Offensive gegen IS-Hochburg Mossul

Die Kindersoldaten des "Islamischen Staates"

Im Kampf um die irakische Stadt Mossul stehen die Dschihadisten des "Islamischen Staates" militärisch mit dem Rücken zur Wand. Die Terrormiliz setzt daher zunehmend auch Kinder und Jugendliche als Selbstmordattentäter ein. Aus Erbil informiert Judit Neurink.

Seine Angst ist fast mit den Händen zu greifen. Der 15-jährige Junge, der mit einem Sprengstoffgürtel bei einer schiitischen Moschee in der irakischen Stadt Kirkuk verhaftet worden ist, schluchzt still, während zwei Polizisten seine Arme weit auseinander halten, um ihn daran zu hindern, den Sprengstoff zu zünden.

Im vergangenen August hatte die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) den Jungen nach Kirkuk geschickt, ebenso wie einen anderen Jungen gleichen Alters. Der hatte es wenige Minuten zuvor geschafft, seinen Sprengstoff in einer anderen schiitischen Moschee zu zünden.

Der IS benutzt in jüngster Zeit verstärkt Kinder als Selbstmordattentäter. Nur Tage, nachdem der Teenager in Kirkuk verhaftet wurde, führten vier Jugendliche in der überwiegend von Schiiten bewohnten Stadt Kerbala einen Angriff durch. Im März zog ein Junge bei einem Fußballspiel im südlichen Irak den Auslöser an seiner Sprengstoffweste.

Angeblich tauchen Jugendliche auch in Propagandamaterial auf, das die Hinrichtung von fünf in Syrien gefangenen Kurden zeigt. Gekleidet in Tarnanzüge, erschießen ein junger Kurde und vier Söhne ausländischer IS-Kämpfer - ein Brite, ein Ägypter, ein Tunesier und ein Usbeke - die Gefangenen mit ihren Pistolen.

Der "Nachwuchs" des Kalifats

Videos, die zeigen, wie der IS Kinder trainiert, sind bereits vor einiger Zeit aufgetaucht. Tausende junger Teenager - Söhne von IS-Kämpfern, irakischer und syrischer Sympathisanten sowie entführte Jungen aus der Religionsgemeinschaft der Jesiden - wurden in den vergangenen beiden Jahren in Trainingslagern der Miliz ausgebildet und zum "Nachwuchs" des Kalifats geformt.

Versuchter Selbstmordanschlag: Jugendlicher wird vor einer Moschee in Kirkuk festgenommen; Foto: picture-alliance/AP/Kurdistan 24 TV News
Minderjährige als wandelnde Bomben: Panik flackert in den Augen des Jungen, als Polizisten ihn im nordirakischen Kirkuk auf der Straße aufgreifen. Er sieht noch jung aus, ist fast noch ein Kind - doch unter seinem T-Shirt sind zwei Kilogramm Sprengstoff eng um die schmalen Hüften gewickelt. Die irakische Polizei konnte durch die Festnahme des Jungen in Kirkuk am 24. August Schlimmeres verhindern. Nur einen Tag zuvor starben bei einem Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsgesellschaft im türkischen Gaziantep 52 Menschen.

Bei seinen Versuchen, Kinder in tödliche Waffen zu verwandeln, setzt der IS vor allem auf eines: auf Angst. So legen es die Aussagen von vier Jungen nahe, die den Lagern entkommen konnten.

Ahmed und Amir Amin (16 und 15 Jahre alt) berichteten, sie hätten drei Monate in einem IS-Trainingskurs verbracht, nachdem sie zuvor aus der Jesiden-Region von Sindschar entführt worden waren. Obwohl seit ihrer Flucht ein Jahr vergangen ist und sie nun mit Verwandten in einem Lager im irakischen Kurdengebiet leben, leiden sie immer noch unter Albträumen.

Zunächst wurden sie angewiesen, den Koran auswendig zu lernen und zu beten. "Wenn du Fehler gemacht hast, schlugen sie dich mit Kabeln", sagt Ahmed. Die Kabel kamen bei sämtlichen Strafen zum Einsatz. Als andere Jungen verrieten, dass er ein Telefon bei sich trug, um seine Familie anzurufen, erhielt er zur Strafe 250 Peitschenhiebe. "Mein Rücken und meine Brust waren offen und geschwollen", berichtet Ahmed.

Auch Adel Jalal (13) verbrachte mit seinem Bruder Asse (11) neun Monate in einer Gruppe entführter Jungen. Die IS-Kämpfer hätten gedroht, sie zu töten, sagt er. Er erinnert sich, wie einige Jungen, die Fehler gemacht hatten, mit nach draußen genommen wurden. "Dann haben wir Schüsse gehört. Wir hatten irrsinnige Angst. Danach haben wir die Jungen nicht mehr gesehen", erzählt Adel Jalal.

Gezielte Gewöhnung an Gewalt

Den Kindern wurde beigebracht, dass Gewalt etwas Normales sei. Jeden Morgen zeigte man ihnen Videos von Enthauptungen und anderen Arten der Hinrichtung. "Als ich diese Videos zum ersten Mal sah, bekam ich totale Angst", sagt Amir.  Ahmed hingegen fragte sich, wie er jemanden töten könnte. "Sie haben gesagt, wir müssen Jesiden und andere Ungläubige auf diese Weise umbringen."

Sie hätten sich schließlich an die Videos gewöhnt, sagen die Jungen. Allerdings, fügt Ahmed hinzu, könne er oft nicht schlafen, weil ihm die Bilder immer noch vor Augen stünden. Für die IS-Kämpfer sei  es normal, Menschen zu töten. "Sie haben uns gesagt: Ihr müsst das lernen, weil wir euch in ein anderes arabisches Land bringen werden, wo ihr Köpfe abschneiden müsst. Sie haben gesagt, als Muslim muss man Ungläubige töten."

Adel Jalal; Foto: DW
In den Fängen des "Islamischen Staates": Adel Jalal (13) verbrachte mit seinem Bruder Asse (11) neun Monate in einer Gruppe entführter Jungen. Die IS-Kämpfer hätten gedroht, sie zu töten, berichtet er. Er erinnert sich, wie einige Jungen, die Fehler gemacht hatten, mit nach draußen genommen wurden. "Dann haben wir Schüsse gehört. Wir hatten irrsinnige Angst. Danach haben wir die Jungen nicht mehr gesehen", so Adel Jalal.

Ayad Ajaj leitet in der kurdischen Stadt Dohuk die Nichtregierungsorganisation Mithra, die Jesiden unterstützt. Die Videos, sagt er, seien nur die erste Phase des Gewalttrainings. Er habe mit 16 jesidischen Jungen gesprochen, die aus den Trainingslagern geflüchtet waren. Sie berichteten, man habe ihnen nach den Videos eine Puppe gegeben, um an ihr Enthauptungen zu üben. Ein Bild von einer solchen Puppe in einem orangefarbenen Overall hat ein besorgter Vater vor einem Jahr im Internet veröffentlicht.

Im Gespräch bestätigen die vier Jungen diese Praxis allerdings nicht. Auch nicht die nächste Phase. Ajaj illustriert sie anhand eines Bildes: eine Gruppe von Jungen, von denen einer einen abgetrennten Kopf an den Haaren hält. "Mindestens fünf Jungen haben mir erzählt, dass sie zusehen mussten, wie ein Mensch vor ihren Augen enthauptet wird."

Das Versprechen vom Paradies

Allen Jungen wurde auch gezeigt, wie sie eine Bombenweste tragen. Der Sprengstoff war in weißes Tuch genäht, das sie um die Taille banden. "Sie haben uns erklärt, wie man sie einsetzt und wie wir uns damit in die Luft sprengen", sagt Adel. "Sie haben uns diese Westen angelegt und uns dann in einem Wagen irgendwo hingebracht, wo wir durch die Straßen gingen."

Es sei von Anfang an klar gewesen, dass sie die Befehle nicht ablehnen konnten, berichten die Jungen. "Vielleicht würden sie mich dann töten und einen anderen Jungen nehmen", fürchtete Adel.

Für ältere Rekruten ist das Bild der 72 Jungfrauen im Paradies ein wichtiger Anreiz. Für die Jüngeren mussten die Milizionäre andere Versprechen erfinden. "Ein Junge hat mir erzählt, dass die IS-Leute ihm gesagt hätten, wenn er den kurdischen Präsidenten Massud Barsani oder den religiösen Führer der Jesiden, Baba Scheich, tötete, dann bekäme er einen goldenen Palast und käme in den Himmel. Die Welt bedeutet nichts und im Paradies wäre er glücklich", so Ajaj.

Außerdem berichten die Jungen, habe man ihnen Drogen gegeben, um den Prozess zu beschleunigen. Sarhad Qadir, der Polizeichef von Kirkuk, erzählt über den Jungen, den sie mit der Bombenweste gefangen haben, er habe betäubt gewirkt und habe seltsam reagiert. Junge Jesiden, die dem IS entkommen konnten, berichten dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", man habe ihnen Pillen gegeben, die es ihnen erleichtert hätten, die Gewalt zu ertragen.

Systematische Indoktrinierung

Wiederholung ist ein wichtiger Teil des Indoktrinierungsprozesses. Immer wieder hörten die Jungen, Ungläubige müssten getötet werden. Adel und Asse spüren weiterhin die Auswirkungen dieses neunmonatigen Lebens in Angst. Asse war neun Jahre alt, als er entführt wurde. Er hat seine Empfindungen verdrängt, gibt aber zu, dass er regelrecht vergiftet worden sei. "Sie haben gesagt, ich bin Muslim und das bleibe ich immer und ewig. Sie haben mein Gedächtnis ausgeleert, damit ich nur noch den IS kenne und mich nicht an die Jesiden erinnere. Und ich hab mich wirklich nicht mehr an sie erinnert."

Ahmed hat eine Gewohnheit aus dem IS-Lager beibehalten, und das, obwohl er sie hasst. "Wenn ich allein bin, rezitiere ich den Koran. Ich versuche, ihn zu vergessen, aber es funktioniert nicht. Dabei möchte ich ihn wirklich vergessen."

Dass der IS immer mehr Kinder als Selbstmordattentäter einsetzt, fällt damit zusammen, dass er mehr und mehr Kämpfer und Territorium verliert. US-Amerikanische Militärs sagen, die Gruppe habe innerhalb von zwei Jahren 45.000 Kämpfer verloren und verfüge nur noch über etwa 15.000 Mann. Die militärische Befreiung der IS-Hauptstädte Mossulund Rakka ist in vollem Gange. Über 50 Prozent der irakischen IS-Territorien sind bereits befreit.

Um die Niederlage zu kaschieren, begeht der IS immer mehr Bombenanschläge mit Lastwagen. Aufnahmen der Fahrer zeigen, dass viele von ihnen Teenager sind. Lokale Gewährsleute sagen, dass rund 60 Prozent der IS-Kämpfer jünger als 18 Jahre sind. Sarhad Qadir, der Polizeichef von Kirkuk, nimmt an, dass der IS damit seine letzte Karte spiele. "Sie wissen, dass sie besiegt werden."

Judit Neurink

© Deutsche Welle 2016

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