Offensive gegen IS-Hochburg Mossul

Der Iran, die Kurden und der geteilte Irak

Die Befreiung der IS-Hochburg Mossul im Irak verfolgt die Regierung Irans mit Sorge. Sie befürchtet, dass die Kurden dadurch zu unabhängig werden - und dass sie mit Irans Feinden zusammenarbeiten. Von Shabnam von Hein

Seit Wochen tobt der Kampf um die Stadt Mossul, die Hochburg des selbsternannten "Islamischen Staates" (IS) im Nordirak. Die irakischen Streitkräfte rücken gemeinsam mit kurdischen Peschmerga und lokalen Milizen vor, unterstützt von US-amerikanischen Einheiten und Luftangriffen der Anti-IS-Allianz.

Doch wenn Mossul von der Terrormiliz zurückerobert sein wird, tauchen neue Probleme auf. Das sagen nicht nur politische Beobachter - auch die Regierung in Teheran ist äußerst beunruhigt. Die Entwicklungen in seinem Nachbarland Irak, mit dem er sich in den 1980er Jahren in einem verheerenden Krieg verausgabte, sind für den Iran existentiell.

Vielfältige Verflechtungen

Beide Länder teilen eine knapp 1.500 Kilometer lange Grenze. Als Mitte 2014 der IS rund 40 Kilometer vor dieser Grenze stand und Mossul besetzte, lieferte der Iran Waffen an die Gegner des IS, die Autonome Region Kurdistan im Nordirak. Masud Barzani, der Präsident der kurdischen Autonomiegebiete, bestätigte später, der Iran sei als erstes Land den Kurden zur Seite gesprungen.

Damals gingen auch Bilder von Qassem Soleimani durch die iranischen Medien, den Kommandeur der Quds-Brigaden, einer für Auslandseinsätze zuständigen Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Sie zeigten ihn neben kurdischen Einheiten im Kampf gegen IS-Milizen.

Irans Kommandant Soleimani (hinten) mit kurdischen Kämpfern im Irak; Foto: entekhab
Teherans Mann für alle Fälle: Qassem Soleimani (hinten im Bild) ist Chef einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, der sogenannten "Qods"-Brigade, ein im Ausland aktiver Ableger der Islamischen Revolutionsgarden. Als der IS 2014 vor der iranischen Grenze stand und Mossul besetzte gingen auch Bilder von Soleimani durch die iranischen Medien. Sie zeigten ihn neben kurdischen Einheiten im Kampf gegen IS-Milizen.

Die Waffenlieferungen und die militärische Unterstützung für die Autonome Region Kurdistan hat Teheran offiziell nie bestätigt. Dennoch erinnert jetzt der Militärberater des Religiösen Führers im Iran, General Yahya Rahim Safavi, die nordirakischen Kurden daran, dass "Barzani und seine Leute nicht vergessen dürfen, wie viel sie dem Iran zu verdanken haben". Teheran will seinen Einfluss auf die irakischen Kurden nicht verlieren und deren Bestrebungen für einen eigenen Staat im Keim ersticken. Denn das könnte die iranischen Kurden ermutigen, sich anzuschließen.

Dazu passt, dass Safavi die Kurden gleichzeitig ermahnt hat, sich nicht zu weit von der Zentralregierung in Bagdad zu entfernen und eine Spaltung des Irak zu vermeiden. Und der General wurde noch schärfer: Er warf Barzani vor, mit den Feinden des Iran zusammenzuarbeiten: Angeblich soll Barzani dem saudischen Konsulat in der kurdischen Hauptstadt Erbil erlaubt haben, unzufriedene kurdische Minderheiten im Iran zu bewaffnen. Das sunnitische Saudi-Arabien gilt als Irans schärfster Rivale um die regionale Vorherrschaft.

Irans benachteiligte Minderheiten

Die Regionen entlang der irakischen Grenze gelten offiziell im Iran als benachteiligte Gebiete. Der Grund: Marode Infrastrukturen und ein Mangel an medizinischen und Bildungseinrichtungen. Dort leben sunnitische Minderheiten im mehrheitlichen schiitischen Iran: im Süden arabischstämmige und im Norden die Kurden. Zur kurdischen Minderheit im Iran zählen knapp acht Millionen Menschen. Sie beklagen schon seit Jahrzehnten, von Teheran diskriminiert zu werden und fordern mehr sprachliche und kulturelle Rechte.

Vor diesem Hintergrund sorgte ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters Anfang November im Iran für Wirbel: Reuters hatte berichtet, 200 iranische Kurdinnen würden bei der Offensive auf Mossul an der Front kämpfen. Diese Fraueneinheit soll mit der bewaffneten iranischen Kurdischen Freiheitspartei PAK im Iran in Verbindung stehen und von der US-geführten Anti-IS-Koalition ausgebildet worden sein. Das langfristige Ziel der Gruppe soll es sein, einen eigenen kurdischen Staat zu gründen, der auch ihre Siedlungsgebiete in der Türkei, Syrien und im Irak umfassen soll - ein nationalistisches Projekt, das alle betroffenen Staaten vehement ablehnen.

Präsident der kurdischen Nationalregierung, Masud Barzani; Foto: picture-alliance/dpa/Michael Kappeler
Im Clinch mit Irans Revolutionsführer: Der Militärberater des "Religiösen Führers" warf jüngst Masud Barzani vor, mit den Feinden des Iran zusammenzuarbeiten: Angeblich soll Barzani dem saudischen Konsulat in der kurdischen Hauptstadt Erbil erlaubt haben, unzufriedene kurdische Minderheiten im Iran zu bewaffnen. Das sunnitische Saudi-Arabien gilt als Irans schärfster Rivale um die regionale Vorherrschaft.

Im iranischen Kurdistan will niemand diese Meldung bestätigen, nicht einmal vertraulich. "Wichtig im iranischen Kurdistan sind die Parteien mit breiter Basis in der Bevölkerung", sagt Shahou Hosseini, ein in Frankreich lebender Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran. "Große Parteien haben kein Interesse an einem bewaffneten Widerstand gegen Teheran. Sie verlangen nur mehr sprachliche und kulturelle Rechte."

Dreigeteilter Irak

Dennoch ist Teheran alarmiert. "Der Iran fürchtet, seinen Einfluss im Nordirak zu verlieren", analysiert Shahou Hosseini. Dieser Einfluss des Irans im Nachbarland missfällt wiederum anderen starken Akteuren in der Region, erklärt Mehrdad Khonsari. Der ehemalige iranische Diplomat ist heute Senior Research Consultant am Centre for Arab and Iranian Studies in London. "Vor allem Saudi-Arabien möchte den Einfluss des Iran zurückdrängen."

Khonsari sagt aber auch: Teherans Warnung vor einer Spaltung des Irak gehe an der Realität vorbei - das Land sei längst in dreigeteilt: "Der Irak, das sind die von der schiitischen Zentralregierung kontrollierten Ölgebiete im Süden, das ist der von der Autonomen Region Kurdistan kontrollierte Norden und der von sunnitischen Minderheiten bewohnte Westen."

Shabnam von Hein

© Deutsche Welle 2016

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