Nikab-Debatte im Maghreb

Negation der Person oder Religionsfreiheit?

Im Maghreb sind die bislang unbekannten schwarzen Ganzkörperschleier Gegenstand einer anhaltenden Kontroverse. Neue Aufmerksamkeit erhält das Thema durch die in Europa geführte Nikab-Debatte. Beat Stauffer berichtet aus Fes.

Kopftuch und Nikab tragende Frauen; Foto: AP
Burka ist nicht Nikab, Nikab nicht Kopftuch: Im Gegensatz zu den meisten Europäern sind die Menschen im Maghreb in der Lage, die feinen Bedeutungsunterschiede in der Kopf- und Körperbedeckung zu interpretieren.

​​ Es zieht sich ein klar erkennbarer Graben durch den Maghreb: Während die frankophonen und laizistisch gesinnten Eliten einem Verbot der Ganzkörperverschleierung in Europa erstaunlich viel Verständnis entgegenbringen, wird dieses in weiten Teilen der Bevölkerung mit großer Skepsis aufgenommen oder gar klar abgelehnt.

In manchen Regionen Marokkos hüllten sich Frauen noch bis vor wenigen Jahren in ein weites, wollenes, mehrere Meter langes Tuch, das sie um Körper und Kopf wickelten. Der Faltenwurf dieses meist hellen Haik, dessen Ursprünge in vorislamische Zeit zurückreichen, erinnerte an Frauenstatuen aus der Antike und inspirierte zahlreiche Künstler.

Doch nicht nur in Essaouira, der Hafenstadt an der Atlantikküste, die für ihre in Haiks gehüllten Frauen berühmt war, sondern auch in anderen Regionen Marokkos verschwindet das traditionelle Gewand. Stattdessen kann man den rasanten Vormarsch von neuen Formen der Ganzkörperschleiern beobachten: Meist handelt es sich um den schwarzen Nikab, der im Gesicht nur einen schmalen Sehschlitz freilässt. In Anspielung an die Gesichtsmasken von Überfallkommandos werden Nikab-Trägerinnen im Volksmund gelegentlich als "Raben" oder "Ninjas" bezeichnet.

Neben dem Ganzkörperschleier hat im gesamten Maghreb die Zahl der Frauen, die ihren Kopf auf traditionelle oder modische Weise bedecken, zugenommen. In Marokko tragen heute deutlich mehr als die Hälfte aller Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch. Die Anzahl der Nikab-Trägerinnen ist demgegenüber verschwindend gering; nach Schätzungen handelt es sich um wenige Prozent aller verschleierten Frauen.

Schikanen in Tunesien

Die Situation in Algerien und Tunesien gleicht im Großen und Ganzen der in Marokko – sowohl bezüglich der Bedeutung des Phänomens wie auch der öffentlich geführten Nikab-Debatte. In Tunesien sind allerdings bis heute die Nachwirkungen der laizistischen Doktrin Bourguibas spürbar, der die Frauen einst öffentlich dazu aufrief, ihre Kopftücher abzulegen. Kopftuchträgerinnen sind in Tunesien denn auch gewissen Schikanen vonseiten der Behörden ausgesetzt. Frauen im öffentlichen Dienst dürfen nicht verschleiert zur Arbeit gehen.

Frau mit Burka; Foto: dpa
Auch wenn es wenige vollverschleierte Frauen in den islamischen Ländern gibt, werden Nikab- und Burka-Trägerinnen zunehmend in der Öffentlichkeit sichtbar.

​​ Trotzdem lässt sich auch in Tunesien in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme von kopftuchtragenden Frauen beobachten. Seit kurzem, so berichtet ein Kenner der Verhältnisse, tauchten auch in Versammlungen der faktischen Staatspartei RCD einzelne Frauen mit Kopftuch auf, was früher undenkbar gewesen wäre.

Schließlich sind auch in den Straßen von Tunis, Sfax oder Gabès immer häufiger Frauen im Nikab zu sehen. Sie gehen ein Risiko ein, als Sympathisantinnen radikalislamischer Splittergruppen eingestuft zu werden. Militante Islamisten stehen in allen drei Maghrebländern unter scharfer Beobachtung durch Polizei und Geheimdienste. Die radikale Fraktion der breit gefächerten islamistischen Bewegung stellt die größte Herausforderung für die herrschenden Machtapparate dar und wird auch von den laizistischen Eliten als Bedrohung empfunden.

Feine Unterschiede

Dieser Umstand ist bei der Debatte über Bekleidungsvorschriften im Maghreb in Betracht zu ziehen. Im Unterschied zur europäischen Diskussion über Burka, Nikab und das einfache Kopftuch sind die meisten Menschen im Maghreb in der Lage, die feinen Bedeutungsunterschiede in der Kopf- und Körperbedeckung zu interpretieren.

Konkret fällt es ihnen in den meisten Fällen leicht, zwischen der Botschaft eines modischen Kopftuchs, dessen Trägerin sich von einer ägyptischen TV-Sendung inspirieren ließ, einem traditionellen Hijab und einem schwarzen Nikab zu unterscheiden, dessen Trägerin sich durch weitere Accessoires wie etwa Handschuhe als Strenggläubige zu erkennen gibt, die sich am wahhabitischen Gedankengut orientiert.

Zwei Nikab tragende Frauen; Foto: AP
Diskussionsbedarf: Während die laizistisch gesinnten Eliten im Maghreb ein Nikab-Verbot begrüßen, lehnt die Mehrheit der Bevölkerung ein Verbot kategorisch ab.

​​ Frauenorganisationen in den Maghrebländern haben sich schon vor Jahren skeptisch bis ablehnend gegenüber dem Phänomen der Ganzkörperverschleierung ausgesprochen. Im Gefolge der Burka-Debatte in Europa haben die Betreffenden ihre Positionen erneut bekräftigt und ein Verbot des Ganzkörperschleiers in Europa mehrheitlich gutgeheißen: Er bedeute die totale Negation der Frau, erklärte etwa die algerische Frauenrechtlerin Yasmina Chouaki gegenüber der Agentur AFP. Ganz ähnlich äußerte sich die marokkanische Abgeordnete Latifa Jbabdi, Mitglied der sozialistischen Partei USFP, die von einer Erniedrigung der Frauen durch den Ganzkörperschleier sprach und für ein Nikab-Verbot in Marokko und in Europa plädierte.

Zustimmung in akademischen Kreisen

Auf große Zustimmung stößt ein Nikab-Verbot in universitären Kreisen. Der Westen habe das Recht, seine Laizität zu bewahren, erklärte etwa der Soziologe Abdelghani Moundib aus Rabat. Ähnlich äußerte sich auch der marokkanische Islamismus-Experte Mohammed Darif.

Sehr viel erstaunlicher ist, dass auch namhafte islamische Theologen ein Burka-Verbot in Europa gutheißen: Iqbal al-Gharbi, Dozent an der Universität Ezzitouna in Tunis, hält ein Verbot aus Gründen der Sicherheit und des Zusammenlebens für zulässig und plädiert dafür, Muslime auf dem Weg eines friedlichen und toleranten "Islams der Aufklärung" zu begleiten.

Solche Stimmen dürften unter Theologen allerdings eine kleine Minderheit darstellen. So hat sich etwa der marokkanische Rat der Ulema – vergleichbar mit einer Bischofskonferenz – klar gegen ein Nikab-Verbot ausgesprochen. Interessanterweise spaltet die Frage, ob die Ganzkörperverschleierung für Frauen aus religiösen Gründen angebracht sei, in Marokko auch die islamistischen Parteien und Gruppierungen.

Ein tiefer Graben

Andere Organisationen und Persönlichkeiten nehmen zwar Stellung gegen die Nikab, lehnen aber ein Verbot ab. Zu ihnen gehört Khadija Ryadi, Präsidentin der unabhängigen marokkanischen Menschenrechtsorganisationen. Andere wiederum werfen die Frage auf, aus welchem Grund der Nikab denn gerade jetzt in Europa zu einem derart emotionsgeladenen Thema geworden ist.

Drei Nikab-Trägerinnen; Foto: AP
Islamisten nutzen die Nikab-Debatte als weiteren Beweis für die Bedrohung des Islams durch westliche Werte.

​​ Doch nicht wenige begrüßen eine öffentliche Debatte zu diesem Thema. Zu ihnen gehört Nouzha Skalli, die marokkanische Ministerin für soziale Entwicklung, Familie und Solidarität. Eine schweigende Mehrheit, der auch ein beachtlicher Teil der staatlichen Funktionäre angehört, sieht im Verbot der Ganzkörperverschleierung einen Angriff auf den Islam und einen Versuch, die maghrebinischen Migranten in Europa auszugrenzen.

Bei den meisten Bewohnern des Maghreb dürfte dieses Gefühl, als Muslime erneut Opfer zu werden, eher diffus sein. Einzelne Islamisten wollen darin allerdings weit mehr sehen. Zu ihnen gehört der algerische Imam Abdelfettah Zeraoui. Es gehe nicht einfach um eine Kampagne, sondern um einen "Krieg gegen unser Volk in Europa", ließ er sich unlängst vernehmen. Er fordert die Gläubigen dazu auf, diese "Kriegserklärung" aufzunehmen, und machte gleich einen Vorschlag: strenge Kleidervorschriften für europäische Touristinnen im Maghreb.

Beat Stauffer

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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