Palästinensische Journalisten im Nahostkonflikt

Gezielte Schüsse oder ein Versehen?

Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geraten die Berichterstatter ebenfalls ins Visier der Parteien. Palästinensische Journalisten stehen unter zunehmendem Druck – auch seitens der Autonomiebehörde. Von Joseph Croitoru

Die Lage palästinensischer Journalisten ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Ein extremes Beispiel dafür sind die jüngsten Vorfälle im Gazastreifen, bei denen durch Schüsse israelischer Scharfschützen ein palästinensischer Fotoreporter tödlich verwundet und ein halbes Dutzend seiner Kollegen verletzt wurden. Sie berichteten über den "Großen Marsch der Rückkehr", der unter der Ägide der dort regierenden Hamas veranstaltet wird.

Der ums Leben gekommene Reporter Jasser Murtaja, der eine Weste mit der Aufschrift "Presse" trug, hatte laut Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman mit einer Drohne gearbeitet und galt deshalb als Sicherheitsrisiko. Diese Version wurde vom Militär nicht bestätigt. Dessen Überprüfung ergab vielmehr, dass an der betreffenden Stelle keine Drohne zum Einsatz kam – zumindest keine, die israelische Soldaten in irgendeiner Form hätte gefährden können.

Die Kamera als Waffe

Der Fall Murtaja wurde sogleich im Gazastreifen wie auch von Palästinensern im Westjordanland auf allen möglichen Kanälen politisch ausgeschlachtet. Als "Märtyrer der Wahrheit" wird der getötete Fotograf auch auf einem Poster verehrt, wo er ein großes, nach oben gerichtetes Teleobjektiv hält, das einen Schatten in Form einer Panzerfaust wirft. Präsentiert wurde das Poster auch von palästinensischen Kollegen, die in Nablus mit einer Protestaktion des Getöteten gedachten.

Darstellungen wie diese spielen den israelischen Sicherheitskreisen in die Hände. Israels rechtsgerichtete Medien zitieren sie mit der Behauptung, Murtaja sei seit längerem Offizier in einem der Sicherheitsdienste der Hamas und habe schon 2015 versucht, eine Drohne in den Gazastreifen zu schmuggeln, die zur militärischen Aufklärung eingesetzt werden sollte.

Diese Darstellung wird in Israel allerdings von linker Seite angezweifelt. So wies die Zeitung "Haaretz" darauf hin, dass Murtajas Produktionsfirma Ain-Media kürzlich von der amerikanischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) finanzielle Unterstützung erhalten habe. Bei deren strengen Vergabekriterien könne davon ausgegangen werden, dass Ain-Media mit der Hamas in keinerlei Verbindung stehe.

Palästinenserproteste bei Chan Junis; Foto: dpa/picture-alliance
Zwischen die Fronten geraten: Der 30-jährige Jasser Murtaja war von Schüssen getroffen worden, während er östlich von Chan Junis Fotos der Palästinenserproteste machte. Die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen (RSF) hat der israelischen Armee einen gezielten Beschuss von Journalisten vorgeworfen. Der Fotograf sei durch eine Weste mit der Aufschrift "Presse" klar als Journalist zu erkennen gewesen, erklärte RSF-Generalsekretär Christophe Deloire.

Dass sie aber auch auf Drohnenaufnahmen spezialisiert ist, entnimmt man Murtajas Twitter- und Facebook-Seiten, auf denen er mit entsprechenden Bildern für sich und die Firma bis zuletzt warb. Am 29. März postete er beispielsweise ein Foto vom Zeltlager der Demonstranten aus der Vogelperspektive mit der Bildunterschrift: "Die Drohnen von Ain-Media jubeln im Himmel über den Zelten".

Aber rechtfertigt ein solcher schon fast an Propaganda grenzender, nationalistisch engagierter Fotojournalismus die Vorgehensweise der israelischen Armee? Aus der Sicht israelischer Journalistenorganisationen keineswegs. Ihre lauten Proteste gegen die von ihnen in Zweifel gezogene Erklärung der Armee, man habe zu keinem Zeitpunkt palästinensische Journalisten gezielt anvisiert, haben bewirkt, dass die Militärführung nun eine Untersuchung der betreffenden Fälle angekündigt hat.

Regelmäßige Behinderungen

Beim Thema Medien stehen die israelischen Sicherheitskräfte im palästinensischen Kontext schon länger in der Kritik. Im März sorgte ein Fall für Aufsehen, bei dem gemäß palästinensischen Angaben israelische Geheimdienstler, die sich auf dem Campus der Universität Bir Zeit als Journalisten ausgaben, den Vorsitzenden der Studentenschaft Omar al-Qaswani – er führt die dort tonangebende Hamas-nahe Liste "Islamischer Block" an – entführten.

Dass sich ihre Agenten auf diese Weise getarnt hätten, wurde von der israelischen Grenzschutzbehörde dementiert – allerdings erst, nachdem es Proteste von israelischer wie palästinensischer Seite gehagelt hatte.

Für palästinensische Medienleute ist der Vorfall wenig überraschend, klagen sie doch regelmäßig über die Behinderung ihrer Arbeit durch israelischen Soldaten. Das in Ramallah ansässige palästinensische Informationsministerium pflegt zwar solche Fälle auf seiner Website monatlich zu dokumentieren. Ein vollständiges Bild von dem politischen Druck und den Repressalien, denen palästinensische Journalisten ausgesetzt sind, wird hier aber nicht geliefert.

Dass sie auch auf das Konto der Sicherheitsorgane der palästinensischen Autonomiebehörde gehen, kann den ebenfalls Monat für Monat erscheinenden Berichten der NGO "Palästinensisches Zentrum für Entwicklung und Medienfreiheit" (MADA-Center) aus Ramallah entnommen werden. Freilich ist ihre Zahl tendenziell deutlich geringer als die, für die MADA die Israeli verantwortlich macht.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2018

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