass es eine internationale Verschwörung gibt, um die türkische Regierung zu stürzen", warnt Kadri Gürsel, politischer Kolumnist der Tageszeitung "Milliyet". "Das zerstört Erdogans Ruf, seine Hinterlassenschaft, auch sein internationales Image – all dies scheint ihm wohl nicht klar zu sein. Vielleicht kann er damit zwar einen Teil seiner Wählerschaft überzeugen, aber nicht die restliche Welt."

Doch betrachtet man seine immer provokanteren Ausbrüche, scheint es, als sei Erdogan sein Image bei seinen westlichen Verbündeten inzwischen recht egal. Auf einer internationalen Konferenz für Frauenrechte erklärte er jüngst, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gegen die Natur sei. Weiteres Öl goss er ins Feuer, als er behauptete, dass Feministinnen gegen die Mutterschaft eingestellt seien. Diese Äußerungen sorgten für viel Kritik aus dem Ausland.

Die Tatsache, dass sich zahlreiche Anhänger des Präsidenten noch immer mit ihm identifizieren und so auch die Kritik an ihm als gegen sich selbst gerichtet ansehen, wird aller Voraussicht nach zu der allgemeinen Belagerungsmentalität beitragen, die gegenwärtig in der Türkei zu beobachten ist.

Die wachsende Entfremdung des Landes von der restlichen Welt, die sich in weiten Teilen der türkischen Gesellschaft bemerkbar macht, bringt das Land auf einen gefährlichen Weg, warnt Professorin Nuray Mert von der Universität Istanbul: "Wir befinden uns bereits fest im Griff eines tief verankerten Autoritarismus. Diese Mentalität und die vielen fremdenfeindlichen Verschwörungstheorien, diese Art der ungesunden Nabelschau, können nur zu einer Verstärkung des Autoritarismus führen, was eine große Gefahr für die Türkei darstellt."

Dorian Jones

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

© Qantara.de 2014

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Leserkommentare zum Artikel: Wir gegen den Rest der Welt

Am Ende ist der Westen wahrscheinlich auch schuld, dass Erdogan sich als Diktator entpuppt. Kein Türke wird am Ende behaupten können die Warnzeichen nicht gehört oder gesehen zu haben, denn es gab bisher genug Zeichen dafür, dass Herr Erdogan kein integrer Mensch ist.

Nach dem auseinanderfallen des osmanischen Reichs und dem verlorenen 1. WK kommt jetzt der dritte große Fall. Und der darauf folgende Fall wird auch nicht lange auf sich warten lassen, da man ja die eigenen Fehler nicht erkennt und immer nur den anderen die Schuld in die Schuhe schiebt.

Zara Fein01.04.2015 | 15:43 Uhr