Niqab-Debatte in der arabischen Welt

"Der Niqab ist mein Schutzschild"

In Europa diskutiert ein Land nach dem anderen über ein Verbot von Burka und Niqab. Meist ist es eine Debatte über Frauenrechte, Unterdrückung und Fanatismus. Frauen, die einen Gesichtsschleier tragen, kommen dabei jedoch kaum zu Wort. Stephanie Doetzer sprach mit einigen von ihnen in Doha.

Zwei Niqab-Trägerinnen beim Einkaufen in Doha; Foto: Stephanie Doetzer
So wenig es die typische Frau mit Kopftuch gibt, so wenig gibt es die typische Gesichtsschleier-Trägerin, schreibt Stephanie Doetzer.

​​ Es ist ein Dilemma. Nada möchte gerne, dass westliche Journalisten anders berichten. Dass sie aufhören, im Gesichtsschleier ein Symbol der Unterdrückung zu sehen. Dass sie den Frauen selbst zuhören. Doch ihre eigene Geschichte im Interview zu erzählen, das geht ihr zu weit. Nada möchte weder ihren richtigen Namen im Internet finden, noch akzeptiert sie eine Stimmaufnahme, geschweige denn Fotos.

Der Welt da draußen vertraut sie nicht. Sie möchte nicht den Menschen gefallen, sondern nur Gott. Vor allem möchte sie sich nicht nach menschlichen Moden richten, sondern nach einem höheren Ziel streben. Was viele nicht-religiöse Europäer als religiösen Wahn abtun, ist für sie ein Ringen um richtiges Verhalten in allen Lebenslagen.

Mit 19 hat sie sich gegen den Willen ihrer Eltern für den Gesichtsschleier entschieden. Heute, elf Jahre später, sieht sie darin "die beste Entscheidung ihres Lebens". Die Details der Entscheidung behält sie für sich, nur soviel darf öffentlich zitiert werden: Dass sie sich unter dem Schleier entspannt und ruhig fühle. Sicherer und selbstbewusster. Und vor allem viel freier als vorher.

Nadas Sätze kann man in vielen Varianten hören, in mancher Hinsicht sind sie typisch. Allerdings mit Vorbehalt. Denn so wenig es die typische Frau mit Kopftuch gibt, so wenig gibt es die typische Gesichtsschleier-Trägerin.

Frauen, die öffentlich nur mit schwarzer Abaya und ebenso schwarzem Schleier auftreten, die scheinbar nur der Augenschlitz voneinander unterscheidet, steckt man schnell in eine Schublade – auch unter Muslimen, die zwar für eine differenzierte Betrachtung des Kopftuchs plädieren, aber in den meisten Fällen finden, dass der Niqab weit übers Ziel hinausschießt.

Schleier ohne Schublade

Indes: Es gibt keine Schublade, die für alle passt. Es gibt Frauen wie Nada, die im Gesichtsschleier ein Schutzschild sehen – und es gibt jene, die ihn in Kombination mit Gucci-Täschchen, Stöckelschuhen und knallbuntem Lidschatten dazu verwenden, das Klischee der verführerischen Orientalin zu zelebrieren.

Zwei Niqab-Trägerinnen in einer amerikanischen Donut-Kette in Doha; Foto: dpa
Niqab aus Tradition: "Es ist einfach unsere Tradition. Wir denken nicht viel darüber nach, wir reden nicht viel darüber, wir tragen es einfach," erklärt die Katari Nashwa Ibrahim.

​​ Gleichzeitig macht es einen gewaltigen Unterschied, wo der Gesichtsschleier getragen wird: Frauen, die sich in Syrien oder Ägypten damit zeigen, sehen darin meist ein Zeichen besonderer Frömmigkeit und gehen über die in ihrem Land übliche Religionspraxis hinaus. Nada etwa ist Ägypterin, für ihre Familie war der Niqab ein Schock. Ganz anders ist es in vielen Golfstaaten, wo der Gesichtsschleier seit jeher zu den lokalen Gebräuchen gehört.

"Es ist einfach unsere Tradition. Wir denken nicht viel darüber nach, wir reden nicht viel darüber, wir tragen es einfach," erklärt Nashwa Ibrahim, Mutter von fünf Kindern und Verwaltungsangestellte im katarischen Außenministerium.

Doch nicht nur viele katarische Frauen tragen in Doha Niqab, auch unter Konvertitinnen aus westlichen Ländern ist der Niqab weit verbreitet. Die zum Islam konvertierte Fitnesstrainerin Kathleen Toomey erzählt: "Hier in Katar ist es einfach bequem, das zu tragen. Es fühlt sich gut an." Ihre Freundin Aisha Stacey mag am Niqab "das Gefühl, an einem Ort sein zu können und doch irgendwie getrennt davon."

"Ich hasse es"

In Gesprächen mit Niqabis fällt das Wort immer wieder: "Entscheidung". Doch wie unabhängig ist diese Entscheidung, wo hört der eigene Wille auf und wo beginnt sozialer Druck oder Zwang von Außen?

"Natürlich kommt auch das vor", meint Aisha. "Aber es ist die gleiche Art von Druck, die es auch im Westen gibt – wenn ein Vater nicht will, dass seine Tochter dies oder jenes studiert, wenn ein Mann seine Frau zu etwas drängt, was sie nicht möchte. In den einheimischen Familien mag es oft eine soziale Konvention sein, aber die Frauen fühlen sich wohl damit. Und unter den Konvertitinnen ist es bei 90 Prozent eine eigene Entscheidung."

Zwei Niqab-Trägerinnen beim Einkaufen in Doha; Foto: Stephanie Doetzer
Als erstes europäisches Land verbot Belgien das Tragen des islamischen Gesichtsschleiers in der Öffentlichkeit; in Katar gehört es zur Tradition.

​​ Der Prozentsatz freilich ist eine ganz subjektive Schätzung. Wenn man in Doha unter Niqab-Trägerinnen recherchiert und sich per Schneeballsystem von einer zur nächsten weiterfragt, mag sich der Eindruck bestätigen. Doch es bestätigt sich auch, dass eine generelle Tendenz nichts aussagt über den Einzelfall.

Nur eine halbe Stunde nach dem Gespräch mit Aisha erreicht mich eine E-Mail mit folgenden Worten: "Danke für Ihre Interview Anfrage. Ich trage den Niqab nur, weil mein Mann das will. Ich hasse es. Mit besten Grüßen."

Eifersucht als Liebesbeweis

Auch Nashwa Ibrahim hat einen Ehemann, der seine Frau in der Öffentlichkeit lieber mit Niqab sieht. Doch genau darauf legt sie Wert: Ein Mann, der seine Frau den Blicken anderer Männer aussetzt, meint Nashwa, respektiere seine Frau nicht genug. "Ich wäre sehr verletzt, wenn er nicht darauf bestehen würde, dass ich Niqab trage. Es kann ihm doch nicht egal sein, wer mein Gesicht sieht! Das Gesicht ist die Schönheit einer Frau, es zieht andere Männer an. Da muss er doch eifersüchtig sein!"

Was Niqab-Trägerinnen über ihre individuellen Motive hinaus fast immer verbindet, ist die Überzeugung, dass Unterschiede zwischen Mann und Frau den Schleier nötig, oder zumindest wünschenswert machen.

"Wenn die Europäer das leugnen, dann belügen sie sich selbst" meint Nashwa. Und Kathleen fügt hinzu: "Natürlich kann man sagen: Es sind die Männer, die sich ändern müssen, sie dürfen Frauen einfach nicht mehr anstarren und nicht mehr belästigen. Doch Gott hat Männer so geschaffen, dass sie sich leicht von Frauen angezogen fühlen. Das wird sich nicht ändern, nur weil manche Frauen sagen, das passt ihnen nicht. Die Kleiderordnung im Islam ist ein Umgehen mit der Wirklichkeit – die Männer müssen ihren Teil tun, aber wir Frauen können ihnen helfen, indem wir uns bedecken."

Je mehr Frauen in Katar arbeiten, so scheint es, desto mehr tragen auch den Gesichtsschleier. Noch in den 1990er Jahren galt es als unerhört, in einem gemischtgeschlechtlichen Umfeld zu arbeiten. Heute ist es normal, doch der Umgang damit noch nicht. Der Niqab ist eines der Hilfsmittel, zu dem katarische Frauen greifen, um sich in der Arbeit wohl zu fühlen und männlichen Kollegen locker und selbstbewußt begegnen zu können.

Anonymität im Alltag

Spezifisch religiöse Gründe rücken so in der Hintergrund: Keine der Frauen hält den Niqab für eine islamische Pflicht.

Niqab-Trägerin in Doha; Foto: Stephanie Doetzer
Der Schleier als Zufluchtsort: "In der arabischen Gesellschaft, in der so viel beobachtet, bewertet und weitergetratscht wird, ist der Raum unterm Gesichtsschleier für viele ein Zufluchtsort", schreibt Stephanie Doetzer.

​​ Nada und Nashwa glauben zwar, dass es "besser" ist, sich "so gut zu bedecken wie es geht", doch letztlich sind es immer die ganz praktischen Gründe von denen sie erzählen. "Wenn ich mit meinem Mann in der Shopping-Mall bin und wir laufen seinen Freunden über den Weg... es wäre mir sehr unangenehm, wenn sie mich sehen würden." Oder: "In Doha kennt jeder jeden, ich will nicht, dass alle mich erkennen, dass jeder weiß, wo ich gestern war."

Der Niqab symbolisiert ein Stück Privatheit in einer Gegend, die alles andere als anonym ist. Weil viele arabische Metropolen in etwa so funktionieren wie in Deutschland allenfalls ein 1000-Seelen-Dorf, weil so viel beobachtet, bewertet und weitergetratscht wird, ist der Raum unterm Gesichtsschleier für viele ein Zufluchtsort. Und damit paradoxerweise ein Freiraum.

Wie ein Bikini in der Fußgängerzone

Wie aber fühlt es sich in westlichen Ländern an, wo die Linie zwischen privat und öffentlich anders verläuft? Kathleen und Aisha tragen außerhalb der islamischen Welt nur Kopftuch, keinen Niqab. Irgendwie scheint er anderswo nicht zu passen. Nashwa wiederum fliegt regelmäßig zum Shoppen nach Paris, London und München. "Ich trage dann die schwarze Abaya und ein Kopftuch.

Ich weiß, dass die Europäer das schwarz nicht mögen, aber ich will keine andere Farbe." Was ist mit den Blicken der Männer? "In Europa kennt uns keiner. Und... wie soll ich sagen? ... Die Männer dort sind anders als die Männer hier. Ich habe das Gefühl, die sehen mich gar nicht."

Nur für eine kommt es nicht in Frage, den Gesichtschleier gegen ein gewöhnliches Kopftuch einzutauschen – auch nicht in Europa. Nada sagt, sie fühle sich ohne Schleier draußen unsicher und irgendwie schutzlos. Ungefähr so, wie eine deutsche Frau im Bikini in der Fußgängerzone.

"Ich würde gerne nach Deutschland kommen. Ich möchte die Menschen kennenlernen und ihnen erklären, warum ich das trage. Aber ich habe Angst, dass sie mich nicht mögen werden. Dass sie nur den Niqab sehen, nicht mich."

Stephanie Doetzer

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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